Oder ist es an der Zeit unser Lauf - Nachwuchstraining zu modernisieren

koller_grau1_blv-jugendhalle10_kiefnerfotoKürten, 24. Februar 2011 (pöhlitz) - Dieser Bericht von Düsseldorf in Leichtathletik 7 / 2011 hat sicher wieder einmal  einige erschreckt, offenbart aber zugleich in welchen Dilemma unser deutscher Langstreckenlauf steckt. In Düsseldorf, wo kürzlich der bisher nur Fachtrainern bekannte 17- jährige Isaiah Koech Kiplangat (KEN) mit sensationellen 12:53,29 Minuten über 5000 m in der Halle verblüffte, waren nicht nur keine deutschen Langstreckler am Start, sondern wurde auch deutlich, dass Jugendliche mehr leisten können, als ihnen von den deutschen Trainern derzeit zugetraut wird. Da wurde wieder einmal eine Möglichkeit, sich bei einem Heimspiel darzustellen, Reisekosten zu sparen, Wettkampferfahrung zu sammeln, die eigenen Fortschritte zu dokumentieren von unseren Aktiven ausgelassen. So viele Möglichkeiten über 5000 m gibt es ja in einer Hallensaison nicht. Dabei liefen 4 Läufer mit Abstand hinter den Kenianern zwischen 13:30 – 14:22. Haben wir denn nur noch Freizeitläufer, Jogger oder Marathonis im Seniorenalter? Allein diese Tatsache macht deutlich, dass es offensichtlich nicht nur keine Strategie gibt deutsche Läufer auf den Langstrecken 5000 m, 10000 m, aber auch 3000 m Hindernis systematisch, planmäßig wenigstens erst einmal in den Bereich um 13:20 zu führen. Man muß auch befürchten, dass auf Grund mangelhafter Winterform die Furcht sich in solchen Rennen zu stellen, sie alle lieber „ausgelassen“ haben, weil sie die schnellen Trainingseinheiten erst wieder im Frühjahr machen oder gerade Cross laufen. Das der DLV keine 5000 m Hallenbestenliste (mangels „Personalmangel“ ?) führt, kann man nicht als Grund gelten lassen.

Warum überrunden Jugendliche anderer Länder unsere jungen Langstreckler zweieinhalb Mal ?
Überwindet die Gleichgültigkeit – verändert


Ein Blick in die DLV- Nachwuchs - Bestenliste 2010 wirft die Frage auf was hinter dieser Leistung  des Jugendlichen aus Kenia steckt. Deutschlands bester 17 – jähriger lief 2010 15:14,19 Minuten, 2:21 Minuten hinter dem jungen Kenianer. Er würde im Ziel etwa 2 ½ x überrundet! Dabei gibt es in diesem Leistungsbereich und Alter in der Welt nicht nur ihn. Sie laufen einfach schneller! In Wettkämpfen von Anfang an. Unsere Langstreckler haben  in den letzten Jahren international den Anschluß verloren und niemand findet den Schlüssel zurück zu früherer Stärke in West und Ost. Eine wesentliche Ursache liegt sicher in der Nachwuchs-arbeit. Im noch gültigen Konzept aus dem Jahre 1992 muß man die eine Ursache sehen, in der Talentsuche- und Ausbildung die wohl wesentlichste. Ohne echte Talente und ein leistungsorientiertes Jugend-Training kommt man dem Weltniveau nicht näher. Da kann man nur hoffen dass im schon längere Zeit in Aussicht gestellten neuen RTP Lauf – Nachwuchs eine Ausbildungsdifferenzierung für die Bereiche Mittelstrecke und Langstrecke und auch ein Teil „Empfehlungen für Talente zur Vorbereitung auf das Hochleistungstraining“ angeboten wird. Man stelle sich vor junge 400 m Spezialisten würden nur „langsam trainieren“ keine Schnelligkeitsausdauer, kaum wettkampfspezifisches Training machen. Undenkbar. Unseren jungen Läufern und ihren Trainern scheint nicht nur der Leistungsanspruch, sondern auch die Mentalität zum schnellen laufen abhanden gekommen zu sein. Wer nur langsam trainiert kann in Wettkämpfen keine Wunder erwarten. Wer hohe Umfänge negiert, bleibt mit seiner aeroben Basis im Mittelmaß. Von dem jungen Koech, der schon U18-Weltmeister 2009 war, wird berichtet, dass er nahe Eldoret auf fast 3000 m Höhe in einer Trainingsgruppe mit dem seit Jahren sehr starken Hindernisläufer Paul Kipsiele Koech trainiert. Noch Fragen?

Vielleicht können sie sich manche erinnern, dass 1984 der Brasilianer Joaquim Cruz mit 21 Jahren über 800 m Olympiasieger wurde und wenige Wochen später in Köln 1:41,77 lief! Auch Nils Schumann bewies bei seinem Olympiasieg mit 22 Jahren, dass das Hochleistungsalter nicht erst oberhalb der 23 beginnen muß. Die deutliche Verjüngung in der internationalen Lauf – Spitze ist auch das Ergebnis veränderter Jugendarbeit in den Ländern.

Bei den Jugendhallenmeisterschaften 2011 begannen die 3000 m-Läufer ihr „Rennen“ wie bei einem Dauerlauftraining. Natürlich geht es bei Meisterschaften zuerst um den Sieg und der finale Spurt war sehr beeindruckend. Hilfreich wären aber zukünftig für den gesamten Laufbereich vor allem Ergebnisse die an Hand von Zeiten Leistungsfortschritte dokumentieren. Da verdient Gesa Felicitas Krause von der LG Frankfurt für ihren tollen, offensiven Lauf über 1500 m, auch wenn sie am Ende nicht mit dem Sieg belohnt wurde, ein Lob. Ihr Verdienst sind die guten Zeiten auf den Plätzen 1und 2. Sie wird nach einem tollen Tempolauf von der Spitze, aus der sicher nicht erwarteten Niederlage zusammen mit ihrem Trainer die richtigen Schlüsse ziehen und im Sommer stärker zurückkommen. Das schmälert die Leistung der Siegerin Isabell Ollesch (4:21,01) keineswegs. Auch sie war auf eine solche Zeit vorbereitet. Zusammen haben sie Mut und eine tolle Show geboten und waren hoffentlich Vorbild für viele staunende Jüngere, aber vor allem für die jenseits des Jugendalters und ihre Trainer.

Talentsuche und ein differenziertes Nachwuchs-Leistungs-Ausbildungskonzept


Die 5000 m Jugend - Bestenliste aus dem Vorjahr und die Leistungsfähigkeit junger Langstreckler in der Welt an der Schwelle zum Hochleistungstraining müßte die dafür Verantwortlichen endlich aufwecken. Wir sind doch nicht auf einer kleinen Insel im Pazifik.Wir waren eine in der Welt hochgeachtete Leichtathletik-Nation. Der neue Lauf-Chef Tono Kirschbaum wird sicher bald die für einen „anderen“ Weg – wenigstens für die Talente unter dem Lauf - Nachwuchs - bereiten Heimtrainer um sich „scharen“. Da muß nicht nur der Leistungsverlust der Läufer gegenüber einigen anderen Disziplinbereichen reduziert werden, sondern Aufgabe ist auch den DLV zu unterstützen um Zuschauer, Fans, Sponsoren und Fernsehübertragungszeiten zurück zu gewinnen. Da helfen keine öffentlichen Appelle sondern in erster Linie schnelle Zeiten auf der Rundbahn.

Die Läufer müssen nun mit dem DLV zusammen ins Weltniveau wollen

Wer in den letzten Wochen aufmerksam zugesehen hat wird sich mit mir freuen, dass sich im DLV einiges bewegt. Das neue Personal will organisatorische und inhaltliche Veränderungen, weiß dass die materiellen Bedingungen und die Personalproblematik bei Trainern und Athleten zur Konzentration der Kräfte zwingt (Gesundheitskonzept, Profi-Personalkonzept, Team-Arbeit in den Disziplinen, Talentsuche, Leistungszentren, Trainerqualifizierung) und sie werden in ihrer Arbeit bereits vom Wetterleuchten in einigen Disziplinen, beispielsweise im Sprint (Sailer, Nytra), Stabhochsprung (Mohr, Spiegelburg) und Dreisprung F (Demut) kräftig unterstützt. Für den Mittel- und Langstreckenlauf müssten Veränderungen vor allem „unten“ beginnen, neue differenzierte Nachwuchs-Leistungs-Ausbildungskonzepte und die Talentsuche an erster Stelle gerückt werden. Ein vorbildhaftes Gruppentraining in Wochenend- oder Ferienlehrgängen könnte bei der Vermittlung einer neuen Philosophie und beim schnellen umsetzen helfen. Das schließt  eine optimale Vorbereitung der derzeit noch wenigen Kandidaten für Olympia 2012 doch nicht aus.

Wer nur langsam trainiert kann keine schnellen Wettkämpfe erwarten


Das sich in den letzten Jahren immer wieder Kenianer oder auch Äthiopier in unserem  Winter, in der europäischen Hallensaison oder bei Wettkämpfen auf der Straße (Mary Keitany-  WR im Halbmarathon) in einer Leistungsfähigkeit im Bereich ihrer persönlichen Bestleistung präsentieren, müsste schon längst zum Nachdenken und Konsequenzen geführt haben. Das muß doch trainingsmethodische Gründe haben. Inzwischen wurde oft genug über ihr „anderes Training“ berichtet. Warum folgt ihnen kaum einer nach. Geschwindigkeit im Umfang ist die aktuelle Philosophie der Besten. Erst kürzlich hat auch Dieter Hogen, der seine Brötchen ja bekanntlich erfolgreich im Ausland verdient, wieder einmal bei germanroadraces gemahnt: wer nur langsam trainiert, kann keine schnellen Wettkämpfe erwarten. Es wissen viele. Warum ändern sie es aber nicht? Seit vielen Jahren fahren deutsche Läufer und ihre Trainer zum Höhentraining u.a. nach Kenia. Wenn sie aber das Gruppentraining mit den Einheimischen nicht nutzen können, ist logisch, dass sie mit einer vergleichsweise ungenügenden aeroben Leistungsfähigkeit anreisen, die man vorher zu Hause hätte aufbauen müssen. Dieses Wissen ist überliefert seit vor vielen Jahren die Ersten negative Erfahrungen mit der Höhe gemacht haben.

Dass wir zu weit von den Investitionen der Besten entfernt sind bestätigte Leistungsläufer Sebastian Hallmann, dessen beste Zeit leider schon etwa 10 Jahre zurückliegt, auf seiner Homepage in einem Bericht von einem gemeinsamen Höhentraining mit Jan Fitschen in Kenia. Nicht nur dass ein Training mit den Besten undenkbar war. Sie waren – wie schon berichtet, u.a. Zeugen eines anspruchsvollen Trainingsprogramms einer Trainingsgruppe Einheimischer, die  auf einer 3 x 1,6 km Rasen - Runde (Meile), einen an einem Seil befestigten Autoreifen hinter sich herzogen. Tatsächlich über eine ziemlich struppige Wiese mit allerlei Hindernissen. Danach wurde eine Runde „normal“ gelaufen und zwischendurch noch Seil gesprungen. Sebastian Hallmann testete aufopferungsvoll das Reifenziehen, aber mehr als 200 m waren nicht drin!  Zur gleichen Zeit waren etwa 500 m Läufer aus vielen Ländern dort, holten sich Anregungen und Mut für mehr zu Hause, um bei der nächste EM, WM oder OS näher dran zu sein an den 17 – 21 jährigen die in 2000 – 3000 m Höhe hart arbeiten. Welcher „unbekannte junge Läufer“ wird uns demnächst in der Weltspitze überraschen?