Susi Lutz hat in Braunschweig ein Déja-vu und holt sich am Ende den DM-Titel

lutz_susi1_dm-aktive-kiefnerfotoBraunschweig, 18. Juli 2010 (orv) – Susi Lutz hat endgültig Frieden geschlossen mit der Löwenstadt Braunschweig, speziell mit dem roten Kunststoffoval im Eintrachtstadion. An der Städte ihrer größten Niederlage feierte das Telis-Ass nach einer mehr oder weniger großen Durststrecke von fast fünf Jahren nun mit dem Gewinn des deutschen 3000 m Hindernis-Titels ihren größten Triumpf. Mit einer hinreißenden letzten Runde nutzte sie die Gunst der Stunde und ließ der versammelten Konkurrenz mit 10:09,20 nicht die geringste Chance, darunter auch erstmals Dauerrivalin Julia Hiller aus Fürth.

„Ich habe ein Déja-vu“, murmelte sie noch Stunden vor dem Rennen auf dem Einlaufplatz. Das Stadion, das Umfeld, die gute Atmosphäre kannte sie genau. Vor ziemlich genau fünf Jahren war sie als frischgebackene Bronzemedaillengewinnerin von der U20-EM in Kaunas angereist. Zwei Jahre lang hatte sie in Deutschland im Jugendbereich niemand geschlagen. Acht Tage nach ihrem EM-Erfolg wollte sie nun auch den Jugend DM-Titel über 2000 m Hindernis und den Rekord dazu. Zweifel daran gab es keine. Forsch marschierte sie in einem Höllentempo los, lief einen Vorsprung heraus und musste am Ende doch Titel und Rekord abgeben. Vier Sekunden war sie im Ziel schneller als jemals eine Jugendliche vor ihr, und doch schnappte ihr  Julia Hiller Gold auf den letzten Metern weg, noch einmal gut eine Sekunde besser.

lutz_sussman1_dm-aktive-kiefnerfotoDer Name Hiller schien für Susi Lutz von nun an zur schweren Bürde zu werden. Oftmals trafen die beiden aufeinander und immer hieß die Reihenfolge Hiller vor Lutz. Lief die Regensburgerin gut, rannte die Fürtherin noch besser, lief sie schlecht, versagte Susi Lutz gänzlich. Es war wie verhext, ein läuferisches Naturgesetz eben. Selbst als die Quelle-Frau im ersten wichtigen Hindernisrennen der Saison beim Meeting in Rehlingen ungeahnte Schwächen zeigte, hatte sich Susi Lutz im Vorfeld einen Infekt eingehandelt und trudelte chancenlos hinterm Feld her.

2010 scheint aber nun das Jahr zu sein, in dem die Sinzinger Studentin mit sportlichen Vorurteilen aufräumen will. Schon Anfang Juni bei der eigenen Sparkassen Gala im Uni-Stadion lief es erstmals gut, wo es sonst immer schlecht lief. „Ich kann einfach nicht vor eigenem Publikum laufen“, hieß es immer wieder. Doch an diesem 5. Juni war sie hellwach, blieb mit 9:58,60 erstmals unter zehn Minuten. „Natürlich ohne Hiller“, unkten die Skeptiker. Ein Abstecher zum „Internationalen“ ins französische Metz, ursprünglich als Angriff auf die EM-Norm von 9:48 gedacht, endete auf der hitzegeschwängerten Bahn mit einem weniger befriedigenden Ergebnis.

„Lauf dein Rennen, such deine Stärken und wenn du am Ende nicht Erste bist, waren die anderen einfach besser“, so der letzte Rat für’s Meisterschaftsrennens vom Trainer, der Susi Lutz Nervenkostüm aus acht wundervollen Jahren der Zusammenarbeit bestens kennt und sie damit noch einmal fokussieren wollte auf ihre Qualitäten, weg vom Duell Hiller-Lutz. Bei Streckenhälfte zweifelte er arg, ob ihm das auch nur im Geringsten gelungen war. Nicht nur er bemerkte Unsicherheiten, immer wieder ein Nachrücken an die Spitze. Doch Runde um Runde wurde sein Schützling sicherer. „Ich habe alle Wassergräben gut erwischt“, wird sie später sagen. Dann holt sie den Kaunas-Spurt heraus, der sie zweimal schon zu Bronze getragen hat, reißt im Ziel Mund und Augen völlig erstaunt weit auf, die Arme zur gewohnten Lutz-Siegerpose nach oben.

Das Zusammentreffen in der Mixed-Zone zwischen Coach und Läuferin wird für beide zum emotionellen Highlight. Heulend vor Glück lässt der kleine Wirbelwind in den Armen seines Coachs seinen Gefühlen freien Lauf. Ein langer Weg hat zum Ziel geführt, Glück und Elend liegen dabei oft nah beieinander.