Sauerstoff im Blut lässt Läufer länger laufen

dauerlauf-tempowechsel_cervia11-kosmiderfotoRegensburg, 28. April 2011 –  Es hieße, Eulen nach Athen zu tragen, wenn man ambitionierten Läufer/Innen aerobe und anaerobe Energiebereitstellung erklären wollte. Zum schneller Laufen spielen die aeroben Kapazitäten, gewonnen aus dem eingeatmeten Sauerstoff eine nicht unerhebliche Rolle.  Und dennoch, im Spiel der harten Temposerien werden sie als „Formbilder“ oft weit unterschätzt. Seit einigen Jahrzehnten kann das Wechselspiel der aeroben und anaeroben Kapazitäten genau gemessen werden. Findige Sportmediziner haben die Leistungsdiagnostik entwickelt. Die Erkenntnisse daraus ergeben ein genaues Bild des Grundlagenausdauerzustandes der jeweiligen Probanden.
Eigentlich sind die Zeiten vorbei, als vor allem westdeutsche Trainer angesichts der damals noch vorhandenen erstklassigen Ergebnisse ihrer Schützlinge die Devise „die anderen messen, wir laufen schneller“ ausgaben und die Laktat-Messerei als pseudowissenschaftliche Wichtigtuerei abgetan hatten. Inzwischen ist die Leistungsdiagnostik ein wichtiges Hilfsmittel der Ausdauer-Welt-Elite. In deutschen Landen, zumindest in jenen der Leichtathletik, ist das noch nicht ganz so. Viele altgediente Trainer vertrauen ihrem geschulten Auge meist immer noch mehr als harten, unbestechlichen medizinischen Daten oder setzen leistungsdiagnostische Maßnahmen im Trainingsprozess überhaupt nicht ein.

Selbst in Bundestrainerkreisen werden jene Tests gelegentlich als unpräzise abqualifiziert. Allein auf Grund der Tatsache, dass Leistungsdiagnostiker jene „individuelle aerob-anaerobe Schwellengeschwindigkeit“ auf der Basis des jeweiligen Kurvenverlauf zwischen der vL3 und vL4 (Geschwindigkeiten bei 3 und 4 mmol Laktat im Blut) ein wenig hin und herschieben, reicht für so eine Aussage nicht aus. Sind die Probanden zumindest dreimal im Jahr über mehrere Jahre bei gleicher Testabfolge überprüft, ergibt sich ein klares Bild der Zugewinne in der Grundlagenausdauer, bei Strecken über 3000 m an unabdingbarer wichtiger Faktor zur Leistungssteigerung.

Wer nun immer noch an der Bedeutung der aeroben Energiebereitstellung zweifelt, sollte sich einmal mit renommierten Trainern aus dem weiblichen Langstreckenbereich unterhalten. Nicht selten kommt es bei deren Schützlingen zu Eisenmangelerscheinungen. Eisen, genauer gesagt Ferritin, ist der Träger des Hämoglobins, banal ausgesprochen jenes Stoffes, der den Sauerstoff ins Blut transportiert. Fehlt dieser, fehlt auch der Sauerstoff im Muskel, der Leistungsabfall ist die unweigerliche Folge.

Packen wir doch das Ganze auch einmal von der positiven Seite an. Betrachten wir uns dazu eine Woche des 800 m-Olympiasiegers Wilfried Bungei aus Kenia. Vordergründig mag sich Interessierter gleich auf die speziellen Tempoeinheiten stürzen, bei genauerer Betrachtung sind aber die spezifischen Dauerläufe wesentlich interessanter. Bei hochleistungsadäquaten 12 Trainingseinheiten pro Woche entstehen so nicht nur erstaunliche 110-120 Wochenkilometer auch noch in der frühsommerlichen Wettkampfphase, sondern auch vermehrt Dauerläufe im Kilometerschnitt von 3:00 bis 3:10er Tempo. Das ergibt Dauerlauf-Endzeiten von 30 Minuten für die 10 km. Deutschlands beste Langstreckler schaffen dagegen mit ihren Rennwerten gerade noch einen Zehnerschnitt, der in etwa im Dauerlauf-Trainingsbereich von Bungei liegt.

Wir sollten daher jenes Märchen, dass ausdauernd trainieren in erster Linie langsam macht ganz schnell ad acta legen. Es stimmt nämlich nicht und eine Diskussion in Deutschlands Langstreckenkreisen zu diesem Themenkreis wäre eigentlich schon längst überfällig. Die „anderen“ haben inzwischen fleißig weitergemessen „wir“ laufen dagegen in der Regel viertklassig hinterher.

von Kurt Ring