Die Semenya–Beschlüsse lassen weiter Fragen offen

Kürten, 19. April 2011 (Lothar Pöhlitz) - Caster Semenya, die 800 m – Weltmeisterin von Berlin 2009, die wegen ihres hohen Anteils an männlichen Hormonen elf Monate „dopinggesperrt war“, will nun bei der WM 2011 im südkoreanischen Daegu auf der längeren Distanz starten. Bei den Olympischen Spielen 2012 sind dann zweimal Gold, über 800 m und auch über 1.500 Meter im Plan. Dafür schufen die zuständigen Gremien jetzt offensichtlich die Voraussetzungen. Ob aber das letzte Wort bereits gesprochen ist?
Es ist zu wichtig für die Fairness, für die Frauen im Leistungssport und für die „Opfer“ um nach der gerade veröffentlichten Meldung einfach zur Tagesordnung überzugehen. Es betrifft ja nicht nur die Läuferinnen unter den Leichtathleten, sondern alle Frauendisziplinen und auch andere Sportarten. Kürzlich erst schwappte die Meldung – Männer in Frauenmannschaften - aus dem Fußball durch die Medien, wurde aber schnell wieder unterdrückt. Da gilt wohl das alte Sprichwort: aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Im Zusammenhang mit der IOC-Entscheidung nach der WM 2009 das Caster Semenya – Geschlechtsproblem auf den 1.5.2011 zu vertagen, war Lothar Pöhlitz in einem Beitrag für germanroadraces schon einmal mit der Problematik befasst. Nachdem das IOC nun neue Beschlüsse verkündet hat, soll noch einmal darüber „laut nachgedacht“ werden.

Letzte Meldung :

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF führt ab 1.5.2011 für internationale Wettkämpfe eine Regel ein, die das Startrecht von Athletinnen mit einer Überproduktion von männlichen Hormonen (Hyperandrogenismus) festlegt.
Danach sollen Frauen mit diagnostiziertem Hyperandrogenismus dann berechtigt sein an Frauen-Wettkämpfen teilzunehmen, wenn ihr Androgen-Level unter dem von Männern liegt. Liegt es im gleichen Bereich wie das von Männern, der Athletin entsteht daraus aber kein Vorteil, darf sie an Frauen-Wettbewerben teilnehmen.

Was passiert wenn sie vielleicht schon in der kommenden Saison oder 2012 neuen Weltrekord läuft, Olympiasieger über 800 m und 1500 m wird?
Hat sie erhöhte Testosteronwerte – ein genetischer Defekt der Natur, wofür sie nichts kann – wäre das gegenüber den anderen Frauen ein nicht fairer Wettbewerb. Lange Jahre brauchten die Frauen für die Teilnahme beispielsweise an Olympischen Spielen einen „Frauen - Paß“. Warum eigentlich, könnte man jetzt fragen ?
Heute gibt es festgelegte Grenzwerte. Aber warum werden die Semenya – Testwerte nicht für alle nachvollziehbar offengelegt, den Grenzwerten gegenübergestellt? Wird von anderen Frauen mit Testosteron nachgeholfen und diese festgelegten Grenzwerte bei Dopingkontrollen nachweislich überschritten, gibt es 2 Jahre oder mehr Dopingsperre.


IOC  - Geschlechtstests von 1968 wurden erst vor 2000 wieder abgeschafft
Ohne Offenlegung der Untersuchungsergebnisse bleiben Zweifel!

Für die Jüngeren unter den „Profis“ ein Rückblick: Das IOC war 1968 schon einmal mit dieser Problematik befasst, die umstrittene „Gender Verification“ (Geschlechtstest) als verbindlich eingeführt, sie jedoch 32 Jahre später vor den Sommerspielen 2000 in Sydney wieder abgeschafft. Auch die IAAF hat ihre Tests abgeschafft.
Zwischenzeitlich, bei den Asienspielen 2006 in Doha musste die indische Leichtathletin Santhi Soundarajan ihre 800-m-Silbermedaille wieder abgeben, nachdem bei einem Geschlechtstest herausgekommen war, dass sie von der Chromosomen-Konstellation her männlich ist.


Die uneingeschränkte Starterlaubnis – ein Schnellschuß?

Nun läuft nach 11 Monaten Sperre Semenya wieder, der Leichtathletik-Weltverband IAAF erteilte der/dem 19-Jährigen Semenya die uneingeschränkte internationale Wettkampferlaubnis, nachdem die Untersuchungen zum angeordneten Geschlechtstest abgeschlossen seien. Die IAAF-Führung folgte da einer Empfehlung der Medizinischen Kommission des Weltverbandes, die medizinischen Details seien aber vertraulich und würden nicht weiter kommentiert.
In einer aktuellen Meldung wird nun erfreulicherweise deutlich, dass das IOC der damalige Stand nicht befriedigte. Können aber nicht nur die Funktionäre, sondern vor allem die Frauen mit den neuen Beschlüssen leben, ist das wirklich alles – auch unter zu Hilfenahme von Experten – zu Ende gedacht. Ist es im Sinne einer Gerechtigkeit für die Frauen und auch für die Opfer fair genug?


Bei Weltrekorden laufen immer Zweifel mit – für die Frauen bleiben mindestens zwei Probleme

Ist schon das Dopingkontrollsystem nicht gelöst, weil der wichtige Teil ganzjährige Trainingskontrollen allüberall in der Welt offensichtlich nicht zu finanzieren, aber auch nicht für alle (!) Sportarten zu organisieren ist. Zukünftig haben die Topathletinnen im modernen Leistungssport nun gegen einen weiteren Gegner zu kämpfen. Gegen Doping im umfassenden Sinne auf der einen Seite und gegen „die Männer in Frauenkleidern“ auf der anderen. Nach der „Ana Bolika – Zeit“ – sind diese Pillen heute durch vielfältige andere Pillen und Mittelchen ergänzt immer noch aktuell. Deshalb ist verständlich, dass immer nach neuen Weltrekorden, beeindruckenden Siegen oder auch nach deftigen Niederlagen die Fragen ob überdurchschnittliches Talent, hochbegabt mit hartem Training, oder für die Frauen das zusätzlich zweite Problem eine bestimmte Chromosomenkonstellation, zuviel Testosteron oder eben Hyperandrogenismus die Leistung positiv unterstützt (alles sind unterstützende Mittel) haben könnten.

Wird nun nur noch über „Hormonbehandlungen“ gesprochen oder sind die bisherigen Veröffentlichungen noch unvollständig? Ist der Organismus einer Frau wirklich so einfach ? Gibt es in der Beschlussübermittlung einen Fehler wenn es da heißt: “Liegt Hyperandrogenismus (die männlichen Hormone) im gleichen Bereich wie die von Männern, der Athletin entsteht daraus aber kein Vorteil, darf sie an Frauen-Wettbewerben teilnehmen“


Liegt nur im Hyperandrogenismus der Unterschied zwischen Frauen & Männern?

Es bleibt also die Frage ob „Ererbtes“ (die Chromosomenkonstellation) zukünftig nicht mehr berücksichtigt wird. Weist eine Frau einen zu hohen Level an männlichen Hormonen auf, soll ihr laut Prof. Arne Ljungqvist - Chef der Medizin- und Doping-Kommission des IOC - vorgeschlagen werden, mit Maßnahmen die diesen Wert senken, ein Start in der Frauenklasse ermöglichen. Ist sie nicht einverstanden, verliert sie ihre Startberechtigung. Geht es nicht ein wenig konkreter? Wer ist zuständig?
Spielt Testosteron nun nur noch eine untergeordnete oder gar keine Rolle mehr?                           Gibt es zukünftig nun neben Dopingkontrollen weitere, nicht zu beherrschende Kontrollen speziell für Frauen im Training, in Wettkämpfen oder nach zweifelhaften Spitzenresultaten?
Man könnte auf den Gedanken kommen, dass das mit dem Testosteron-Doping bisher gar nicht so schlimm war. Erinnern sie sich an die „große Oper“ der Claudia Pechstein?

Ist das wirklich von „Experten beschlossen“ zu Ende gedacht. Als Frauenlauftrainer hat mich dieses Problem ein Leben lang begleitet und ich habe nicht selten „gesehene Ungerechtig-keiten“ für mich behalten wollen um nicht zu diskriminieren. Alle wissen von der Zeit wo immer mal Frauen aus dem Wettkampf - Verkehr gezogen wurden, nicht nur in den Läufen. Keiner weiß wie viele betroffen waren, keiner erfuhr ob das auch die Funktionäre betraf, die sie an den Start geschickt haben, es ist ja zugegebenermaßen auch ein brisantes Thema für alle Betroffenen. Zu bedenken ist auch, dass „die Opfer – die Verlierer gegen Männer“ nie rehabilitiert wurden!

“Normalerweise weisen Frauen zwei X-Chromosomen (XX) in ihren Zellen auf, Männer ein X- und ein Y-Chromosom (XY). Manche mit einem Y-Chromosom geborenen Menschen entwickeln alle körperlich charakteristischen Merkmale einer Frau - ausgenommen der inneren Sexual-Organe. Sie leiden unter dem Androgen Insuffizienz Syndrom (AIS)“ (Quelle: Welt-Online vom 19.8.2010)


Es bleiben nicht nur Fragen offen und Appelle

Nach elfmonatiger Zwangspause von Caster Semenya hatte der Weltverband IAAF im Juli 2010 entschieden, dass die Südafrikanerin nach einer Hormonbehandlung weiter als Frau starten darf. Da bleiben Zweifel solange das  Ergebnis und die Erfahrungen damit nicht offen gelegt werden. Nun gibt es neue Beschlüsse, sind sie gut überlegt, endgültig und bis zu Ende gedacht? Bedeutet das suspendiert oder rehabilitiert? Ist das Problem wirklich befriedigend für die „richtigen Frauen“ für alle Zukunft vom Tisch? Gibt es vorbeugende Untersuchungen vor dem genannten Expertenteam im Sinne einer Bestandsaufnahme?  Und was wird mit dem Weltmeister-Titel von Berlin 2009? Waren die männlichen Hormone „positiv“ und einem Dopingbefund gleich? Wann und wie werden die damit befassten „Frauen-Trainer“ informiert, wie wird für weibliche Jugendliche in Zukunft ein ähnliche Vorführung wie der Semenya durch Funktionäre ausgeschlossen? Wird denn in den Statistiken 2009 ein Weltmeister oder eine Weltmeisterin über 800 m bei den Frauen geführt? In der Tat, kein leichtes Problem. Man muß es zu Ende denken.

Deshalb zum Schluß ein Appell an die Experten, Mediziner, Gynäkologen, IOC-Mitglieder und Funktionäre in den Verbänden die mit diesem Problem befasst sind: machen sie es sich bitte nicht so leicht, denken sie nicht nur an die auf diesem Wege errungenen Siege und Medaillen, nie nur an die eigenen Vorteile, immer auch an die Opfer, die betrogenen Gegnerinnen! Ich habe mehrfach beobachten müssen wie schlimm es für sie war ohnmächtige Verlierer zu sein.