Doping in allen Stadien ist tief in der Gesellschaft verwurzelt

doping_ap_150Regensburg, 8. November 2010 (Christiane Danner) - Shelly-Ann Fraser, Claudia Pechstein, Jan Ullrich – jede Sportart kämpft mit ihren schwarzen Schafen und mit ihrem Image. Die Fans und Zuschauer sind empört, die Medien boykottieren Übertragungen oder zerfleischen die Dopingsünder öffentlich. Doch was ist mit Lindsay Lohan, Kate Moss, Pete Doherty? Sie sind nach ihren „Ausrutschern“ gefragter denn zuvor in ihrer Branche. Heath Ledger, Michael Jackson? Der Kult nach ihrem Tod kommt einer Heldenverehrung gleich. Beruhigungsmittel und Schlaftabletten, Ecstasy und Kokain sind nur die Spitze eines Massenphänomens in der westlichen Gesellschaft. Das Wort „Doping“ wird zwar meist nur auf den Hochleistungssport bezogen, doch sein Prinzip ist in jeder sozialen Gruppe und in vielen alltäglichen Lebensbereichen präsent und geduldet. Steigern kann man nicht nur sportliche Leistungen. Stimmung, Mut, Konzentration, Durchhaltevermögen, Beruhigung, Einschlafen – optimiert wird alles. Das, was der Körper alleine leistet, reicht heute nicht mehr aus.

Sie wundern sich, wie der Manager des Großkonzerns Dauerstress, nervende Kunden und Schlafmangel in drei Messetagen durchsteht? Die Line, die er sich jeden Morgen zieht, „bewahrt“ ihn vorm Zusammenbruch. Die Studentin steht kurz vor dem Examen – und bekämpft den Prüfungsstress mit Red Bull, Amphetaminen, Beruhigungsmitteln. Der Bodybuilder will mit den gut bepackten Kollegen im Fitnessstudio mithalten und beschafft sich Anabolika. Doping ist in der Gesellschaft verankert, nur nimmt es dort niemand als solches wahr. Wer sich nur mit Kaffee wachhalten kann oder in der Disko Alkohol braucht, um mit dem Mädchen zu tanzen, gehört ebenso dazu wie Frauen, die beim Schönheitschirurgen ihre Oberweite und ihr Selbstbewusstsein aufbessern. Morgens ein Aufputschmittel, um in die Gänge zu kommen, abends ein Gläschen Wein zum Einschlafen. Schön, wenn man den Körper ein- und ausschalten kann.

Warum aber gehen wir so leichtsinnig mit unserem Körper um, wo wir doch wissen, welche Gefahren Botox, Alkohol und Nikotin bergen? Schüler fühlen sich vom achtstufigen Gymnasium überfordert, Studenten leiden unter dem Leistungsdruck des Bologna-Prozesses, Aktienunternehmer kämpfen mit der Finanzkrise. Es tut gut, ein bisschen Verantwortung für die geforderten Höchstleistungen an ein Medikament abzugeben. Wie viele Menschen lassen sich vorm Winter aus Angst vor einem Husten vorsorglich eine ganze Artillerie von Spritzen geben?

Nicht einmal mehr Kindern wird eingeräumt, zu versagen. Passen sie im Unterricht nicht auf oder zappeln beim Einkaufen unruhig an Mamas Hand, wollen die Eltern ihm vom Arzt mit Verweis auf ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom) Ritalin verschreiben lassen. Zweifellos gibt es genügend Kinder, die wirklich darunter leiden. Viele Mütter finden es aber offensichtlich bequemer, den Kindern Medikamente zu verabreichen als sie von der Playstation weg auf den Spielplatz oder in den Sportverein zu schicken.

Gewinner der Leistungsgier ist vor allem die Pharmaindustrie, die an den „Lifestyle-Medikamenten“ kräftig verdient. Jeder, der seinem Körper mit anderen Mitteln auf die Sprünge hilft, befindet sich im Anfangsstadium eines Dopingprozesses. Das Problem „Doping“ muss an der Basis bekämpft werden. Solange das „Doping“ in der Gesellschaft nicht ebenso geächtet wird wie im Spitzensport, wird die Betrügermentalität auch im Sport nicht aussterben.