Deutschland war in den 80igern schon einmal eine richtige Hindernis-Nation

lutz_sussman1_dm-aktive-kiefnerfotoKürten, 3 April 2011 (pöhlitz) - Die DLV-Bestenliste der Männer 2010 hinter Uliczka verdeutlicht die gesamte Langstreckenproblematik. Keine Leute, keine Leute. Es scheint nur über einen „Schwerpunkt Talententwicklung Hindernis“ einen Weg in eine bessere Zukunft zu geben. Bei Weltrekorden von 7:53.63 bei den Männern und 8:58.81 bei den Frauen kann man auf den Gedanken kommen dass bei einer Jahresendbilanz der Weltbesten von 8:00.90 und 9:11.71 im Hindernislauf 2010 ein „Vor – WM – Ruhe – Jahr“ eingeschoben wurde. Auch in Deutschland kann man sich bei einem Jahresrückblick nicht gerade erfreut auf die Schenkel klopfen.

Erinnert man sich, dass Deutschland 1983 mit Patriz Ilg schon einmal einen Hindernis-Weltmeister hatte, der vor nunmehr 28 Jahren 7:45,06 – 13:24 und 8:15,09 lief, der Chemnitzer Frank Baumgartl 1976 bei Olympia in 8:10,36 Bronze erkämpfte und Hagen Melzer (Dresden) 1987 in 8:10,32 WM-Silber holte und 1986 in Stuttgart gar Europameister wurde, sind wir derzeit von den Stärken in den 80igern weit entfernt. Ein weiterer Mosaikstein, Teil unserer derzeit problematischen Langstreckensituation.

Auf Gesa Krause und Steffen Uliczka hoffen die deutschen Fans

Für die neue Saison können die Leichtathletik-Fans mit einem 50. Platz in der Weltbestenliste 2010 (s.u.) von Steffen Uliczka und einem 44.Platz von Gesa Felicitas Krause wohl keine Wunder erwarten. Da müssen sie wohl noch ein Jahr mehr Geduld haben. Der Fortschritt von 2009 zu 2010 von Uliczka mit 8:26,18 : 8:25,39 hielt sich bereits im letzten Jahr in Grenzen und sein 54. Platz bei der Cross-WM lässt auch nicht gerade Sensationelles erwarten. Im Gegensatz dazu kann man sich über die Leistung der erst 19-jährigen Frankfurterin Gesa Krause – die 2010 so gut und überraschend die Lücke füllte, die Antje Möldner mit ihrem Krankheitsausfall hinterließ, freuen. Vielleicht können beide das Jahr nutzen um sich eine verbesserte Ausgangsposition weiter vorn für die Olympiavorbereitung 2012 zu schaffen. Die WM-Nominierungsnormen des DLV 8:23,10 bzw. 9:43,00 sollten von beiden machbar sein. Der Anspruch für deutsche Topläufer bei einer Weltmeisterschaft im Vorfeld von London 2012 muss aber zumindest das Finale sein.

Leistungsprofil Patriz Ilg 3000 m Hindernis Weltmeister 1983
Weltmeister 1983 – Europameister 1982 – EM-Silber 1978 – EM – Bronze 1986

3000 m            5000 m         3000 m Hindernis
7:45,06            13:24               8:15,09
6,45 m/s          6,22 m/s          6,06 m/s

3000 m Hindernis – DLV- Bestenliste 2010

Männer
8:25,39 Uliczka, Steffen 84
8:30,64 Ghirmai, Filmon 79
8:46,38 Hentschel, Felix 88
8:48,45 Hohl, Stephan 80
8:50,71 Götz, Daniel 89
8:50,84 Liebach, Hannes 87
8:50,89 Schmitz, Christian 83
8:53,50 Schöfich, Marcus 87
8:53,74 Biele, Christian 83
8:54,17 Karus, Benedikt 90

Frauen
9:47,78 Krause, Gesa 92
9:50,25 Dreier, Verena 85                                       
9:58,48 Lutz, Susi 87
10:11,15 Sussmann, Jana 90
10:14,30 Schütz, Birte 74
10:16,20 Hiller, Julia 87
10:20,07 Pohl, Veronica 85
10:22,23 Koubaa, Sanaa 85
10:22,69 Hirschhäuser, Jana 90
10:24,14 Pietsch-Fulbiszewska, Agniesk 80

Steffen Uliczka ist als EM-Siebter 2010 die DLV-Hoffnung bei den Männern. Der Deutsche 3000 m Hindernis-Meister von der SG TSV Kronshagen/Kieler TB verbesserte als EM-Siebter 2010 seinen Hausrekord um rund acht Zehntel auf 8:25,39 Minuten. Er ist die DLV-Hoffnung auf dieser Strecke für die Zeit bis zu den Olympischen Spielen 2012.
Seine persönlichen Bestleistungen Ende 2010 sind zugleich seine Ausgangsposition für 2011. Gelingt ihm eine Steigerung über 5000 m auf eine Leistung um 13:45 kann er über die Hindernisse in den Bereich zwischen 8:15 – 8:20 vorstoßen. Das hält er in einem Interview nach der Cross-WM selbst für möglich. Mit einer solchen Leistung „vor Ort“ wäre dann das WM-Finale machbar. Ob dafür aber ein 54. Platz bei der Cross-WM im März – über den er sich ja so sehr zufrieden äußerte – die im Vergleich zum Vorjahr benötigte neue höhere Leistungsbasis darstellt, muß abgewartet werden. Hoffentlich trügt sein Gefühl nicht, dass er auf diesem Wege schon ein gutes Stück vorangekommen ist. 2:41 Minuten Rückstand zur Spitze wären bei einem 10er auf der Bahn fast 2 ½ Runden, ist das nicht arg viel!

Persönliche Bestleistungen

800m 1:54,11 min
1000m 2:25 min
1500m 3:41,85 min
3000m 7:55,41 min
5000m 13:59,66 min
10km 29:17 min
2000m Hindernis 5:32,32 min
3000m Hindernis 8:25,39 min

Komplexe Voraussetzungen erfordern umfangreiche Investitionen

Von der Zeitdauer her (~ 8 Minuten bei den Männern und ~ 9 Minuten bei den Frauen) gehört die 3000 m Hindernis-Strecke zu den Mittelzeitausdauerdisziplinen, tendiert aber in ihren Anforderungen und in der Energiebedarfsdeckung im Vergleich zur nur halb so langen 1500 m Strecke deutlich mehr zur aeroben Kapazität, zur 5000 m Leistungsfähigkeit. Für unsere deutschen Hindernisläufer ist gegenwärtig ein wesentlicher Schritt nach vorn von einem Leistungsfortschritt über 1500 m und 3000 / 5000 m sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen abhängig. „Geschwindigkeit und Wettkampfdauer führen zu einer relativ hohen Laktat-Akkumulation, die VO2max erreicht Werte um oder über 75 ml/kg/min. Der Laktatabbau muss bereits während der Belastung durch eine hohe aerobe Leistungsfähigkeit möglichst schnell erfolgen. Die psychischen Anforderungen an die Durchhaltefähigkeit und an die Mobilisation im letzten Drittel der Rennen, eine sehr gut 5000 m Leistungsfähigkeit, sowie eine hohe Ökonomie bei den Hindernisüberquerungen (Rhythmuswechsel) sind für erfolgreiche Wettkämpfe und die zu erwartende Weiterentwicklung der Bestleistungen im Vergleich zu den Flachstrecken Voraussetzung“. (Pöhlitz 2007)

Hindernisspezialisierung erfordert ein anspruchsvolles Langstreckenniveau -
Erst wenn die Hindernisse kaum mehr stören ist man der Perfektion nahe.

Erfolgreiches Hindernislaufen erfordert neben Eignung vor allem die Möglichkeit unter den Bedingungen fortschreitender Ermüdung eine optimale Technik an Hindernissen und Wassergraben zeigen zu können und eine Rhythmusfähigkeit über die Gesamtdistanz ohne wesentlichen Geschwindigkeitsverlust beizubehalten.

Eine 35malige Unterbrechung eines normalen Laufrhythmus innerhalb eines 3000 m Hindernisrennens erfordert ein überdurchschnittliches Niveau der konditionellen Fähigkeiten (V02max und spezielle Kraft), eine optimale Technik bei der die Hindernisse nur wenig stören. Da kann die teilweise schlechte Hindernistechnik der die Hindernisse dominierenden Kenianer nicht Vorbild sein.

Ihre Hindernisspitzenleistungen basieren auf einer im Vergleich hohen Leistungsfähigkeit über 1500 m / 3000 m (Jugend) und 3000 / 5000 m + 1500 m „flach“. Sie beherrschen die Rennen, nach den Prinzipien des Mittelstrecken- als auch des Langstreckentrainings in 2000 – 3000 m Höhen vorbereitet, auch ohne Hindernistechniktraining.

Die DLV-Bestenliste der Männer 2010 hinter Uliczka verdeutlicht die gesamte Langstreckenproblematik. Keine Leute, keine Leute. Es scheint nur über einen „Schwerpunkt Talententwicklung Hindernis“ einen Weg in eine bessere Zukunft zu geben.

Da ist vor allem die Praxis zu überwinden, dass Sportler, die nicht langstreckenfähig sind, sich innerhalb der olympischen Leichtathletik über die Hindernisse blamieren müssen. Bei Deutschen Meisterschaften der letzten Jahre konnte man immer wieder beobachten, dass die Zuschauer zum Kiosk gingen, wenn zum 3000 m Hindernis-Start der Männer aufgerufen wurde.