Telis-Läufer durchwanderte im letzten halben Jahr viele Täler

pfliegerphilipp-kaunas1__henselfotoRegensburg, 28. März 2011 –  Eigentlich war alles angerichtet für den Schwabenpfeil im blauen Telis-Dress. Wie Phönix aus der Asche kommend hatte Philipp Pflieger 2010 die deutsche Läufer-Elite aufgemischt,  Arne Gabius und Jan Fitschen herausgefordert. Letztendlich kam über 5000m eine 13:46,03, unter ungünstigen Bedingungen in Heusden gelaufen, heraus. Über 3000 m sprang mit seinen 7:55,99 sogar die Pole-Position in der deutschen Bestenliste heraus. Jetzt wollte der Schlacks alles richtig machen. Die stets etwas zwickende Patellarsehne sollte ihm in Richtung zu den nächsten Europameisterschaften, 2012 in Helsinki, nicht mehr im Weg stehen. Sofort nach Beendigung der Saison, mit dem Gewinn von DM-Bronze bei den Deutschen Straßenlaufmeisterschaften über 10 km, ließ er sich von Dr. Linke in München operieren, noch nicht ahnend, dass damit wieder eine jener unendlichen, aber schon fast typischen Pflieger-Leidensgeschichten beginnen sollte.

Der Eingriff hatte daran aber keinesfalls Schuld. Die Ärzte hatten gut gearbeitet, die Reha verlief planmäßig, der Regensburger machte sich letztendlich in den letzten vier Wochen seiner Gesundung schon mit anstrengenden Gehübungen in der brandneuen Höhenkammer von Medicus Regensburg fit und auch sein Magen- und Leib-Physio Martin Fischer vom RFZ Regensburg war voll zufrieden mit dem Verlauf der Dinge. Philipp hatte sein „altes“ Leben wieder, sich Quälen für den Olymp, das er keine Sekunde aus den Augen verloren hatte, auch dann nicht, als seine Teamkollegen längst wieder höhere Ziele anstrebten und er noch durch die Gegend humpelte.

Ein Unglück kommt selten allein – was träfe auf den Telis-Athleten besser zu. Mit vielen wichtigen und unwichtigen Dingen im Kopf beschäftigt, ging kurz vor Weihnachten auch noch seine langjährige Beziehung mit Läuferkollegin Susi Lutz in die Brüche. Ein DLV-Trainingslager in Chiclana/Spanien stand an und Philipp erlebte gerade eine Achterbahn der Gefühle. Einerseits der langvermisste Kick, endlich wieder Gas geben zu können, andererseits das kaum steuerbare Seelendrama allein und doch zu zweit im spanischen Hotel Tür an Tür wohnen zu müssen und weil das alles anscheinend noch nicht reichte, kam gleich am ersten Trainingstag die nächste Katastrophe dazu.

Zu Hause bei seinem Trainer klingelte das Telefon. Die ebenfalls im spanischen Trainingscamp weilende Teamkollegin Corinna Harrer versuchte mehr schlecht als recht zu moderieren: „Mir geht’s gut, aber den Philipp hat’s bös erwischt. Er ist nach den Bergläufen umgeknickt und der Fuß ist schon doppelt so dick wie zuvor.“ Selbst die professionelle Ersthilfe des DLV-Physios half nichts. Rücktransport, MRT in Regensburg, Erstversorgung mit Beinschiene – Philipp Pflieger war wieder einmal lahmgelegt. Sechs Wochen Pause – bei dieser Schwere ein Normalmaß, auch im unmittelbaren Regensburger Umfeld wurde einmal heftig gestöhnt. „Warum immer nur derselbe …!“

Menschen machen Fehler, auch Ärzte. Warum dies dem erstbehandelnde Arzt in der sonst absolut sicher diagnostizierenden Regensburger Praxis ausgerechnet hier und heute und ausgerechnet bei Philipp Pflieger passieren musste, wissen die Götter. Er hatte ganz einfach einen kleinen Bruch im lädierten Fuß übersehen. Den argen Verdacht des behandelnden Physios nach wochenlanger einfach nicht eintretender Besserung bestätigte eine weitere MRT. Dann ging alles ganz schnell. Innerhalb von drei Tagen erfolgte die Operation in der Unfallklinik Agatharied, der Knochenrest wurde angeschraubt und mit einer kleinen Metallplatte stabilisiert. Die Folge: Erneut 8 Wochen Reha, zunächst mit keiner sportlichen Betätigung, wenn man Krückenhüpfen mal nicht dazu zählt“

Vier Wochen sind erneut vorbei und Philipp Pflieger trainiert wieder. Eine Botschaft, die man im Telis-Lager noch ganz vorsichtig optimistisch zur Kenntnis nimmt. Philipp äußerst sich mehr oder weniger zufrieden zum derzeitigen Ist-Zustand: „Ja, das Training hat wieder begonnen. Halbzeit ist erreicht. Nach den vergangenen 4 Wochen, steht jetzt nochmal ein Monat Alternativtraining vor der Tür. Glücklicherweise gestaltet sich dieses in der Zwischenzeit etwas abwechslungsreicher, denn zum Aquajoggen, kommt seit vergangener Woche noch Radfahren (zunächst Ergometer) und auch fast ohne Einschränkungen Krafttraining im RFZ. Im Großen und Ganzen läuft alles nach Plan. Die OP-Nachbesprechung vergangenen Montag hätte besser, denke ich, nicht sein können, die Narbe verheilt gut. An die "neuen, alten" Trainingsreize kann ich mich ganz gut gewöhnen, eine gewisse Toleranz von Schmerz gehört aber dazu. Das ist aber gerade nach einer OP normal, wenn man ein nächstes Level (Aquajoggen --> Krafttraining --> Ergometer) angeht. Ohne Krücken nur noch mit der Knöchel-Schiene klappt es mit dem Gehen Tag für Tag auch immer besser. Ich hinke zwar noch leicht, aber ich bin zuversichtlich, dass sich das bis Ende nächster Woche auch noch weiter legen wird. Das Leben, wie es derzeit läuft, gibt mir wenig und deshalb sehne ich schon dringend den Tag herbei, an dem ich endlich wieder die ersten 5 Minuten laufen darf. Ich weiß, es sind ja eigentlich nur noch 4 Wochen ... das ist eigentlich ein überschaubarer Zeitrahmen und nicht mehr die Welt.“

Pläne hat Philipp Pflieger auch schon wieder, zumal er spürt das Langstrecken-Deutschland auf so einen wie ihn sehnlichst wartet und jeder, der in letzter Zeit häufigen Anrufe von Bundestrainer Detlev Uhlemann baut ihn auf.  „Meine Pläne für Helsinki 2012 sind nach wie vor fixiert. Ich war mir selbst nach der Knie-OP Ende letzten Jahres sehr sicher, dass ich mit der Vorbereitung ab Januar 2011 schon dieses Jahr in die Normregionen (13:35) hätte vorstoßen können. Daraus wird dieses Jahr sicherlich nichts werden, aber ich will versuchen aus dem Rest der Saison der mir noch bleibt, das Beste zu machen. Ich will mich vor allem trainings - und fittnestechnisch so gut es geht auf 2012 vorbereiten. Ich will versuchen mich an hohe Kilometer-Umfangswochen zu gewöhnen und würde gerne im Herbst (in hoffentlich halbwegs passabler Verfassung) die 10km Straßen-DM mit einer 28er Zeit erfolgreich gestalten, um dann nach einer kurzen Entspannungsphase hoffentlich gesund und munter in die Grundlagenarbeit für 2012 einsteigen zu können. Was meine langfristigen Ziele anbelangt gibt es wohl nicht viel zu sagen, außer Olympische Spiele. Ob über 5000m, 10000m oder Marathon sei mal dahin gestellt. Ich meine, klar, davon bin ich im Moment noch Lichtjahre entfernt, aber ich glaube, wenn ich mal gesund bleibe, kann ich noch viel, viel mehr aus mir rausholen und in Bereiche vorstoßen, die ich mir selbst noch gar nicht recht vorstellen kann. Man braucht schließlich große Ziele von denen man träumt, denn die treiben einen an. Man muss immer das Größte vor Augen haben, sonst schafft man selbst die kleinste Stufe nicht.“