Ein Konzept muss auf Biegen und Brechen durchgesetzt werden

orth1_dm-halle_lutzfotoRegensburg, 8. Dezember 2011 –  Irgendwie fühlt man sich an ganz alte Zeiten erinnert, wenn man die Fachzeitschrift „Leichtathletik“, Nummer 48, aufschlägt. Ein Blatt, das eigentlich unabhängig die Vielfalt der deutschen Leichtathletik wiedergeben sollte, in allen Couleurs und Strömungen, wird zum Handlanger einer kleinen Schicht von Funktionären, die fernab der Wirklichkeit auf Biegen und Brechen ein Meisterschaftssystem durchdrücken wollen, vor dem alle Praktiker warnen, weil es letztendlich am angepeilten Ziel vorbeigeht. Die Rede ist hier vor allem – schon auf Grund ihrer Dringlichkeit – von den Normen für die Deutschen Hallenmeisterschaften am letzten Februar-Wochenende in Karlsruhe.

Die Tatsache, dass für die Besetzung der Meisterschaftswettbewerbe nicht die Meldezahlen, sondern einzig und allein die abgegebenen Stellplatzkarten neunzig Minuten vor den jeweiligen Wettbewerben ausschlaggebend sind, wird in gleichgeschalteten Veröffentlichungen einfach unter den Tisch gekehrt. Buchhalterisch berichtet man da von „5,6 bis 3,2 zu viel Meldungen“ und vergisst dabei, dass in einzelnen Kern-Disziplinen, wie den 1500m der Frauen, die Vorläufe mangels Teilnehmerinnen gleich ganz ausfielen. Die Wahrheit ist, dass die Zahl der angetretenen Athleten/Innen nur in minimal wenigen Disziplinen mit nur winzigen Überschreitungszahlen und daher ohne Einfluss auf zusätzliche Vorläufe/Vorkämpfe nur verschwindend gering die neuen Kennzahlen des neuen Meisterschaftskonzepts übertrifft, die weitaus größte Anzahl an Disziplinen aber bereits dramatisch drunter bleibt. Im letzten Sommer traten noch genau acht Frauen zum Endlauf über 800m an.

Auch 2012 wird es zumindest in der Halle nicht anders sein, weil aus Kaderkreisen zu hören war, dass einige der Asse heuer explizit nicht antreten werden, weil sie sich zu diesem Zeitpunkt zur Vorbereitung auf die Sommer-Höhepunkte im Höhentrainingslager befinden werden. Noch drastischer wird die ganze Sache, wenn man sich die 3000m der Männer herauspickt. In einem Wettbewerb, in dem schon traditionell die persönlichen Bestleistungen bei den deutschen Meisterschaften erzielt werden, hatten von den ersten Fünf der Hallen-DM 2011 zum Meldeschluss vier (!) weder A- noch B-Norm, lediglich der Zweite Rico Schwarz konnte die B-Norm bei den Süddeutschen Meisterschaften mit einer 8:14 mit Ach und Krach unterbieten. Geht man davon aus, dass neunzig Prozent der DM-Aspiranten mit den meist schwach besetzten Landesmeisterschaften und den kurz darauf folgenden Regionalmeisterschaften nur zwei Quali-Möglichkeiten haben, wird die Sache schon leicht dramatisch.

Irgendwie schwant jenen reformträchtigen Funktionären doch schon Ungemach.  Wie man hört, muss jenes unsinnige Meldesystem, dass bereits im letzten Jahr gerade noch einmal gekippt werden konnte, jetzt unbedingt durchgezogen werden, weil der dafür zuständige Verbandsrat angeblich keine Zeit mehr zum Tagen hat. Eine Notbremse hat man bereits gezogen. Die Bundestrainer verschicken schon fleißig Anträge für eine Sondergenehmigung zum Start bei den Deutschen Meisterschaften an ihre Kaderathleten um wenigsten die Besten vor jenen Funktionärsaktionen wider der Vernunft zu schützen.


Von Kurt Ring