Der Weg zum perfekten Laufstil

salazarwebb-foto_reinwandWenn sie sich am Sonntag, den 7. November den New York City Marathon ansehen, ist die Chance groß, dass das Erste was sie sehen eine Gruppe ausgemergelter aussehender Männer ist, die die Strassen mit etwas mehr als 19,5km/h, oder ungefähr 3:03min/km hinunter hetzen. Auf die Zuschauer werden sie wie ein kaum fassbarer Farbklecks wirken: ein panisch flüchtender Haufen rücksichtsloser, aber hoch konzentrierter Gazellen, so ökonomisch in ihren Bewegungsabläufen, dass es fast so aussieht als würden sie Boden gar nicht berühren.

Irgendwo inmitten dieser Gruppe wird sich ein dünner, weißer Läufer aus Michigan befinden, auf dessen Startnummer „Ritz“ steht. Als Außenseiter wird Ritz – dessen voller Name Dathan Ritzenhein lautet – weniger Aufmerksamkeit als den Favoriten des Rennens zukommen: Meb Keflezighi, der im letzten Jahr als erster Amerikaner seit einem Vierteljahrhundert das Rennen gewinnen konnte und Haile Gebrselassie, die äthiopische Marathonlegende und Weltrekordhalter auf dieser Distanz. Das ist in Ordnung für Ritzenhein, der, wie man unter Marathonläufern sagt, sein New York „Debüt“ 2006 gab, als er 23 Jahre alt und ein so heißer Kandidat war, dass ihm laut Running Times der Veranstalter ca. 200.000$ ( derzeit etwa 142.000€) zahlte. (Ritzenheins Manager dementiert diese Zahlen). Als nationaler Collegemeister im Crosslauf reiste Ritzenhein in New York unter den Erwartungen an, der nächste große amerikanische Marathonläufer zu sein. Immer direkt an den Fersen der Führenden wirkte er auf den ersten 32km bestens gerüstet um diese Erwartungen zu erfüllen. Doch als sie die Bronx erreichten geriet er allmählich in Rückstand. Zu dem Zeitpunkt als die Ersten die Zielgerade im Central Park erreichten, war Ritzenhein im Prinzip nur noch kriechend unterwegs. Er wurde Elfter.

Später machte Ritzenhein seine Unerfahrenheit dafür verantwortlich. In den folgenden drei Jahren veränderte sich dennoch wenig. Beim Olympiamarathon 2008 wurde er Neunter, geplagt von Wadenschmerzen, die ihn in der Mitte des Rennens dazu zwangen anzuhalten um sie zu Dehnen. Im darauffolgenden April wurde er Elfter in London, in einer Zeit von 2:10h, mit der er fast 5 Minuten hinter dem Sieger lag. „London war wirklich mein letzter Strohhalm“ sagte er kürzlich. „Ich dachte mir, Ich hab viel dafür investiert. Will ich wirklich nur Mittelmaß sein?“

Zwei Monate später verließ Ritzenhein seinen Trainer Brad Hudson, mit dem er die letzten 5 Jahre zusammen gearbeitet hatte und schloss sich einer Läufergruppe an, die von Alberto Salazar trainiert wird, einem schillernden Ex-Topläufer, der von vielen als der beste amerikanische Marathonläufer überhaupt angesehen wird. Salazar wird seit 8 Jahren von Nike dafür bezahlt eine Gruppe von bis zu 12 Athleten, die zusammen auf dem Gelände des Unternehmenshauptsitzes in Beaverton, Oregon trainieren, - und die wie Nike hofft, in mit dem Swoosh „verzierten“ Trikots Rennen gewinnen werden. Zu Beginn hatte Salazar nur beschränkt Erfolge. Aber in jüngster Zeit hat er sich durch seine Fähigkeit zerbrechliche Athleten an Spitzenleistungen heran zu führen den Status des geheimnisvollen Nimbus erarbeitet. Salazar wird großes Lob zugesprochen für die Wiederbelebung der Karriere von Alan Webb, dem 27-Jährigen Wunder-Meiler und den Aufstieg zweier amerikanischer Rekordhalterinnen, Kara Goucher und Amy Yodor Begeley.

Zur Initiation in die Gruppe wurde Ritzenhein quasi ins kalte Wasser geworfen.  Als Trainer ist Salazar nahezu besessen davon geworden den Stil seiner Läufer zu optimieren, auch Ritzenhein blieb diese tiefgründige Prüfung nicht erspart. Während der regelmäßigen gemeinsamen Bahnprogramme der Athleten kritisierte Salazar zum einen das Kippen der Hüfte und zum anderen die nahezu horizontale Führung der Unterarme, was in seinen Augen pure Kraftverschwendung war. Er kritisierte ihn außerdem für seine Tendenz mit nach oben zeigenden Daumen zu laufen, anstelle ihn in der Faust zu halten. (Salazars Ansicht zur Folge verursachte der dadurch  angespannte Unterarm über eine Reihe physiologischer Verknüpfungen auch eine verspannte Beinmuskulatur). Obwohl die Einwände Ritzenhein beunruhigten stellte er sie nicht in Frage „Alberto hat zu mir gesagt, „es zwingend Notwendig dass du zu 100 Prozent an alles glaubst was wir machen werden“ und er fügte hinzu „weil es komplett verschieden von allem ist was dir bisher beigebracht wurde.““

Salazars Herumdoktern war umstritten. Unter Elite-Trainern und Läufern wird es als ein sehr riskantes Unternehmen gesehen den natürlichen Laufstil eines Athleten zu verändern. Etliche Topläufer haben einen eigenartigen Laufstil und bereits die Umstellung eines kleinen Details an der anatomischen Ausrichtung des Athleten kann  einen Wasserfall von Veränderungen auslösen: minimale Verschiebungen der Knie- oder Fußstellung können den Athleten verletzungsanfällig machen. Das traf insbesondere auf Ritzenhein zu, der dazu neigte eine Stressfraktur im Mittelfuß zu entwickeln. „Wenn du 160km pro Woche läufst findet dein Körper eine natürliche Ausrichtung damit klar zu kommen“, führt der australische Topläufer Craig Mottram an, „Man spielt mit dem Feuer, wenn man daran herumspielt.“

Wie auch immer, nach 3 Monaten Training bei Salazar hatte sich bei Ritzenhein ein Einriss entwickelt. Letzten Sommer stellte er bei einem 5000m Rennen in Zürich einen neuen amerikanischen Rekord auf. 6 Wochen später reiste er nach Birmingham, England zu den Halbmarathon Weltmeisterschaften, wo er in 60 Minuten über den 21.095km langen Kurs fegte und als Dritter einlief.

Diese Leistung spornte Salazar dazu an im kommenden Frühjahr eine noch radikalere Generalüberholung von Ritzenheins Schritt anzustreben. „Ich hab zu Dathan gesagt, „Um mit den Bestem mithalten zu können, musst du das beheben,“ lies Salazar im September verlauten, „Aber es gibt ein Risiko. Wir könnten eine Verletzung provozieren“ Dathan antwortete „Ich bin bereit das Risiko zu tragen“ „und so haben wir damit begonnen seinen Stil zu verändern.“

Als Salazar in den späten 70ern als Läufer ins Wettkampfgeschehen eingriff war er als ein „Sitzender“ bekannt. Seine Hüfte saß so tief, dass es zweitweise so aussah als würde er einen Schreibtischstuhl unter sich herschieben. Mit 1,81m Körpergröße war Salazar auch für einen Langstreckler groß, sein schlaksiger Schritt führte zunächst dazu, dass ihn einige Gegner unterschätzten. Kirk Pfrangle, ein Läufer des Greater Boston Track Club, der erstmals bei einem High-Scholl Bahnrennen auf Salazar traf, erinnert sich von seinem misslichen Bewegungen verwirrt gewesen zu sein: „Es war als ob alle Körperteile gegeneinander arbeiteten, und er lief damit sogar noch unglaublich schnell“.