Nicht selten galoppieren die Träume junger Leistungssportler in die verkehrte Richtung

Regensburg, 4. September 2011 –  Gefragt, wie man es gemacht hat, wird man immer dann, wenn sich außergewöhnlicher Erfolg einstellt. Doch was ist außergewöhnlich. Dies kommt doch stark auf die jeweilige Sichtweise an. Derselben Problematik ist der vielgeschundene Begriff Talent unterworfen. Was für den einen ein außergewöhnliches Talent ist, kann für den anderen sehr leicht auch leichtathletischer Durchschnitt sein. Letztendlich gibt die Zielsetzung den entscheidenden Ausschlag. Wie weit der Weg letztendlich führen wird, entscheiden die Anlagen des/der Athleten/In in ihrer komplexen Gesamtheit. Diese auch in der strategischen Weiterentwicklung zu erkennen, ist die Aufgabe guter Trainer/Innen. Dabei spielt die konditionelle Grundveranlagung „Schnelligkeit“ eine ganz entscheidende Rolle.

Schauen wir mal bei anderen Disziplinen ein wenig über den Zaun. David Storl, das derzeitige deutsche Wunderkind, eigentlich per Zufall zum Kugelstoßen gekommen, ist im Grunde noch zu leicht mit seinen 122 kg Lebendgewicht für jenes Spiel mit der Sieben-Kilo-Kugel. Dass der Junge aber schon zu Weltmeisterehren kam, wird seiner im Gegensatz zu seinen Konkurrenten einfach überragend vorhandenen Schnelligkeit zugeschrieben. Was im Kugelstoßen gilt, hat auch im Großen und Ganzen Gültigkeit für alle leichtathletischen Disziplinen. Gemessen über einen 30m fliegend Test muss sie bereits ausgangs der Pubertät vorhanden sein. Sicher ist diese dann in eher schnellkräftigen Disziplinen wie Sprint und Weitsprung über ganz spezielle Trainingsmethoden noch steigerbar.

Bei Läufer/Innen, insbesondere jenen von der langen Kante, hätten solche isoliert speziell angewandte Maßnahmen aber einen entscheidenden Nachteil. Der Muskelquerschnitt würde sich für die Ausdauerdisziplin nicht unbedingt vorteilhaft weiterentwickelt. Deshalb gilt: Schnelligkeit muss zwar ganzjährig kompromisslos trainiert werden, darf aber den komplexen Trainingsaufbau im aeroben und anaeroben Trainingsprozess nicht störend beeinflussen, was im Übrigen natürlich auch für die Kraft und Kraftausdauer gilt.

Zurück aber nun wieder zu unserem Begriff Talent, der bereits bei den jungen D-Kadern der Landesverbände häufig gebraucht, ich meine sogar missbraucht wird. Gehen wir einmal davon aus, dass ein möglicher späterer internationaler Einsatz auch in Jugendjahren schon sehr gute Unterdistanzleistungen braucht, können diese auf Grund der damit zusammenhängenden Grundschnelligkeitswerte vom Gros der D-Kader nicht erbracht werden. Das heißt natürlich noch lange nicht, sie nicht zu fördern. Auch der Erfolg bei deutschen Nachwuchsmeisterschaften bis hin zur Qualifikation JEM kann ein Ansatz sein. Beim Ansatz Männer und Frauen DM wird das Ganze bezüglich der Medaillenränge zwar ein wenig schwieriger, dennoch nicht unmöglich.

Doch der Phantasie jener jungen ehrgeizigen Menschen sind oft keine Grenzen gesetzt. Wenn der „olympische Traum“ Einzug im Kopf eines wie auch immer vage definierten Talents hält, ist die Enttäuschung später einmal sehr groß. Deshalb ist der Umgang, derer, die es wissen müssen, den Trainern, mit dem Begriff Talent bzw. der Zielsetzung Olympia und WM sehr sorgsam zu suchen. Ehrlichkeit ist hier gefragt, auch wenn sie mal weh tut.