Vorzeitige EM-Marathon-Nominierung stößt auf Unverständnis

Regensburg, 21. Juni 2010 (orv) – Während Deutschlands Top-Athleten mit den EM-Normen kämpfen, kann sich ein kleiner Kreis von privilegierten Ausdauersportlern geruhsam zurücklehnen und ruhig gen Barcelona schauen. Mit dem Vorteil einer Team-Marathon-Entscheidung im Rücken war die Hürde ins Spanische gleich um Einiges leichter und der DLV-Modus der Qualifikation kommt ihnen zudem entgegen. Es reichte, jenen fast schon lächerlichen Zeitdurchschnitt im Herbst des vergangenen Jahres, noch dazu bei verschiedenen Marathons, zu erzielen. Ein läppischer Leistungsnachweis 2010 in der langen Zeit bis zur EM wird dann noch verlangt, wobei die Qualität dessen nicht genau definiert wird. Reicht dieses Prozedere nun wirklich, um in Barcelona erfolgreich zu sein?

Ein Blick in die Vergangenheit lässt uns da schon ein wenig die Stirn runzeln. 2002 war es das letzte Mal, dass im heimischen München ein Marathon-Team aus Deutschland erfolgreich war. Irgendwie hat’s da gepasst bei Oberen, Zaituc und co. Seitdem aber platzen Träume, entstanden durch meist im Vorjahr erzielte individuelle Top-Leistungen (fast ausschließlich aus dem Bereich der Frauen) wie Seifenblasen, je näher das Groß-Event kommt. Nach und nach hagelt es Absagen und aus einem WM-Favoriten (!), zu dem Deutschlands Marathon-Frauen recht zeitig und vorschnell gemacht wurden, entstand sehr schnell eine piksaubere Team-Null.

Wer sich im Geschäft ein wenig auskennt, weiß, dass eine Vorjahresform nichts, aber auch gar nichts mit der Form des Meisterschaftsjahres zu tun hat. Besonders eifrige Befürworter der derzeit gültigen Qualifikationsregelung werden nun sofort auf den Leistungsnachweis verweisen. Der wird aber von dafür in Frage kommenden Laufklientel meist im zeitigen Frühjahr (siehe Martin Beckmann 2010) oder mit unzureichender Qualität (siehe Tobias Sauter 2010) abgegeben. Dann zieht man sich wieder in die Trainingsarbeit zurück, lässt sich ab und zu bei unwichtigen Straßenevents auf viel zu kurzen Strecken meist unvermessener Natur sehen und setzt auf das Prinzip Hoffnung, es möge doch endlich nach vielen vergebenen Anläufen beim Hauptevent einigermaßen klappen. Die langjährige Betrachtung der Szene sagt uns aber: Es klappt meistens nicht!

Prinzipiell könnte man sich da den Leistungsnachweis zur unpassenden Zeit (eine Form im März lässt keinerlei Schlüsse auf eine Form Ende Juli zu und 10.000 m Läufe im Mai/Juni sollten doch für EM-Marathonaspiranten nicht destruktiv sein, selbst wenn sie auf der Bahn stattfinden) gleich wegfallen lassen, wie bei der Nominierung für die 5000 m bei der Team-EM in Bergen geschehen. Die von Christian Glatting am 1. Mai erreichten 28:40 über 10.000 m reichten aus, um ihn sieben Wochen später ohne jegliche Rennpraxis in Bergen einzusetzen. Die fehlende Bahn-Wettkampfpraxis merkte man dem jungen Läufer dann deutlich an. Defensiv und unsicher fuhr er für den DLV mit einer 14:09 den vorletzten Platz ein. Es wäre zwar nicht zutreffend, dass jene Läufer, die im Vorfeld der Team-EM eine bessere 5000 m Leistung eingebracht hatten, auch erfolgreicher gewesen wären, es ist aber mit Sicherheit davon auszugehen, dass sie auf Grund ihrer im Mai und Juni praktizierten Rennen größere Wettkampfhärte mitgebracht hätten.

Im Wettkampfverhalten scheint daher vielleicht auch ein Schlüssel zu Erfolg zu liegen, in Bergen, wie später wohl in Barcelona. Deutsche Athleten/Innen sind stets mit einem Auge auf die vom DLV noch unnötig verschärfte EM-Norm immer auf der Jagd nach günstigsten Bedingungen für eine schnelle Zeit. Nicht selten entstehen Kunstformen des Laufens mit ein, zwei Tempomachern, der wahre Wettkampf Mann gegen Mann oder Frau gegen Frau tritt total in den Hintergrund. Kommt dann diese Form beim Großereignis zum Tragen, sind viele deutsche Athleten/Innen schlichtweg überfordert, weil sie immer nur den schnellsten Weg zum Ziel üben und nur selten jenen, der über die Platzierung Erfolg verspricht. Deshalb meine Vision zur Zukunft: sanftere Normen (EAA-Normen), kürzere, zeitnähere Qualifikationsrennen, mehr Ausscheidungsrennen ohne Tempomacher.

Ganz speziell für die Marathonläufer: Die Qualität unserer Marathonis ist nicht so hoch, dass man keine gemeinsame Ausscheidung bei der Marathon-DM (man könnte diese auch vier Wochen früher terminieren) oder anderswo verlangen könnte  – ein Leistungsnachweis, hier auch wieder gemeinsam Mitte Juni gelaufen, über die 10.000 m bzw. 10 km auf der Straße wäre ebenso dienlich. Bei der Qualität des Männer-Teams ist es im Übrigen unverständlich, dass man ohne Reservemann anreist. So wird auch noch die Chance, Nationen wie Österreich oder Schweden hinter sich zu lassen, unwahrscheinlicher.