Wie man Kindern einen Floh ins Ohr setzen kann

Regensburg, 2. September 2011 –  Deutschlands Wunder-Nachwuchsläuferin Jule Aßmann – so meinten jedenfalls ihr Vater, die Deutsche Sporthochschule Köln und ein Großteil der Medien – hat nun  wohl läuferisch die Segel gestrichen, wenn man der Meldung des NDR auf seiner Online-Seite vom 17. August Glauben schenken mag. „Die Liebe zum Laufen ist wohl etwas abhanden gekommen“, meint der Autor des Berichts Hanno Bode. Wenn „Liebe“ flöten geht, fehlt’s nicht selten an Enttäuschungen, Frust und an den sportlichen Träumen, die gerade jetzt wieder im unmittelbaren Vorfeld der Londoner Olympischen Spiele ins Kraut schießen. Vielleicht hat Jule Aßmann diesen Traum mit 12 oder 13 Jahren auch geträumt, eingeimpft von einem übermotivierten Vater, öffentlichkeitsgeilen Wissenschaftlern und einer stets Stories nachlaufenden Medienwelt.

Was unter dem Oberbegriff „Laufwunder und seine Förderer“ begann, endet nun ein wenig in einem „Opfer und Täter“ Muster. Hier das frustrierte Talent, dort Erziehungsberechtigter, die Wissenschaft und die schlecht recherchierenden Medien. „Wenn du zwischen den Verbindlichkeiten hängst, solltest du nicht an den einzelnen Enden zerren, sondern sie Stück für Stück entfädeln“, lautet eine Weisheit, die in diesem Fall gar nicht so schlecht ist, sie anzuwenden. Ein Versuch sei hier gestattet.

Jule Aßmann wurde wie so viele schnell ernannte (Kinder-)Talente von einem hochmotivierten Hobby-Läufervater entdeckt, der wohl Ahnung von seinem Senioren-Laufsport hatte, aber eben wohl überhaupt keine von einer kindlichen Freizeitgestaltung und vorpubertären Konditionierung. Anstatt als Trainer zum Vater zu werden, wurde er flugs vom Vater zum Trainer, frei nach der Devise „ich kenne mein Kind am besten“. Was in der reellen Welt mit „Suchten“ so oft passiert – man muss vermeintliche Opfer, also zu Verführende, nur oft genug zuschauen lassen und sie teilnehmen lassen am, in diesem Fall oft beschriebenen „Runner’s high“ – ist wohl auch hier der Auslöser für eine nicht adäquate Kinderbeschäftigung geworden. Ganz zu schweigen von der natürlich fehlenden gerade in solchen Fällen aber dringend notwendigen objektiven Betrachtung der Dinge, weil ein Vater zur Tochter immer subjektiv beeinflusst sein wird. Was letztendlich den guten Mann getrieben hat, zuzulassen, dass sein Zögling in einer wichtigen Phase des Erwachsenwerdens, der Pubertät, so in die Öffentlichkeit gezogen wird, kann nur er beantworten. Richtig in entwicklungspsychologischer Sicht war es jedoch sicher nicht.

Als seriös kann man auch die wissenschaftlichen Untersuchungen des Gerd-Peter Brüggemann von der Sporthochschule Köln nicht betrachten, weil er eine punktuelle Bewegungsidealsituation in der Wachstumsphase eines sportliche bereits einseitig geprägten Kindes strategisch ohne weiteres Hintergrundwissen zum „läuferischen Idealfall“ der Zukunft stilisierte, seiner biomechanischen  und orthopädischen Wahrheit zwar nachkam, aber wichtige körperliche Unwägbarkeiten im Körperbau in und nach der Pubertät außen vor ließ. Die genetischen „Schalter“ des sich dann ganz individuell entwickelnden Laufstils, sowie die letztendliche muskuläre und organische Konditionierungsverhältnismäßigkeit zwischen Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer, werden sicher erst in dieser Zeit des frühen Erwachsenwerdens umgelegt. Ebenso beginnt der junge Mensch in dieser Zeit, sich auch mental erstmals selbst zu bestimmen. Im Falle Aßmann ist diese Entwicklung komplex betrachtet dann eben nicht so gelaufen, wie man es sich in seinen Träumen erhofft hat. Vor allem die für spätere Weltklasse unabdingbare Grundschnelligkeit ist beim norddeutschen Laufwunder nicht ausreichend vorhanden.

Bliebe hier also noch schließlich die ganz unrühmliche Rolle der eigentlich als seriös bekannten deutschen Medienwelt mit „Spiegel“, „Stern“ und „RTL“. Gesamtheitlich schlecht recherchierend, stürzten sich alle auf eine Story, weil sie Effekthascherei versprach. Es war nun keine Pleite wie ehedem die Hitler-Tagebücher des „Stern“, weil die Sache im Tagesgeschäft der Sensationen eben viel zu klein war, aber eben symptomatisch für die derzeitige Vorgehensweise der Quotenjagd. Freilich, ein ganz klitzekleiner Vorwurf muss hier auch dem DLV gemacht werden, weil er sich auf Befragen streng auf seine Förderrichtlinien zurückzog und wohl zu wenig fachliche Zusammenhänge in diesem Fall offenbarte. So nahmen denn die Dinge ihren Lauf und waren fortan nicht mehr aufzuhalten. Zurück bleibt ein junger Mensch, dem man wohl ein wenig „seine Kindheit geklaut“ hat und der nun auf der Suche nach seinem eigen „Ich“ seine ganz besonderen individuellen Fähigkeiten suchen muss. Das schnelle lange Laufen gehört wohl nicht mehr dazu.

von Kurt Ring