Der amerikanische Erfolgscoach und seine Trainingsphilosophie

Regensburg, 9. April 2012 (reinwand) - 48 Jahre sind vergangen seit dem ein Amerikaner eine olympische Medaille über 10.000m gewonnen hat. Diese sauer aufstoßende Tatsache schürt Alberto Salazars Ehrgeiz. Einst der unzähmbar naturgewaltige Läufer, der Anfang der 80er Jahre dreimal in Folge den New York Marathon gewann und 1981 eine Weltbestzeit aufstellte, ist Salazar heute der ehrwürdige und akribisch arbeitende Cheftrainer des Nike Oregon Projects, der daran glaubt das sein Musterschüler, der 25-jährige Galen Rupp, seinerseits amerikanischer Rekordhalter über 10.000m, bestimmt ist, die Dürreperiode zu beenden.
Der in Kuba geborene Salazar wuchs ab dem zweiten Lebensjahr in Wayland/Massachusetts auf und wurde für seine unverfrorenen Äußerungen bekannt: „Wenn jemand morgen 2:10h rennt, dann werde ich 2:10h rennen“, tönte er vor den Reportern 1980 am Tag bevor er bei seinem ersten Marathon die Welt mit seiner Siegerzeit von 2:09:41h in Staunen versetzte. Zudem war das ein New York Marathon Streckenrekord und das bis dato schnellste Debut.

Salazars unbarmherzige Einstellung und seine Alphamännchen Arroganz entzündeten ein Feuer in ihm, das ihn durch epische Kämpfe führte, aber auch zu einem schmerzhaften Niedergang, frühem Rücktritt und einer mental zerstörerischen Depression. Salazar weiß, was man braucht, um ein Weltklasseathlet zu sein. Er hat zwölf Jahre Trainerarbeit in Galen Rupp investiert, um fast genau das Gegenteil von dem zu schaffen, was er war. Durch stufenweise Fortschritte, mikroskopisch physiologische Überprüfungen und Temperieren des inneren Feuers, um es nicht außer Kontrolle geraten zu lassen, formte Salazar Rupp zu einem schön glatt abgerundeten Champion. Der umgängliche, am Boden gebliebene Rupp hat keine Einwände: „Ich bin sehr glücklich damit wie die Dinge verlaufen sind und würde im Nachhinein nichts ändern.“

Eine Medaille über 10.000m bei den Olympischen Spielen zu gewinnen würde bedeuten, die durchweg dominierenden Afrikaner zu besiegen; „Sie sind großartige Läufer und es gibt sie in Massen. Von unseren (amerikanischen) Läufern, haben wir nur so wenige, dass wir mit denen alles perfekt machen müssen.“, sagt Salazar. Perfektionismus hat seinen Preis, aber Salazar und Rupp sind bereit, diesen zu bezahlen.


Schritt für Schritt

Das spargeldürre, aalglatte Babyface Rupp – Sohn von Greg und Jamie Rupp – musste als Kind mit McDonald`s bestochen werden, um mit seiner Mutter, zu dieser Zeit Leichtathletik Trainerin an einer Mittelschule, laufen zu gehen. Als Erstsemester war er im Fußballförderprogramm der Central Catholic High School in Portland/Oregon. Jamie brachte ihren Sohn im Frühjahr 2000 dazu, sich beim Frühlings-Sportler-Barbecue dem neuen Crosslauf Trainer vorzustellen. Dieser Mann hieß Alberto Salazar.
Wie es das Glück so wollte, trainierte Rupps Fußball Coach auch einen von Salazars Söhnen in dessen Vereinsteam und so kamen die beiden Freunde über Rupps natürliche Lauffähigkeit ins Gespräch. Sie entwickelten ein System, nach dem Rupp sechs Tage in der Woche mit seiner Fußballmannschaft und am siebten Tag mit dem Crosslaufteam trainierte. Nach nur wenigen Monaten stellte sein läuferisches Können das fußballerische bei weitem in den Schatten. Nach seinem High School Abschluss 2004 trainierte Rupp Vollzeit beim Oregon Project. Als Salazar ihn drängte ein Studium in Erwägung zu ziehen, schrieb sich dieser 2005 an der University of Oregon, Salazars Alma Mater, ein. Salazar blieb während der gesamten Studienzeit Rupps Trainer, während der er mit 14 All-American sowie fünf NCAA Titeln und dem 10.000m Studentenrekord zu einem der am höchsten dekorierten Läufer in der Geschichte der NCAA erblühte.
 
Salazar hat seinem Wunderkind in jungen Jahren Ruhetage und komplett lauffreie Wochen verordnet, damit es nicht verheizt würde. Zu Salazars aktiver Zeit bestand eine „Regenerationswoche“ nach einem Marathonsieg aus 110km ohne Intervalle. Seither hat Salazar gelernt, wie stark aggressives Training ohne Ruhephasen  die Nebennieren schädigt und dadurch nur noch unzureichenden Reaktionen auf Trainingsreize liefert. Derzeit pausiert Rupp zweimal jährlich für zwei Wochen; Auf die Pausen folgt ein Monat stressfreies aerobes Training mit wöchentlich ansteigendem Umfang.

“Konstanz im Training ist wirklich sehr wichtig. Schaut viele der Afrikaner an – sie haben einen Trainer, der sie ihr Leben lang begleitet. Diese Konstanz über meine bisherige Karriere hinweg zu haben ist von großem Vorteil für mich.“, meint Rupp.

Durch vorsichtige, akribisch aufgezeichnete Entwicklung hat Rupp nun im vergangenen Jahr einen Wochendruchschnitt von 160km erreicht. „Alberto hat mir immer gesagt dass ich nicht alles auf einmal haben kann. Das ist trainingstechnisch der beste Ratschlag, den ich jemals bekommen habe. Mach alles Schritt für Schritt. Wenn ich meinen sportlichen Höhepunkt um die Dreißig erreichen soll, besteht keine Eile, die ganze Arbeit jetzt sofort abzuleisten.“, so Rupp.


Kontrolliere das Kontrollierbare

Wenn es darum geht, mit den das Podium dominierenden Afrikanern zu konkurrieren, fühlt sich Rupp in seinem Element. Beim Diamond League Meeting in Brüssel/Belgien am 16. September 2011 – als Rupp den amerikanischen 10.000m Rekord brach – wirkten Rupps langer leichtfüßiger Schritt, seine schnelle Aufschwungphase, sein eleganter Abdruck, sein stabil ruhendes Zentrum, das nach vorn gerichtete Becken und  seine aufrechte Haltung wie die eine Kopie der flüssigen Bewegungen seiner Gegner Kenenisa Bekele aus Äthiopien und die des Kenjaners Lucas Kimeli. Als in der Endphase forciert wurde und Rupp kämpfte, sich an Position drei zu halten, war es in der Tat so, dass er seine schnell schwingende Arme weiterhin sauber parallel zur Hüfte auf und ab bewegte, während Rotich begann, mit seinem rechtem Arm kreisförmig umher zu rudern, eine ineffiziente Bewegung, die Ausdruck seiner Ermüdung war.
Für Salazar als Wissenschaftler bedeuten Optimierung und Feinabstimmung das Standbein für seinen Beruf. Er hat den perfekten Laufstil bis zum Erschöpfen studiert. Er hat mit Rupp bereits in jungen Jahren angefangen, dessen Stil zu perfektionieren. Die Diagnose einer leichten Schiefstellung von Rupps Schultern und deren Korrektur ist seine neueste Anpassung. Er ließ Rupps Sauerstoffaufnahme messen und seine Laufökonomie testen. Das Ergebnis hat gezeigt, dass Rupp sehr effizient läuft – fast so wie Salazar zu seinen besten Zeiten.

Seit 2001 trägt Salazar dafür Sorge, dass sein kleiner Haufen von Spitzenläufer des Oregon Project Zugang zu allen vorteilsbringenden technologischen, physiologischen und psychologischen Möglichkeiten haben. Von Höhenzelten über Antigravitations- und Unterwasserlaufbändern bis hin zur Kryosauna, einer zylindrischen Kammer die mit Flüssigstickstoff den Körper eines Athleten zum Zwecke einer Verjüngungskur klirrender Kälte aussetzt. Nike, mit einem Jahresumsatz von 19 Milliarden Dollar in 2010, zahlt für all das und beherbergt die Athleten auf seinem 78 Hektar großen Campus in Beaverton/Oregon.

„Die Annahme, wir würden kein echtes Laufen mehr praktizieren und versuchen, Hilfsmittel zu nutzen, ist ein großer Irrtum. Mein Standpunkt ist der, dass es mich nicht kümmert was andere Leute denken.“, äußert sich Salazar und macht dabei mit seinen schlaksigen Armen eine abwertende Bewegung. „Wir sind auf dem neuesten Stand und nutzen das Zeug, das Freunde von mir, die Trainer von Profiteams anderer Sportarten, auch nutzen. Wenn meine Laufkollegen das nicht wollen, ist das für mich in Ordnung. Das ist dann ein weiterer Vorteil für unsere Jungs.“

Von einigen Leuten der Laufindustrie und den Medien verspottet, kritisiert und infrage gestellt zu werden, berührt den 53-jährigen Salazar nicht weiter, er hat weitaus Schlimmeres überstanden – er bezwang eine schwere Depression als seine Karriere im Alter von 27 Jahren endete mit Hilfe von Prozac und der katholischen Kirche und musste nach einem fast tödlichen Herzinfarkt 2007 wiederbelebt werden.

Rupp, der unter Heuschnupfen und Belastungsasthma leidet, wurde auf Grund seiner schwarzen Atemmaske, die er gelegentlich trägt, ebenfalls häufig in Laufforen und Blogs gemobbt. Außerdem wurde er als über das gewöhnliche Maß hinaus bevorzugt abgestempelt. Der auf sich konzentrierte Rupp entgegnet dem Ganzen auf gleichermaßen gleichgültige, aber weniger rebellische Art und Weise, indem er sich nur wenig dazu äußert und stattdessen das Gespräch in die von ihm gewünschte Richtung lenkt.

„Das Mantra lautet „kontrolliere das Kontrollierbare““, erläutert Nikes Sportpsychologe Darren Treasure, der von Salazar 2007 handverlesen auserwählt wurde, um Rupps mentale Fokussierung während des Wettkampfes zu verbessern. „Es geht darum, Galen zu hundert Prozent klar zu machen dass seine emotionalen, physischen und psychologischen Energien derart ausgerichtet sind, dass sie ihm nutzen und nichts anderes ihn negativ beeinflussen kann. Das bedeutet nicht, dass er nicht aufpasst, was um ihn herum passiert, aber er lässt sich in keiner Weise beeinträchtigen was er tut.“

Treasure arbeitet unermüdlich mit Rupp an dessen Fokus auf das große Ziel – dieser weite Ausblick nimmt den Druck von jedem einzelnen Rennen. Treasure trifft Rupp einmal wöchentlich alleine und dann haben die beiden noch eine Sitzung  zusammen mit Salazar. Wenn Rupp über seinen Mentor spricht, dann mit größtem Respekt und ohne sich darüber  zu beschweren, dass Salazar häufig in letzter Minute Rennpläne oder Trainingseinheiten ändert. „Ich denke er ist der gewissenhafteste Trainer, den es gibt. Es bleibt kein Stein, der nicht umgedreht wird.“ erzählt Rupp. „Er hat wirklich viel aus den Fehlern die er als Athlet gemacht hat, gelernt und weiß, worauf es als Trainer ankommt.“

Es ist diese Art von Zuneigung, die es Rupp schwer macht, eine Meinung zu vertreten, die der seines Mentors widerspricht. Wenn Salazar mit einer gegenteiligen Ansicht konfrontiert wird, kann er schnell ein Feuer von rhetorischen Fragen entzünden, das sein Gegenüber bis zur Ermüdung zerlegt. Doch dank Treasures Hilfe lernt Rupp die hohe Kunst der verzwickten Diplomatie. „Wenn du auf der höchsten Ebene des Spitzensports nicht den Willen und die Fähigkeit besitzt, einer derart dominanten Persönlichkeit wie Alberto zu widersprechen, dann bist vielleicht nicht länger auf dem Elitelevel“, meint Treasure.

Die Entwicklung einer offenen Kommunikation zwischen den Dreien bleibt ein fortlaufender Prozess. Treasure offenbart, dass es zwischen dem Trio gelegentlich zum lautstarken Schlagabtausch -  „gefolgt von Tränen kommt, aber am Ende sei normalerweise Alberto derjenige der weint.“ -, witzelt er. Unstimmigkeiten werden wegen des gemeinsamen Ziels, Rupps Potential voll auszuschöpfen, aber in der Regel schnell geklärt. „Ich kann sehr dominant sein.“, gesteht Salazar ein. „Meine Frau würde sagen „du hörst einfach nicht zu.“ Doch es ist nicht so, dass ich es nicht versucht hätte, vielmehr war mir einfach nicht klar, dass man da auch abschalten kann.“

Das innere Feuerwerk hat seinen Ursprung in einem Schwelbrand. Salazar hat sich für einen schwer nachvollziehbaren Lebensweg entschieden – Großartiges im Laufsport zu erreichen – doch gerade deswegen ist es ein Teil von ihm. Er verreist monatelang mit seinen Athleten, damit diese unter Aufsicht in der Höhe trainieren können. Er ist bei jedem Wettkampf und wichtigeren Training anwesend und für den unwahrscheinlichen Fall, dass er mal nicht vor Ort sein kann, entsendet er seinen Trainerassistenten Steve Magnsess um alles zu beaufsichtigen und zu dokumentieren. Charismatisch, freundlich und zuvorkommend, insofern erholt, ist Salazar, wenn er schroff und kurz angebunden auftritt, dann wohl weil ein Athlet gerade seine Aufmerksamkeit benötigt.

„Ich mache alles für die Athleten.“, so Salazars Statement. „Sie haben ihr Schicksal in meine Hände gelegt und ich möchte sie glücklich machen.“


Nach vorne schauen

Bevor er einen vor einem Rennen den Fuß auf die Bahn setzt, beten Rupp und Salazar zusammen und Alberto ermutigt ihn mit sich selbst im Einklang zu sein. Nach zwei Jahren ohne eine Jahresbestleistung im eigenen Land oder einen internationalen Erfolg – eingeschlossen das 10.000m Cardinal Invitational 2010, bei dem Rupp mit 27:10min zwar unter Meb Keflezighis neun Jahre altem amerikanischen Rekord blieb, ihn aber nicht für sich beanspruchen konnte, weil Chris Solinsky sich an ihm vorbeischob um nach 26:59,60min als erster ins Ziel zu laufen –war Rupp zuversichtlich, bei den Weltmeisterschaften in Deagu/Südkorea 2011 über 10.000m eine Medaille zu gewinnen. Er war so zwanghaft darauf aus, dass er am Ende die Konzentration verlor und Siebter wurde.

„Das Gute an Galen ist, dass er gut darin ist, Dinge zu verändern. In den zwei Wochen danach (nach Deagu) krempelte er seine gesamte innere Einstellung um und besann sich zurück auf ein vom Rennverlauf abhängiges Vorgehen, was ihm im Brüsseler Rennen enorm viel genutzt hat.“, erklärt Treasure. Rupp stellte den neuen amerikanischen Rekord nicht auf, indem er sich krampfhaft auf die Rundenzeiten fokussierte, sondern dadurch, dass er darauf konzentriert war, locker zu bleiben, sauber zu laufen und das Rennen so hart wie möglich ins Ziel zu bringen. Dieser neuerliche Ritterschlag war für Rupp aber keineswegs der emotional herausragendste Moment in seinem Leben.

„Zu heiraten, war das Beste das mir jemals widerfahren ist. Ich bin glücklich, dass sie „ja“ gesagt hat.“, beschreibt er lächelnd. „Das Leben, das wir führen, ist kein einfaches. Wir sind viel auf Reisen und häufig gibt es in letzter Minute noch Änderungen. Sie ist zweifelsohne flexibel und unterstützt mich. Ich könnte nicht dankbarer sein.“

Das Paar begann 2007, sich zu verabreden und heiratete am 25. September 2010. Als ehemalige Läuferin an der University of Oregon ist Keara Rupp die perfekte Stütze für ihn – Sie folgt ihrem Mann fast überall hin und wirkt zufrieden mit ihrem ruhigen Leben in Beaverton/Oregon, das für Galen aus erholsamem Aktivitäten wie Oregon Football schauen, Schlafen oder Online Fußball Spielen gegen Mo Farah und Alberto Salazars Sohn besteht.

Ein von vielen Seiten sehnlichst erwartetes Marathondebut schwirrt irgendwo in seiner Zukunft umher. Es hätte bei den Olympia Trials in Houston am 14. Januar sein können, doch das Experiment erschien dann doch als zu riskant, da die Trials auf der Bahn nur fünf Monate später stattfinden würden. „Galen ist sehr robust – er ist belastbar, wenig verletzungsanfällig, effizient, besitzt eine gute Biomechanik und einen sauberen Laufstil – das alles zeigt mir, dass er eines Tages ein sehr guter Marathonläufer sein wird.“, konkludiert Salazar.

Rupp könnte schon diesen Herbst Marathonluft schnuppern, je nachdem wie der Sommer verläuft. Wenn er es bei den Trials über 5.000m und 10.000m ins Olympiaaufgebot schafft, sich von dem Double in London gut erholt und anschließend im frühen Herbst einen guten Marathon Traningsblock absolvieren kann, ist ein Debut in Chicago oder New York denkbar.

Heute in zehn Jahren sieht Salazar Rupp mit einer eigenen Familie, zurückgetreten vom professionellen Leistungssport und für Nike tätig. Salazar hofft, später mit Greg und Jamie Rupp in Erinnerungen schwelgen zu können und sie ihm nicht dafür danken, dass er ihrem Sohn zu läuferischen Erfolg verholfen hat, sondern für ihn ein guter Umgang war. „Das ist es was ich für Galen will. Wenn er seine Karriere beendet und eine Familie hat, hoffe ich, dass das Laufen ihn nicht aufgearbeitet hat wie mich einst.“, äußert Salazar mit etwas feuchten Augen. „Das wird mir das Gefühl geben erfolgreich gewesen zu sein.“

Dieser Artikel erschien im englischsprachigen Original der März Ausgabe des “Competitor magazine“ und wurde sinngemäß durch Sebastian Reinwand übersetzt. Hier der link zum Originalartikel:

http://running.competitor.com/2012/04/inside-the-magazine/inside-the-salazar-rupp-mystique_50302/1