Wenn Läuferträume mit der harten Realität konfrontiert werden

Regensburg, 7. Oktober 2011 –  Der DLV ist mit einer durchaus positiven Bilanz von den Weltmeisterschaften aus Daegu zurückgekehrt. Selbst der vielgescholtene Bereich Lauf sorgte durch den neunten Platz der blutjungen Hindernisläuferin Gesa Felicitas Krause und einigen WM-Teilnehmern für einen Aufwärtstrend. Man ist wieder im Gespräch und das Fachmagazin „Leichtathletik“ traut sich sogar an einen Vergleich mit den Briten heran. Idriss Gonschinska, DLV-Cheftrainer Track spricht von einer Aufbruchstimmung in Richtung London 2012. Er verheimlicht aber auch nicht, dass deutsche Läufer/Innen in Zukunft mehr an Qualität und Quantität für ihre olympische Träume aufwenden werden müssen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Meinung des britischen Nationalcoaches Mick Woods. Der 58-Jährige fasst die britischen Talente in Hochleistungsgruppen zusammen, legt sehr viel Wert auf starke Ausdauer und hat dafür ein progressives Training entwickelt. Eine seiner Schützlinge, Stephanie Twell war dadurch in der Lage, schon als Jugendliche über 1500m schneller als alle deutschen Frauen der letzten fünf Jahre und als 21-Jährige die 5000m unter 15 Minuten zu laufen. Dafür trainiert sie während der Wintermonate konstant 160 km und mehr pro Woche und dies nicht erst seit gestern, wobei die hohe Qualität ebenso eine wichtige Rolle spielt. Die Wettkampfhärte holen sich die Briten wie schon seit vielen Jahrzehnten bei unzähligen Crossrennen auf der Insel.

So recht angekommen ist dieser Anspruch bei den Läufer/Innen hierzulande noch nicht recht. So manche Marathonis, die sich in „Old Germany“ durchaus zu den besseren zählen, schleichen bei ihren doch schon recht umfangreichen Kilometern in einem Tempo durch die Gegend, die so manche Britin nur mit einem Lächeln quittieren mag. Diese ihre Trainingsphilosophie geben sie dann auch noch vielfältig mittels ihrer ausführlichen Homepageberichte gerne und freudig an die interessierte Öffentlichkeit weiter, immer verbunden mit dem großen Ziel Olympia.

Dass inzwischen die Gleichung Deutscher/Meister/In ist gleich internationale Konkurrenzfähigkeit schon lang nicht mehr gilt, wird aus Gründen der public relation schnell unter den Tisch gekehrt und jeder, der mal passabel das Ziel erreicht, fühlt sich berufen, zum Thema Lauf seinen gehobenen Anteil beizutragen. In Ermangelung von besseren Ergebnissen greifen die Medien dann fleißig zu. Eine 32-Jährige wird auf Grund einer 2:37 zur Senkrechtstarterin stilisiert, zwei durchaus talentierte Laufzwillinge zu Überfliegerinnen und eine ehemalige deutsche Halbmarathonmeisterin im international völlig unbedeutenden Leistungsbereich von 1:15 Stunden gibt seitenweise Auskunft über ihr läuferisches Seelenleben und warum es mit London 2012 im Marathon wohl nicht geklappt hat, wohl gemerkt mit einem Probemarathon von 2:48 im Handgepäck.

Man muss dabei gar nicht ins persönlich Vermutbare gehen, man braucht sich eigentlich nur die Zeitenprofile der deutschen Läufer/Innen auf der Hauptstrecke, der Über- und der Unterdistanz ansehen. In vielen Fällen fehlt es ihnen an Grundschnelligkeit für ihre Disziplin, was besonders schlimm ist, weil sich jene Fähigkeit nicht so einfach trainieren lässt. Und jene, die wirklich schnell sind, richten sich über Jahre bequem auf der untersten Unterdistanz ein, weil Ausdauertraining weiß Gott mehr Überwindung kostet als so manche Technikeinheit in der Halle. Warum denn nach dem scheinbar Unmöglichen auf der Überdistanz oder vielleicht auf einer noch längeren Strecke suchen, wenn es sich formidabel viele Winter in einer 4x400m Staffel überleben lässt.

Die andere Spezies vom langen Fuß kann sich durchaus mit den vielen Kilometern anfreunden, so lange noch ein Schwätzchen möglich ist. Natürlich gibt es auch jene Kampf- und Kraftläufer, die keine Qualen scheuen, um zum Erfolg zu kommen. Es gibt aber leider auch die Streckenrelationen untereinander. Wer als Frau letztendlich die 800m und die 1500m nicht um die zwei bzw. 4:05 Minuten läuft, wird bei den international hinten raus immer schneller werdenden Rennen ganz einfach nicht dabei sein. Wer auf der Bahn bei den Frauen nicht eine Zeit unter 31:30 bzw. unter 15 Minuten vorweisen kann, braucht auf der Marathonstrecke auch keine gehobenen Ansprüche anmelden. Bei den Männern verhält es sich adäquat.  Anspruch und Wirklichkeit muss in Lauf-Deutschland wieder näher zusammenrücken.

von Kurt Ring