Sind Patrick Makau, Wilson Kipsang und Geoffrey Mutai die Favoriten ?
3 deutsche Frauen qualifiziert, Irina Mikitenko - die einzige Hoffnung für eine deutsche Marathonmedaille in London

Berlin-Marathon_foto_Victah_Sailer Regensburg, 09. November 2011 (Von Lothar Pöhlitz) - Immer wieder werden Frauen- und Männerleistungen einer Disziplin verglichen, dabei ist es wegen vielfacher Einflüsse auf die Leistung nicht so einfach den „Mehrwert“ einer Leistung exakt zu bewerten, so auch im Marathon. Der neue Makau - Männerweltrekord von 2:03:38 (5,68 m/s) entspricht einem Abstand zwischen 8 - 9 % im Vergleich zum Radcliffe - Weltrekord von 2:15:25 (5,22 m/s). Das bedeutet, das bei den sonstigen statistischen Leistungsabständen in den Laufdisziplinen von etwa 10 % die Männer noch in den Bereich unter 2:03 vorstoßen müssen um es Paula gleichzutun. Wer den Weltrekordlauf in Berlin, Wilson Kipsang in Frankfurt und Geoffrey Mutai in New York gesehen hat, ist sicher wie ich überzeugt, dass in Afrika schon kräftig an neuen Bestzeiten „gearbeitet“ wird.

Unter 2:04 ist bei den Männern inzwischen das Maß aller Dinge

Selbst ein Jahr vor den Olympischen Spielen gab es im Marathon keine Ruhe. Weltrekord durch Patrick Makau, nur 4 Sekunden dahinter Wilson Kipsang. unglaubliche letzte 8 km von G. Mutai in New York, 3 Männer unter 2:05, 11 unter 2:06 und knapp 120 unter 2:10 ! Man kann schon jetzt sagen, das der Olympiamarathon in London spannend wird, weil von den 20 Kenianern bis 2:06:31 nur 3 am Start sein können. Hat der Brasilianer Marilson dos Santos eine Chance, wie werden die Äthiopier vorbereitet sein, die eigentlich Marathon besser können als im gerade zu Ende gehenden Jahr? Kann Haile noch ein letztes Mal vorn reinlaufen? Ob die Plätze 1-6 wieder an 4 verschiedene Länder gehen wie bei den Olympischen Spielen vor 3 Jahren?

Erinnern Sie sich:

Die Marathon Männer Ergebnisse 2008 (Rückblick)

Platz Athlet Land Zeit (h)
1 Samuel Kamau Wanjiru KEN 2:06:32 (OR)
2 Jaouad Gharib MAR 2:07:16
3 Tsegay Kebede ETH 2:10:00
4 Deriba Merga ETH 2:10:21
5 Martin Lel KEN 2:10:24
6 Viktor Röthlin SUI 2:10:35

Weltbestenliste Marathon Männer 2011 (Stand 7.11.2011)

2:03:38 Patrick Makau Musyoki KEN
2:03:42 Wilson Kipsang Kiprotich KEN
2:04:40 Emmanuel Kipchirchir Mutai KEN
2:05:06 Geoffrey Mutai KEN
2:05:16 Levy Matebo Omari KEN
2:05:25 Albert Kiplagat Matebor KEN
2:05:27 Wilson Kwambai Chebet KEN
2:05:33 Vincent Kipruto KEN
2:05:37 Moses Cheruiyot Mosop KEN
2:05:45 Martin Lel KEN
2:05:48 Jafred Chirchir Kipchumba KEN
2:06:05 Laban Korir KEN
2:06:07 Erick Ndiema KEN
2:06:07 Philip Kimutai Sanga KEN
2:06:15 Wesley Korir KEN
2:06:28 Nathaniel Kipkosgei KEN
2:06:29 Bernard Kiprop Kipyego KEN
2:06:29 Robert Kiprono Cheruiyot KEN
2:06:31 Benjamin Kolum Kiptoo KEN
2:06:31 Peter Cheruiyot Kirui KEN
2:06:34 Marilson dos Santos BRA
2:06:34 Nicholas Manza Kamakya KEN
2:06:48 Michael Kipkorir Kipyego KEN
2:06:53 Elijah Keitany KEN
2:06:54 Paul Biwott KEN

Unter 2:20 ist bei den Frauen jetzt Weltspitze

Bei den Frauen lief Liliya Shobukhova im vorolympischen Herbst feine 2:18:20, aber Mary Keitany und die zwei Kiplagats aus Kenia werden 2012 die Goldmedaille für Kenia holen wollen die Catherine Ndereba 2008 sensationell der Rumänin Ditá überlassen musste. Auch mit den Chinesinnen muß wieder gerechnet werden, die damals auf den Plätzen 3 und 4 einkamen. Deutschland hofft natürlich, dass Irina Mikitenko 2012 auf dem Olympia - Tableau auch zu finden sein wird und zwar möglichst weit oben. Beim Berlin-Marathon 2011 hat sie mit der drittbesten Zeit ihrer Karriere (2:22:18) und einer schnelleren zweiten Hälfte einen sehr guten, beherrschten Eindruck gemacht. Natürlich darf man auch Paula mit ihrer Kampfkraft vor ihren Fans zu Hause und die 10 Äthiopierinnen bis 2:24 nicht übersehen. Paula ist in einer ähnlichen Situation wie Haile Gebrselassie, in die Jahre gekommen scheint es ihre letzte große Chance. Das Weltniveau lag 2011 jenseits der 2:24, die von 22 Läuferinnen unterboten wurden, 12 gehörten zur Weltspitze und liefen schneller als 2:23 und die 3 unter 2:20 sind derzeit die Weltspitze.

Die Marathon Frauen Ergebnisse 2008 (Rückblick)

Platz Athletin Land Zeit (h)
1 Constantina Dita ROU 2:26:44
2 Catherine Ndereba KEN 2:27:06
3 Zhou Chunxiu CHN 2:27:07
4 Zhu Xiaolin CHN 2:27:16
5 2:27:16 KEN 2:27:23
6 Mara Yamauchi GBR 2:27:29

Weltbestenliste Marathon Frauen 2011 (Stand: 7.11.2011)

2:18:20 Liliya Shobukhova RUS
2:19:19 Mary Jepkosgei Keitany KEN
2:19:44 Florence Jebet Kiplagat KEN
2:20:46 Edna Ngeringwony Kiplagat KEN
2:21:59 Mamitu Daska ETH
2:22:08 Tiki Gelana ETH
2:22:09 Ejegayehu Dibaba ETH
2:22:18 Irina Mikitenko GER
2:22:34 Lydia Cheromei KEN
2:22:43 Koren Jelela ETH
2:22:45 Aselefech Mergia ETH
2:22:55 Priscah Jeptoo KEN
2:23:15 Firehlwot Dado ETH
2:23:19 Bizunesh Deba ETH
2:23:25 Mare Dibaba ETH
2:23:37 Helena Loshanyang Kirop KEN
2:23:41 Isabellah Andersson SWE
2:23:42 Bezunesh Bekele ETH
2:23:46 Paula Radcliffe GBR
2:23:50 Atsede Baysa ETH
2:23:54 Agnes Kiprop KEN
2:23:56 Yoshimi Ozaki JPN
2:24:09 Yukiko Akaba JPN

„Es ist Zeit für neue Meister“

Dieser Spruch von Patrick Makau nach seinem Weltrekordlauf in Berlin gilt am Ende des Jahres 2011 vor allem für die deutschen Männer, obwohl Makau dabei eher an einen neuen Weltrekordler gedacht hat. Wilson Kipsang hat ihn in Frankfurt noch zwischen den 30. und 35. Kilometer um 4 Sekunden knapp verpasst, als er im Vergleich zu seinen sonstigen 5 km Abschnitten um 14:35 mit 14:54 um 20 Sekunden zu langsam war. Er scheint der Kronprinz für demnächst zu sein, festlegen würde ich mich aber bei der Verdichtung der Weltspitze und bei diesem Finale von Geoffrey Mutai in New York und beim Stand der Weltbestenliste 2011 nicht. Sie wissen es, im Marathon ist viel Geld zu verdienen und das wird nach dem Olympia-Finale für die erst einmal nächsten 2 Jahre verteilt.

Die neue Verantwortung des bisherigen Geher-Bundestrainers Ronald Weigel auch für den deutschen Marathonlauf hat die Wende bei den Männern noch nicht gebracht. Er muß vor allem die Frage beantworten warum seine Marathonis derzeit nur bis höchstens 35 km kommen. Alle Experten aber wissen dass dort die Karten für die letzten 7-8 km neu gemischt werden. Trotz Höhenketten haben die Hoffnungsträger André Pollmächer und Jan Fitschen die Fahrkarten für London nicht lösen können. Fitschen war als 32. und 2:15:40 knapp 4 Minuten hinter der Norm sogar zufrieden und der noch höher gehandelte André Pollmächer stieg gar entnervt aus, als er vom Österreicher Weidlinger überholt wurde und spürte, dass sein Vorhaben nicht mehr realisierbar war. Im Vergleich zu den Spitzenläufern war besonders auffällig, wie bei beiden die Bewegungsstruktur, die Laufökonomie, die Leichtlauftechnik „zusammenbrach“, als das Pulver im Kopf verschossen war, die Energiedepots für die gewählte Geschwindigkeit nicht ausreichten. Der einstige Europameister Fitschen soll sich nach dem Rennen sogar über die Schallmauer 2:12 und die zu hohe Olympiahürde des DLV beklagt haben. Olympische Spiele sind doch das Fest der Weltbesten, knapp 120 Männer in der Welt sind 2011 schneller als 2:10 gelaufen. Unter 2:06 schafften es 11 und unter 2:05 liefen 3 ! Noch Fragen?

Mikitenko, Mockenhaupt und Hahn können sich jetzt in Ruhe vorbereiten

Nachdem Irina Mikitenko ihre Fahrkarte schon in Berlin gelöst hatte und auch unsere einzige Marathonmedaillenhoffnung bei Olympia ist, überraschte Susanne Hahn in Frankfurt mit ihrem Leistungsfortschritt und einer sicheren Olympianorm. Das verdient richtig Anerkennung, auch wenn der 11. Platz beim Frankfurt-Marathon und ein 95. Platz in der Weltbestenliste 2011 den wahren Wert dieser Leistung im Hinblick auf eine mögliche Olympia-Platzierung in London verdeutlichen. Dazu kommt dass der Marathon im August unter den Bedingungen des Sommers auf der Insel noch eine besondere Bewährungssituation darstellen wird, dagegen waren in Frankfurt Ende Oktober 2011 Top-Marathonbedingungen.

Mockis 35 km Rennen in Frankfurt erfordert eine gründliche Analyse

Trotz Olympianorm war „Mocki“ richtig enttäuscht und im wahrsten Sinne des Wortes am Boden nach einem vergeblichen Kampf um ihre hochgesteckten Erwartungen erfüllen zu können. In Leichtathletik 39/2011 hatte sie noch Hoffnung verbreitet: „ich habe gut trainiert“. Die Bedingungen waren Top, die Gegner und ihre persönlichen Tempomacher auch. Dass sie nach ihrem Zieleinlauf weggetragen werden musste deutet allerdings auf eine nicht gute sportliche Form zum Höhepunkt, zumindest auf keine, die den geäußerten Erwarten von persönlichen Bestleistungen über die halbe und die ganze Distanz entsprach. Wenn sie nach dem Rennen einschätzte dass etwa bei Kilometer 35 der Mann mit dem Hammer kam und auf den letzten sieben Kilometern drei Minuten verlor war auch sie nicht ausreichend auf diesen Marathon und den von ihr selbst prognostizierten Zielen vorbereitet. Frustriert, enttäuscht und unter Tränen stellte sie sich nach der Trage dem Fernsehinterview. Enttäuscht vor allem weil sie ja viel mehr erwartet hatte. Das Training – diesmal auch in der Höhe – reichte nicht für den Sprung ins Weltniveau. Ob sie sich nun wieder nach einem neuen Trainer umschaut werden wir in den nächsten Wochen erfahren. Es wird bereits gemunkelt dass sie Trainer Eickmann wieder verlassen wird. Vor allem die mentale Niederlage wird nicht so leicht aus dem Kopf zu bekommen sein. Jetzt hilft nur positives Denken damit sie stärker aus diesem Arbeitsergebnis herauskommt und bei Olympia die Enttäuschung nicht noch größer wird.

Der Titel „Bester Deutscher“ darf nicht länger Alibi für ein zu wenig
wirksames Hochleistungstraining sein

Die Marathonveranstalter könnten bei der Talentsuche helfen
Der Mini-Marathon müsste aber 15 km lang sein

Die Hoffnung vieler, dass die deutsche Marathoneuphorie der „Älteren“ des letzten Jahrzehnts auch junge Talente für den Leistungsbereich hervorbringen würde hat sich leider nicht erfüllt. Sie hat im Gegenteil, was ja auch erfreulich ist, mehr jenseits der 35 hinter dem Ofen hervorgelockt und zugleich zu einem nicht erwarteten Boom in den Langstrecken und der Joggerbewegung der Seniorenlaufdisziplinen zwischen 3 – 6 Stunden geführt. Deshalb muß eine gezielte Nachwuchsarbeit, wie es sie in den 90iger Jahren schon einmal gab, mit dem Ziel eines Tages international wieder konkurrenzfähig zu sein, schnellstmöglich wieder aufgenommen werden.

Da könnten vor allem die Marathon- und Straßenlaufveranstalter helfen und sich einer auch für sie hilfreichen Investition für die Zukunft annehmen. Ein 15 km Minimarathon für die Jugend wäre das Richtige. Auch Bundestrainer Weigel will die 15 km auf der Strasse für die Jugend wieder einführen, weil kein anderer Weg, mangels derzeit fehlender Talente für die Langzeitausdauerdisziplinen aus der Krise führen wird. Ein solcher Neuanfang mit jungen Ausdauertalenten, nicht nur im männlichen Bereich, duldet keinen Aufschub.

Erste anspruchsvolle Ziele auf einer genau vermessenen 15 km Strecke – für die auch schon eine kleine Ehrung oder ein Sponsoring Anreiz wäre – wären 48:00 Minuten für die Jungen und 54:00 Minuten für die Mädchen. Das z.B. wären Grundvoraussetzungen zunächst einmal für eine Marathonleistung von 2:15 bei den Männern und 2:32 bei den Frauen.

Der Minimarathon für Ausdauertalente, für unseren zukünftigen Marathonnachwuchs, muß 15 km lang sein weil 15 km die aerobe Grundleistungsfähigkeit eines Marathon- läufers repräsentiert und erste Voraussetzung für einen Marathonleistungsaufbau ist. Sie entspricht im Prinzip der bekannten aeroben Schwelle aus der Leistungsdiagnostik. Auf deren Grundlage wird die aerobe Ausdauer nicht nur für zukünftige Straßen- läufer, sondern auch für Langstreckler für die 5000 m und 10000 m aufgebaut.