Heutige Meetings sind oft nur noch  ein Spielball der Interessen

Regensburg, 24. Juni 2010 (ring) – Die Sparkassen Gala ist vorbei – der Organisationsstab atmet tief durch. „Warum tun wir uns das eigentlich an“, bringt einer der maßgeblichen Organisatoren die „Stimmung danach“ auf den Punkt. In der Öffentlichkeit ist die Veranstaltung wieder einmal hervorragend angekommen, sportlich gesehen war sie ein Volltreffer, Dank und Anerkennung kommt von allen Seiten und doch – da gibt es viele Kleinigkeiten die am Idealismus der ehrenamtlichen Macher gewaltig nagen. Zeitgeist eben, wo „Geiz geil ist“ und die die eigenen Interessen stets Vorfahrt haben. So ist denn die Sorge, dass man das Meeting nicht schultern könne eine ganz geringe, die Angst während der Veranstaltung jegliche Energie wieder einmal in die Tricks und und unverblümten Anmaßungen einiger, Gott sei Dank noch immer wenig vertretenen Egomanen stecken zu müssen. Als nun schon recht erfahrener leichtathletischer Mensch, der jahrelang, ja sein ganzes Leben mehr oder weniger zuerst als Athlet selbst, dann als Funktionär, Trainer, Veranstaltungsleiter und Vereinsboss unterwegs war, möchte ich im Zeitalter der „Ich-AG’s“ einmal ein paar Worte zum Ganzen eines Meetings verlieren.

Große Meetings brauchen Sponsoring

Die moderne, hochtechnische Zeit bringt es mit, dass ein Meeting nicht mehr mit einer Handvoll Kampfrichter, einem Maßband, ein paar Stoppuhren und den alles sonst erledigenden Veranstaltungsleiter zu fahren ist. Der technische Aufwand ist inzwischen gewaltig und kostet entsprechend. Das Ganze mit den eingenommenen Organisationsgebühren zu schultern, ist ein unmögliches Unterfangen. Deshalb braucht ein Meeting Sponsoren. Der Begriff „Sponsoring“ wird aber in der Leichtathletik immer noch all zu gerne in Richtung Gönnertum betrachtet. Hier die Geldleistung des Sponsors, dort ein artiges Dankeschön dafür. In Wirklichkeit verhält sich das natürlich ganz anders. Sponsoring beruht auf einem vertragstechnisch abgesicherten Katalogwerk von gegenseitigen Leistungen der Partner. Dazu kommt, dass der Markt im regionalen Umfeld einer Leichtathletikveranstaltung einfach begrenzt und nicht beliebig ausweitbar ist. An überregionale Sponsoren ist in der Regel sowieso nur zu denken, wenn das Fernsehen live dabei ist und Summen im Gepräch sind, die derzeit nur der WM-Standort Berlin mit seinem ISTAF schultern kann.

Dem Sponsor gerecht werden

Der Sponsor will ganz einfach dann für seine Geldleistung entsprechende Sachleistungen haben, die seinen Interessen entsprechen. Da wäre zunächst einmal die Öffentlichkeit, die ein Sponsor mit einem Sport-Sponsorship sucht und nicht nur über eine geschickte PR des Veranstalters, sondern auch über eine Ansammlung von interessierten Menschen und eine makellose Performance der Veranstaltung erhält. Es reicht also nicht, etliche hundert gute bis sehr gute Athleten ins Stadion zu holen und durch ein möglichst medienträchtiges Getöse „Weltklasse in wo auch immer“ anzukündigen. Dort, wo König Fußball die Massen selbst in der Drittklassigkeit mühelos anzieht, tut sich die Leichtathletik seit Jahrzehnten sehr schwer. Sie hat ihr Publikum verloren und das liegt ganz sicher nicht an der Sportart selbst. Man erinnere sich nur an die Medienberichte, bei denen Leichtathletik immer noch zu den am liebsten angeschauten Events zählt. Ich meine, wir haben alle viel zu lange viel zu wenig in unsere Veranstaltungen investiert. In Zeiten des „public viewing“ müssen wir aufholen, um des Sponsors liebstes Kind, den Zuschauer wieder ins Leichtathletik-Stadion zu locken. Das wird dauern, verpflichtet uns aber trotzdem mit der inzwischen sich rasend entwickelnden Medientechnik mitzuhalten. Das heißt im Klartext: elektronische Anzeigentafeln, Videowall und Moderatorenqualität in mehrfacher Anzahl. Dazu muss ein flotter Zeitplan und eine athletenfreundliche Durchführung kommen. Der livestream ist zudem nicht als Instrument zu sehen, das den Zuschauer vor dem Gang ins Stadion abhält. Er ist viel mehr beste Werbung für alle, die noch nicht den Weg zur Veranstaltung fanden: „Da schaut hin, es lohnt sich zu kommen.“ 8000 User, wie bei der diejährigen Sparkassen Gala in Regensburg, stimmen außerdem Sponsoren durchaus zufrieden. Das alles hat natürlich seinen Preis. In Regensburg werden allein 40 Prozent des Budgets von diesem Bereich aufgefressen und jeder Euro ist richtig angelegt. Natürlich sind auch die Wünsche und Vorstellungen der Technik vorhanden, das eine oder andere schon jetzt besser rüber zu bringen, wenn man entsprechend mehr bezahlen würde. In der Regel wird aber schnell eingesehen, dass eben nur das, was (finanziell) machbar ist, auch gemacht werden kann. Und es sei hier noch einmal deutlich gesagt: Reich wird von dieser des zumeist sogar semiprofessionell arbeitenden Technik- und Medien-Kientel in Regensburg niemand. So nebenbei würde ich manchem Athleten, Trainer und Manager die Begeisterung und den Idealismus wünschen, den jene „bezahlten“ Profis mitbringen.

Athleten brauchen ein gutes Meetingumfeld

Alles, was ein Athlet zur guten Leistung braucht, ist eine gute Form und ein gutes Umfeld beim Event, bei dem er Leistung zeigen will. Dazu gehört eine reibungslose, flotte Durchführung einer Leichtathletikveranstaltung, wie auch die gute Unterbringung vorort und entsprechende Betreuung über die Physiotherapie. Was vielen Athleten aber unbekannt zu sein scheint, ist die große Zahl von Helfern, ehrenamtlich tätig und außer der Verpflegung für nichts als ein Dankeschön oft tagelang arbeitend. In Regensburg sind es zwischen 100 und 130. Außerordentlich schön fand ich da die Geste jenes schottischen Stabhochspringers, der beim Pre-Springen am Neupfarrplatz nach erfolgreich beendetem Wettkampf jedem, aber auch jedem Helfer und Kampfrichter dankend die Hand schüttelte. Dazu gibt es leider das Kontrastprogramm, wenn sich selbsternannte Stars bei laufender Veranstaltung im letzten Moment selbst per Handy in den Wettbewerb einloggen, anschließend die Tür zum Wettkampfbüro aufreißen, die verspätene Annahme des Starts als selbstverständlich betrachten und im selben Atemzug Antrittsgeld in nicht angebrachter Höhe fordern. Gehen wir aber zurück zum Budget: Mit Übernachtungen für alle in Regensburg startenden deutschen Kaderathleten und für die entsprechenden ausländischen Gäste inklusive der Bundestrainer, den EM-Prämien für eine erfüllte Norm und den freilich nicht üppigen Siegprämien geht dann fast der Rest des Budgets drauf. Tempomacher müssen auch noch bezahlt werden und Kleinkram sammelt sich zudem im vierstelligen Bereich an. Dass hier in Regensburg für die Athleten alles bestens gerichtet war, zeigt allein die Ausbeute der erzielten Top-ten-Plätze in der deutschen Bestenliste.

Die Rolle der Manager bei Meetings wie in Regensburg


Natürlich werden auch Gespräche mit Managern von Athleten über den einen oder anderen Topstar geführt. Die Regel kann es aber nicht sein. Selbstverständlich könnten wir vieles vom für technischen Aufwand verbrauchten Budget auch in bezahlte Athleten investieren, die Veranstaltung selbst würde aber gewaltig leiden. Das Meeting liegt so früh in der Saison, dass der eine oder andere Topstar die Veranstaltung als vorsaisonale Leistungsüberprüfung ansehen könnte und jener nachwachsenden Athletenkundchaft, zu der auch er früher mal gehörte, allein durch seine Anwesenheit das Gefühl geben kann, bei einem großen Meeting dabei gewesen zu sein. Nichts braucht die deutsche Leichtathletik mehr, als jene Basismeetings wie Regensburg, bei denen die Talente mit Hilfe entsprechender Konkurrenz auch zeigen können, was sie drauf haben. Ganz abgesehen davon, dass jene Familienfeste der Leichtathletik schon allein wegen der Masse einfach Spaß machen. So bleibt denn auch das Geschäft mit Managern schon allein aus Kostengründen ein Randgeschäft. Auch Meetings wie Regensburg brauchen die Manager, wenn auch in einer anderen Rolle, und auch die Manager brauchen diese Meetings für ihre noch nicht ganz flügge gewordenen „Lehrlingen“ unter den Athleten.

Der Verband sollte mithelfen, Standards zu entwickeln

Es ist außer Frage, dass für die deutsche Leichtathletik Veranstaltungen wie Pliezhausen, Regensburg oder auch Leverkusen der vergangenen Tage nötig sind, um vorwärts zu kommen. Deshalb muss in Hinblick derer Gestaltung Einigkeit zwischen Veranstaltern, Athleten, Trainern, Managern und letztendlich auch dem Verband geschaffen werden, welche Standards solche Meetings anbieten sollen und auch können. Der Ansatz der EAA, die internationalen Meetings zu katalogisieren, ist nicht der schlechteste. 5-10 Topstars zu reduzierten Preisen, einem Pre-Meeting entsprechend, dazu die übrige nationale Garde, deren Kader Privilegien wie Übernachtung, Bankett und Freistellung von den Organisationsgebühren erhalten, und zum Athletenfeld passende internationale Gegner/Innen könnten ein Rahmen für ein Klasse-Meeting auf hauptsächlich nationaler Ebene sein. Den Spielraum für „nationaler Topstar“ oder „nationale Klasse“ sollte durchaus der DLV vorgeben, wobei die Definition durchaus eine ganz einfache sein kann. Eine Möglichkeit wäre, „nationale Topstars“ damit zu definieren, dass sie eine Endkampfplatzierung bei Welt-, Europameisterschaften bzw. Olympischen Spielen in einer Einzeldisziplin zeitnah zum Event (heißt höchstens zwei Jahre alt) nachweisen können. Die nationale Garde würde sich aus den Kaderlisten ergeben und die internationalen „Füllathleten“ sind auf dem derzeit sowieso überfüllten europäischen Markt leicht zu haben. Vieles davon ist in Regensburg bereits erfüllt und doch schaffen es immer wieder wenige gegen den Strom schwimmenden, permanent ihre eigenen Regeln aufstellenden Athleten-Manager-Systeme, dem Veranstalter mehr Arbeit zu machen, als der Rest des Ganzen.

Regelabläufe müssen auch  bei Meetings eingehalten werden

Was bei Meisterschaften klaglos hingenommen wird – keine Nachmeldungen, keine Ummeldungen, gesetzte Läufe, Bahnverteilung nach internationalen Regeln, Stellplatzzeiten, Abmeldungen usw. – gerät bei Meetings sehr oft aus den Fugen. Aufgeregte Trainer, die naturgemäß immer das Beste für ihren Athleten wollen, schlampige Athleten, die Vorlaufzeiten nicht beachten und unzählige Versuche, die notwendigen Zeitabläufe wegen Banalitäten auf den Kopf zu stellen, bringen so manches Wettkampfbüro in den Zustand der totalen Erschöpfung und wenn dann irgendetwas nicht sofort gelöst werden kann, wird sehr schnell mit der Abreise, dem Nichtmehrkommen und sonstigem gedroht. Nachgedacht, dass man mit seinem angedachten Vorteil in viele weitere Vernetzungen große Löcher reißt und sei es bloß, dass wieder einmal die völlig falschen Namen in der Startaufstellung von den Moderatoren nichtsahnend vorgelesen werden, haben da jene hoch emotional erregten Zeitgenossen wenig. Hier mein Vorschlag: Alle, aber auch alle von Bundestrainern gesetzten Läufe müssen dem Wettkampfbüro am Vortag vorliegen. Da die meisten Athleten schon zu diesem Zeitpunkt vorort sind, muss dieser Überblick erwartet werden können. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich dann am Morgen des Wettkampftages einer der Gesetzten beim Zähneputzen den Arm bricht, ist relativ gering. Die sofortige Abmeldung im Wettkampfbüro bei einem beabsichtigten Nichtantreten im Endlauf sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Damit bleibt Zeit, den Endlauf entsprechend der Bahnen weiter aufzufüllen. Ein Setzen der Mittelstreckenfelder ist dann einfach, wenn die zuständigen Bundestrainer ihre Kader drei bis vier Tage vorher „im Griff haben“ und nicht erst in der letzten Nacht vor dem Wettkampf entschieden wird, ob man nun kommt oder nicht. So können talentierte Nachwuchsläufer/Innen aus den im Vorprogramm stattfindenden C-Läufen problemlos in die B-Läufe gezogen werden, weil die moderne Telekommunikation via Internet dann entsprechende Felder am Donnerstagabend wunderbar ins Netz setzen kann, was Anreise und Wettkampfplanung aller derjeniger, die noch nicht zu den A-Lauf-Kandidaten gehören, enorm erleichtert.

Stillstand ist Rückschritt

Viele werden jetzt sagen, der Ring hat stets was zu meckern, selbst an seinem eigenen Meeting. Richtig so, denn Selbstzufriedenheit führt nicht selten zu „laissez fair“ und das können wir beim momentanen Veranstaltungsstatus der deutschen Leichtathletik am wenigsten gebrauchen. Wie sagte doch so schön Oli Kahn, der Weltklassetorwart des FC Bayern: „Immer weiter, immer weiter …“ Es gibt nie eine endgültige Form, Meetings, die leben, müssen stets entwickelt werden. Trotzdem, am Ende meiner Ausführungen muss ich meiner allgemeinen Linie untreu werden. Ich verneige mich ganz tief mit dankbaren Herzen bei den namenlosen vielen Helfern, die die Gala organisatorisch erst möglich machen, bei den engagierten Athleten/Innen vom Galaprogramm, aber auch vom Vorprogramm, die Regensburg alljährlich zum Bestleistungsfestival machen, beim DLV, der unsere Bemühungen mit all seinen Kräften unterstützt, bei den treuen Sponsoren, die der Leichtathletik in Regensburg in all den Jahren immer wieder eine Chance geben, bei der Universität Regensburg, die uns all die Jahre ein Tip-top-Stadion zur Verfügung stellt, bei meinem engen Organisationsstab inklusive Technik, Moderation, Wettkampfbüro, Hotelverwaltung, Internetbetreuung und athletics SPORT GmbH Geschäftsführung, die jede „Schnapsidee“ von mir stets so umsetzen, dass sie ankommt und auch machbar ist. Wie sagte so schön livestream-Moderator Florian Weber am 5. Juni beim abschließenden 5000 m Rennen um 21.15 Uhr nach seiner Marathonberichterstattung: „ Das ist eine ganz besondere Athmosphäre. Selbst wenn es im Stadion schon etwa schummrig ist, es ist ein wunderschöner lauer Sommerabend. Und wenn man auf den Zeitplan schaut – Beginn 9.30 Uhr und jetzt um fast halb Zehn abends der abschließende 5000 m Lauf, noch einmal ein Highlight der Sparkassen Gala. Es kann eigentlich nur Regensburg sein!“