Das Fokussieren auf das eine, große Ziel ist nicht immer einfach

Regensburg, 9. Februar 2012 (orv) – Die deutsche Leichtathletikszene ist schon heiß in diesen Tagen des eiskalten Februars. Schließlich haben wir nicht nur ein Schaltjahr, sondern auch einen olympischen Jahrgang und vorgeschaltete Europameisterschaften noch dazu. Deutschlands Asse scharren mehr oder weniger schon gewaltig mit den Hufen und viele Talente träumen ihren olympischen Traum. Geradezu Hektik ist ausgebrochen. Alles muss früher kommen: die Vorbereitung, die Form und auch die Rennen. Ein Gedanke verselbstständigt sich. Wer Ende April noch nicht dabei ist, schafft es nicht mehr. Argwöhnisch werden die derzeitigen Ergebnisse der vermeintlichen Konkurrenten für die wenigen Startplätze beobachtet, Ausrutscher  der anderen nach oben sind nicht selten Anlass für Verunsicherungen seines eigenen Tuns. Doch Olympia ist nicht übermorgen. Es ist wie fast immer erst Anfang August. Bisher hatten deutsche Athleten nicht selten Probleme, ihre Hochform in Richtung diesen eher spät liegenden Saisonhöhepunkts noch aufrecht zu halten. Jetzt meinen nicht wenige, schon im Februar zu spät dran zu sein.

Da fallen mir einige Zeilen über jenen legendären Schweizer Abfahrtsläufer Didier Cuche ein: „Er hat sich nie mit Dingen beschäftigt, die er nicht beeinflussen kann. Er hat immer versucht, härter und besser als zuvor zu trainieren.“ In Zeiten von Facebook und der intermedialen Kommunikation ist das für die derzeitige Athletengeneration gar nicht so einfach. Ständig mit dem Zwang leben zu müssen, dass ein Tag ohne Facebook und Homepage ein verlorener Tag sei, bringen sie sich durch ihre Erzählfreudigkeit in unnötige Zugzwänge, beschäftigen sich mehr mit den anderen und treiben sich gegenseitig voreinander her. Dass dies physische Substanz kostet, mag ich nicht zu beurteilen, weil trotz vieler „öffentlicher“ Trainingstagebücher der wesentlich wichtigere direkte Einblick in den Trainingsalltag fehlt. Über eins bin ich mir aber sicher: Der Einfluss jenes Multi-Informationsterrors auf die jeweilige Psyche ist dagegen wesentlich und sicherlich längerfristig nicht athletenförderlich.

Das erinnert mich auch an meine Schulzeit. Jene Studienkollegen, die sich stets von anderen verunsichern ließen, bis zur letzen Sekunde büffelten, oft in der letzten Nacht vor den Prüfungen bis um drei Uhr morgens über den Büchern hockten, waren selten prüfungsstark. Sie hatten eigentlich immer Lernstress, ganz gleich ob mit oder ohne anstehender Prüfung. In der Ruhe liegt die Kraft, da lässt sich Selbstvertrauen besser aufbauen. Wer ständig Getanes hinausposaunt und ständig Fremdes in sich reinsaugt, ist letztendlich schon wieder der erste Kritiker seiner selbst, weil er im ständigen Zweifel lebt.

Sein Ding machen, sich auf das Große konzentrieren ist wohl immer schon Sache der ganz Guten gewesen. „Er kam, sah und siegte“, wie es so schön heißt. Da helfen nicht die besten Werte drei Monate vorher, da hilft gar nichts. Was zählt, ist nur dieser eine Augenblick. Keiner konnte mir bisher erklären, wie eine Hochform im Mai Ende Juni oder gar Anfang August noch zu toppen sei. Wer sich also nicht bei aufbauender Form für den Höhepunkt qualifizieren kann, ist vielleicht auch noch nicht reif für das ganz Große. So wird mir denn in Athletenkreisen auch viel zu viel von „Teilnahme“ als von „erfolgreich sein“ gesprochen, über jenen Augenblick, auf den alles gerichtet ist.

Kurt Ring