Schleichende Abwärtsbewegung kaum noch aufzuhalten

Regensburg, 31. Dezember 2011 –  Die große alte Dame Leichtathletik, immer noch olympische Kernsportart Nummer eins, ist kein Musterbeispiel an Innovation. An Regeln und Wettbewerben wurde in den letzten Jahrzehnten wenig verändert, sieht man einmal von der stetigen Angleichung der Frauenwettbewerbe ans starke Geschlecht ab. Kein Mensch wundert sich mehr, wenn Frauen Marathon laufen oder den Hammer schwingen und auch der Zehnkampf, als letzte Bastion der Männer noch abweichend vom Siebenkampf der Frauen, wird wohl letztendlich noch kommen. Natürlich hat man mit der Ausführung der Wettbewerbe herumgespielt und tut es immer noch, eine erhöhte Attraktivität der Sportart ist zumindest länger anhaltend nicht entstanden. Wer die großen Leichtathletik Events live miterlebt, wird sich die Frage nach dem Sinn solcher Maßnahmen gleich nicht stellen. Die Leichtathletik ist mit ihren Elementen „Laufen, Springen, Werfen“ so spannend wie eh und je.

Trotzdem bröselt es am Denkmal Leichtathletik ganz gewaltig. Betrachtet man die Basis, fallen deutliche Verfallserscheinungen auf. Dort, wo vor 40 Jahren selbst noch Bezirksmeisterschaften mit vier bis fünf Sprint-Vorläufen pro Altersklasse und Wettbewerb bei nicht selten mehr als 500 Teilnehmern pro Veranstaltung in der Blüte standen, macht sich Leere breit, gähnende Leere. Verkommen zu einer Breitensportveranstaltung an einem Freitagabend, bekommt man gerade noch einen 100m Endlauf übergreifend über alle Altersklassen, männlich und weiblich, zusammen. Attraktiv ist das für junge Leute, die sich mit Gleichgesinnten messen wollen, indessen nicht.

Zudem man in den leichtathletischen Disziplinen, gemessen nach Zeit, Weite und Höhe, schon einiges trainieren muss, um dabei sein zu können. Lange Zeit galt der Computer als größter Feind der Nachwuchspflege, weil das mediale Herumhocken verständlicherweise weder Muskeln noch Herz und Lunge pflegt. Dazugekommen ist noch, dass die Schule als solche den Leistungssport immer mehr stranguliert. Ursprünglich ausgehend aus den Schulsport fanden viele Talente früher den Weg zum Leistungssport treibenden Verein. Inzwischen ist der ehedem leistungsbezogene Schulsport zum Laissez-faire-Funsport verkommen. Die übrigen schulischen Anforderungen sind über die Einführung der G8 durch den erhöhten zeitlichen Aufwand angestiegen. Dort, wo früher einmal das eine oder andere Semester dazu kam, presst nun ein uniformiertes Bachelorstudium die jungen Leute in eine unsinnige Ausbildungshatz, bei der am ehesten die Qualität auf der Strecke bleibt.

Die Dinge sind aber nun so, wie sie sind und die Schere zwischen den ganz großen, aber immer weniger werdenden Talenten und dem ebenfalls schrumpfenden „Fußvolk“ wird immer größer. Letztendlich müssen sich die da oben schon bald für den Profisport entscheiden, um im Konzert der Großen noch mithalten zu können und die da unten werden sich immer auf Kosten ihrer Freizeitbeschäftigungen für die Bildungshatz entscheiden. Auf der Strecke wird auf Dauer das gesamte Vereinswesen bleiben, weil die Kernzellen des bundesdeutschen Sports gnadenlos überaltern werden.

Gemerkt hat das schon fast jeder, der mit der Materie befasst ist. Fast jeder, wohl gemerkt. Auszunehmen sind wohl jene Karriere zugewandten Politiker und Hochfunktionäre, denen nichts mehr heilig scheint mit Ausnahme ihres eigenen persönlichen Aufstiegs. Da braucht man sich nur die deutsche Schulmisere anschauen. Gleich einem Sack mit lauter Löchern, wird fleißig gepflastert und geklebt, anstatt an einen neuen Sack zu denken. Absichten der guten Art hat man viele, sie werden nur nicht in die Tat umgesetzt. Wie sagte doch ein weiser Mann: „Reden sind die Blätter eines Baumes, Taten aber seine Früchte.“ Vielleicht aber hat auch eine Buchstabendreher zugeschlagen: „Aus f(r)uchtbaren Reden werden oft fu(r)chtbare Taten.“

Ich möchte trotzdem allen, die der Leichtathletik wohl gesinnt sind, einen guten und vor allem erfolgreichen Rutsch ins Neue Jahr 2012 wünschen, insbesondere natürlich allen aus unserer großen Telis-Familie. Es gibt viel zu tun, packen wir es an!


von Kurt Ring