Die Regensburger und ihr eng geknüpftes soziales Athletennetz

telis_01_junioren_dm_2009_bubelfotoRegensburg, 2. Juli 2010 (ring) –  Susi Lutz, Coco Harrer, Philipp Pflieger und die anderen Asse der LG Telis Finanz machten sich gerade auf der Hundertmetergeraden im Stadion warm. Eine der letzten harten Einheiten vor den Saisonhöhepunkten standen an. Am Rande der Tribüne saß eine Elfjährige und schaute mit versonnenem Blick zu. Ich kannte sie beiläufig von den gleichzeitig stattfindenden Schülereinheiten der letzten Wochen, wo sie eifrig wie alle Kids Tag für Tag versuchen, ihren Traum vom großen Sport Wirklichkeit werden zu lassen. Da wollte ich mir doch einmal ein paar Minuten Zeit lassen für ein kleines Gespräch. „Warum trainierst du denn heute nicht?“ war meine einleitende Frage. Traurigen Blickes erklärte sie mir, dass sie krank sei, eben erkältet und nichts tun dürfte. Trotzdem, sie war da. Ihr hoher Motivationsgrad, „dabei“ zu sein, auch dann, wenn man selbst gar nichts machen kann, hatte mich ehrlich gesagt beeindruckt. Erst recht dann, als sie mir erzählte, dass sie in Oberhinkofen (Ort im Landkreis Regensburg) wohnt und der Weg ins drei Mal pro Woche stattfindende Training nicht immer leicht zu bewältigen ist.

Dabei ist ihr Wohnstatus in unserem Club eher ein normaler. Die Talente kommen fast immer vom Land, sogar hin und wieder weiter her, als unser Landkreis groß ist. Da wurde mir wieder deutlich, welch soziales Netzwerk so ein Leichtathletikverein bildet. Es fällt mir schon fast nicht mehr auf, weil ich selbst zusammen mit meiner Frau – die den Nachwuchs unter anderem auch fachspezifisch als Trainerin anleitet – aus dem westlichen Landkreis, genauer gesagt aus Hemau komme. Es ist uns einfach zur lieben Gewohnheit geworden, Tag für Tag, Jahr für Jahr und das schon seit zwanzig Jahren mit dem Vereinsbus jene leichtathletischen Edelsteine am Weg nach Regensburg in Hemau, Deuerling, Waldetzenberg oder Nittendorf einzusammeln. Die aus dem Norden, Osten und Süden Kommenden haben es da nicht so leicht. Sie sind nicht selten auf ihre Eltern angewiesen, die bis zu sechzig Kilometer zweifach, dreimal die Woche unterwegs, in Regensburg dann zwei bis drei Stunden totschlagen müssen, um ihre Lieblinge dann am Abend wieder nach Hause zu bringen.

trainingslager07_koordination-pinienwald„Ja gibt’s denn in der Stadt gar keine Talente“, wird der eine oder andere jetzt sagen. Das schon, aber eben viel weniger, und das hat seine Gründe. Talente entstammen aktiven Elternhäusern. Aktive Eltern bauen sich in jungen Jahren etwas auf, zumeist auch kleine Einfamilienhäuser. Und die werden ganz einfach fern der Großstadt gebaut, weil dort der Grund noch erschwinglich ist. Die Schule oder Sport schwemmt die Kinder und Jugendlichen dann wieder ins Zentrum zurück, zumindest jene in der Leichtathletik, weil diese Sportart sehr aufwendig ist und erfolgreich eben nur im zentral gelegenen Club ausgeübt werden kann. So leben die „Staderer“ (hochdeutsch: Städter) nicht unerheblich von den Früchten des Land(kreises), wenn der auch namentlich gesehen gar nicht mehr vorkommt.

Ein wenig haben wir von der LG Telis Finanz Regensburg dem dann doch Rechnung getragen. Eigentlich sind wir gar kein Verein und eigentlich müssten wir LG Telis Finanz Regensburg-Post-Süd-Jahn-DJK Nord. Waldetzenberg, Laaber, Hemau …. usw. heißen. Das LG steht in diesem Zusammenhang für „Leichtathletik Gemeinschaft“, einem Zusammenschluss, wie in diesem Falle von 15 Vereinen aus der Stadt und dem Landkreis, ja sogar darüber hinaus. Ganz bewusst haben wir diese in der Leichtathletik mögliche Form der Wettkampf- und Trainingsgemeinschaft gewählt, um mit unserere hauptsächlich kopffinanzierten Vereinigung die Talente einer ganzen Region fördern zu können ohne sie den Stammvereinen wegnehmen zu müssen. So ist denn auch die SG Waldetzenberg mit Recht auf ihre Liedl-Zwillinge stolz, auch dann, wenn man nicht mehr so recht erkennt, dass sie immer noch und eben nur Vereinsmitglieder der SG sind.

lg_gala_lutz_foto_-_185Es sind ja nicht nur die sportlichen Talente, die den Regensburger Sport – und da meine ich die ganze Region mit Stadt und Landkreis – weiterbringen. Nachdem die Sozialstruktur bei unserer Regensburger Leichtathletik noch schwer intakt ist, wird jedes Meeting auch mit vielen Elternhänden aus dem Landkreis mitorganisiert und mitgetragen, wenn man so will, steht auch die Zentrale des Clubs im Landkreis, in Hemau. Ab und an liest man es dann doch noch in der Zeitung, wo sie her kommen, die immer zahlreicher werdenden Sternchen der LG Telis Finanz. Erst im letzten Jahr, als die „Wenzenbacherin“ Corinna Harrer Junioren-Vize-Europameisterin über 800 m wurde und der „Sinzinger“ Wirbelwind Susi Lutz bei den älteren Juniorinnen (U23) erneut EM-Bronze über 3000 m Hindernis holte. Dass Sinzingerinnen mit der vor 20 Jahren exzellent laufenden Beate Waeber, der zur damaligen deutschen Nachwuchsspitzenklasse zählenden Elke Runge und eben der in der Jetztzeit laufenden Lutz-Geschwister wahrscheinlich auf der Langstrecke der Mädels und Frauen mehr Titel gesammelt haben als der Rest Regensburgs, ist natürlich nur Insidern bekannt, kann aber an dieser Stelle durchaus erwähnt werden.

So ist denn die LG Telis Finanz Regensburg immer nur ein Synonym für die ganze heimatliche Region mit der Stadt, aber auch dem Landkreis und dem Land herum. Deshalb freut es uns auch immer wieder, wenn sowohl die Stadt als auch der Landkreis unsere Sportart und ganz speziell unsere Leichtathletik Gemeinschaft tatkräftig unterstützen. Wir wollen es mit allen Kräften an die jungen hoffnungsvollen Talente zurückgeben – jene aus Stadt und Land.