über das Training mit zugunterstützten Läufen

Regensbrg, 21. November 2011 (oelv.at) – Viele Sprinttrainer schwören auf den Effekt von zugunterstützten Läufen. Sie setzen sie gezielt im Training ein. Ob diese Methode tatsächlich einen flächendeckenden Nutzen hat, ist Sascha Kratky u.a. mit einer empirischen Untersuchung auf den Grund gegangen.Soviel ist klar: Wissenschaftliche Publikationen sind keine Textbücher für eine Slapstick-Komödie. Es sind Schriftstücke in einer hölzernen Sprache. Sie werden machmal nur von Insidern der Datenjonglier- Wissenschaft verstanden. Aber im Gegenteil zu manchen diffusen Befunden, die zwischen Glaskugelschau und Kaffeesud- lesen liegen, haben empirische Erhebungen einen streng methodischen Aufbau. Wer zu Mittelwerten, Korrelationen, Streuungen oder Varianzanalysen eine widerborstige Beziehung hat, wird mit wissenschaftlichen Untersuchungen nicht warm. Trotzdem. Trainer, die ihre Arbeit als Vorwärts- bewegung verstehen, sollten nicht stillstandversiegelt bleiben, sondern sich vorurteilsfrei mit den Erkenntnissen der Sportwissenschaft auseinander setzen. Gescheiter kann man immer werden.

Auch im Bereich der Leichtathletik wurde in den letzten Jahren eine Reihe von Untersuchungen vorgelegt. Eine interessante Arbeit publizierten Sascha Kratky, Jürgen Birklbauer und Erich Müller. Sie untersuchten den Einfluss der Zugunterstützung beim Sprinttraining. Dabei wurden Athletinnen und Athleten mit Hilfe eines Flaschenzugsystems beim Sprint vorwärts gezogen.

Man schuf quasi einen künstlichen Rückenwind. Der Einsatz von Trainingsmitteln war schon immer eine hoffnungsfrohe Strategie, kinematische und muskuläre Parameter zu verbessern. So werden bei verschiedenen Sportarten gerne Gewichte oder Bleiwesten verwendet, um durch eine Erschwernis eine nachfolgende Leichtigkeit zu „erzeugen“. Kratky & Co. entwickelten für ihre Unter- suchung einen speziellen Versuchsplan. Das Zugseil, mit dem die Sprinter gezogen

wurden, war mit einer Kraftmessdose und einem Gewichtsschlitten verbunden. Für die empirische Befundung stand eine Stichprobe von 17 Sprintern und drei Sprinte- rinnen zur Verfügung, die allesamt Erfahrungen mit Unterstützungsläufen hatten. Im Pool der Auserwählten waren auch sechs österreichische Top-Sprinter mit einer mittleren 100-m-Bestleistung von 10,67 sec. Jeder Läufer absolvierte vier fliegende 20-m- Sprints unter vier verschiedenen Bedingungen:

1. freier Sprint

2. zugunterstützter Sprint

3. freier Sprint mit Anweisung

4. zugunterstützter Sprint mit Anweisung

Die Anweisung lautete: „Versuche gegenüber dem freien Sprint durch eine leichte Erhöhung der Schrittfrequenz deine Laufgeschwindigkeit zu steigern!“ Ohne Anweisung sollten die SprinterInnen so schnell als möglich laufen. Vom Einsatz einer Zugunterstützung erwarten sich Trainer meist mehrere Effekte. Es wird angenommen, dass sich die Schrittlänge und die -frequenz erhöht und die Boden- kontaktzeit verringert. Allein dadurch kommt es zu muskulären Reizen, die von der Norm eines freien Sprints abweichen. Insgesamt erhofft man sich durch den wiederholten Einsatz eines „Beschleunigers“ eine Leistungssteigerung, die sich dann beim freien Sprint auswirkt. In den bisher vorliegenden Untersuchungen konnten einige dieser Annahmen nicht verifiziert werden. Dagegen wurde die Schritt- verlängerung durch Zugunterstützung bei vielen Untersuchungen bestätigt. Die Erhöhung der Schrittfrequenz wurde empirisch jedoch nur selten nachgewiesen.

Sascha Kratky Die Ergebnisse der gut balancierten Erhebung von Kratky, Birklbauer und Müller brachten eine Fülle von Erkenntnissen. Hervorzuheben ist, dass der Einsatz von zugtechnischen Hilfen allein noch keine Zaubermethode ist. Ohne zusätzliche Bedingungen, z.B. der Anweisung, die Schrittfrequenz zu steigern, bleibt sie lediglich eine Spielform des Lauftrainings. Ein Geschmacksverstärker für die Trainingsspeise ist sie aber allemal.

In der Untersuchung zeigte sich, dass die Zugunterstützung zu schnelleren Lauf- werten führt. Die Schrittlänge stieg bei Läufen mit dem „technischen Zugpferd“ ebenfalls signifikant an. Auffallend war allerdings auch, dass im freien Sprint die Anweisung, die Laufgeschwindigkeit über eine Steigerung der Schrittfrequenz zu erhöhen, offensichtlich das Gegenteil bewirkte. Es führte nämlich zu einer Verringerung der Geschwindigkeit. Die Autoren resümieren, dass die erleichterten Bedingungen, die durch die Zugunterstützung entstehen, sich auch gut für das Techniktraining eignen. Allerdings sollte man dann den AthletInnen nicht die Anweisung geben, maximal zu sprinten.

Es scheint auch günstiger, die Zugunterstützung niedrig zu halten und diese durch einen nachgebenden Schlitten zu begrenzen. Ganz wichtig ist, die AthletInnen über den Zweck der Übungen zu instruieren und klar zu machen, was die konkrete Aufgabe ist.

Herbert Winkle