"Nahaufnahme" in der MZ vom 21. April von Sabine Franzl (Fotos) und Angelika Sauerer (Text)

Harrer-Portrait_MZ_U1_21042012Regensburg, 21. April 2012 (MZ/Sauerer/Franzl) - Der Wecker ist der erste Startschuss des Tages. Corinna Harrer ist sofort wach. Sie braucht nicht viel Schlaf, aber Zeit für sich am Morgen. Müde wird sie vielleicht später, am Nachmittag, wenn das System wieder runterfährt. Das System ist ihr Körper, die schlanken Beinmuskeln, die sehnigen Waden, die große Lunge unter dem schmalen Brustkorb und das starke Herz, das in Ruhe nicht viel öfter als 40-, 50-mal pro Minute schlägt. Kurz nach dem Aufwachen ist sie ganz bei sich. Sie hört, was ihr Körper sagt, und wenn es nichts Gutes ist, wird sie sich an diesem Tag besonders anstrengen. Manchmal kam dabei schon eine Medaille heraus. Ein Haufen davon liegt auf dem Kästchen im Schlafzimmer.

Sie isst ihr Müsli, packt die Sporttasche, umkurvt dabei gut gelaunt die Stapel von Spikes und Laufschuhen im Gang, im Schlafzimmer, im Wohnzimmer. Männerschuhe sind auch dabei. Von David, ihrem Freund. Rund viereinhalbtausend Kilometer hat die 21-Jährige in ihren vielen Laufschuhen in den letzten Monaten zurückgelegt. Jetzt, Punkt neun Uhr, kommen gleich wieder zehn dazu. Der Weg nach Olympia ist weit. Das Ziel liegt am Abend des 10. August im Scheinwerferlicht des Londoner Olympiastadions: 1500 Meter Endlauf der Frauen. Ob Corinna Harrer dabei sein könnte, entscheidet sich in den nächsten Wochen. Sie muss nicht nur die Norm von 4:05,50 Minuten schaffen, sondern sich auch gegen deutsche Konkurrenz durchsetzen – es gibt vier Anwärterinnen auf drei Startplätze.

Harrer-Portrait2_MZ_U2_21042012Ein anderes Ziel ist greifbarer. Ende Juni finden in Helsinki die Leichtathletik-Europameisterschaften statt. Qualifikationsnorm: 4:08,00 Minuten. Bestzeit Corinna Harrer 2011: 4:08,63. Sie ist amtierende Deutsche Meisterin über 1500 Meter und Dritte der U23-EM. Aber das passierte alles, bevor das Feintuning ihres Systems begann. Im September 2011 betraten ihre Trainer und Physiotherapeuten Neuland. Und nun beginnen die wichtigsten Wochen des Jahres. Erntezeit.

Das Tempo ist beträchtlich für einen lockeren Dauerlauf. Aber Corinna und ihr Trainingspartner Jonas Fischer, sind am Ende ihrer zehn Kilometer nicht außer Atem. Noch ein paar Tempoläufe. Nebenan braust der Verkehr vorbei, die beiden starten auf dem Radweg am Regensburger Gewerbepark. Rennen kann man überall, Hauptsache, der Boden ist eben. Und dann kommen sie angeprescht. Jetzt müssen sie doch ein bisschen schnaufen. Corinna lacht spitzbübisch, aber Trainer Kurt Ring glaubt erst, dass es ihr gut geht, wenn er es in ihren großen, von den dichten, langen Wimpern umrahmten Augen gesehen hat.

Harrer-Portrait5_MZ_U2_21042012Nichts kann sie verbergen. Nicht, wenn ihr der Freund fehlt oder ihre Ferse zwickt, wenn das BWL-Studium an der Fernuni Ansbach stresst oder die Doping-Kontrolleure schon wieder mal zur Unzeit vor der Tür stehen, wenn sich eine Erkältung ankündigt oder Zweifel aufkommen. Ein Hochleistungsathlet ist ein gläserner Mensch. Er kehrt sein Inneres nach außen, ständig. Das lässt sich nicht vermeiden, wenn man an der Leistungsgrenze arbeitet. Im Idealfall bildet sich eine Einheit von Körper und Geist – und Trainer. Corinna Harrer lässt es zu, sie ordnet sich ein. Aber nicht unter, das ist klar, sobald sie laut „Kuuurt!“ quer über den Platz ruft.

Coco – so nennen sie ihre Freunde – verschwindet in der Umkleide des RFZ Rückenzentrums, einen Augenblick später betritt sie in kurzen Shorts den großen Trainingsraum. Bewundernde Blicke Rückengeplagter folgen ihr, sie grüßt lächelnd, ratscht mit den Leuten. „Corinna, wie schaut’s denn jetzt aus mit Olympia?“ Immer öfter wird sie das gefragt. Der Druck steigt, ob sie will oder nicht. Zweimal pro Woche kommt sie hierher, wo ganz normale Leute Rückenmuskeln aufbauen, wo aber auch die Baseballer der Buchbinder Legionäre trainieren sowie Eishockey-Spieler, Skifahrer und nicht zuletzt die Leichtathleten ihrer Trainingsgruppe in der LG Telis Finanz.

Harrer-Portrait3_MZ_U2_21042012Das RFZ ist auch der Ort, wo Neuland betreten wird. Leiter Philipp Weishaupt hat schon das Krafttraining der DSV-Skirennläuferinnen revolutioniert, jetzt ist Coco Harrer dran. Mehr Schnellkraft, mehr Explosivität und mehr Spritzigkeit im Endspurt – ohne muskuläre Gewichtszunahme. Die Vorgaben von Kurt Ring sind die Quadratur des Kreises. Doch Muskeltüftler Weishaupt scheint es hinzukriegen. Er entwickelte für das zarte, schnelle Persönchen ein Maximalkrafttraining mit kurzen, kleinen Elementen. „Es ging mir gleich besser damit“, sagt Corinna Harrer.

Seit sie zwölf Jahre alt ist, trainiert sie bei der LG. Begonnen hatte sie mit Eiskunstlauf, aber das lag ihr nicht. Das Laufen dafür umso mehr, erst der Sprint, dann die Mittelstrecken. Ihre Eltern unterstützten sie, aber ohne übermäßigen Ehrgeiz. Den entwickelte sie selber. Als Corinna Harrer das erste Mal Deutsche Meisterin wurde, glaubte sie, „das schaffst du vielleicht nie wieder“. Doch. Es klappte immer wieder. „Wo sind meine Grenzen? Du rennst dagegen an, aber du stößt nicht daran“, fast ungläubig sagt sie das. „Es geht darum, auf sehr hohem Niveau fliegen zu lernen“, sagt Kurt Ring.

Ruhig zieht sie das gestreckte Bein gegen den Widerstand der Maschine durch. Wie ein Uhrwerk, gleichmäßig, ohne Hast. Sie stemmt Hanteln, springt wie ein Frosch die Treppenstufen hoch, arbeitet am Rückenstrecker, am Seilzug. Und hat nebenbei immer noch Luft und Lust zum Erzählen. „Wie war’s im Trainingslager?“ fragt RFZ-Trainerin Christina Heil – und Coco sprudelt. Andere leiden in der Tretmühle, aber sie sagt: „Das ist der schönste Teil des Trainings. Und Christina ist die Seele vom Kraftraum.“ Einmal nicht gegen die Zeit rennen. Und trotzdem wieder eine Punktlandung: Um 11 Uhr ist sie fertig. 40 Minuten lang gehören Corinnas Beine nun der Physiotherapeutin.

Die Beine allein sind es ja nicht. Corinna Harrer hat eine Zwillingsschwester; sie sind nicht eineiig, schauen aber so aus. „Sie hätte auch Talent gehabt“, sagt Corinna. Aber keine Lust. Kurt Ring sagt, das Besondere an Corinna sei die Kombination von körperlichen und mentalen Voraussetzungen: Sie sei robust, entschlussfreudig, intelligent, verlässlich, belastbar. Das „Sieger-Gen“, nennt Ring das. 2009 wurde die Mutter krank, Corinna stand kurz vorm Abi, half im Haushalt, trainierte für die U20-EM in Novisad. Sie holte Silber über 800 Meter. Sie schaffte das Abitur. Sie kochte, wusch die Wäsche. Den Kampfgeist hat sie von der Mutter. Auch die hat sich wieder zurückgekämpft.

Harrer-Portrait4_MZ_U2_21042012Blutabnehmen steht als nächstes auf dem Programm. Die Eisenwerte müssen kontrolliert werden. Im Wartezimmer Mails checken. Dann Mittagessen im DEZ: Putenschnitzel mit Sahnesoße. Zwischen 3000 und 4000 Kalorien braucht sie an einem intensiven Trainingstag. Das ist kaum zu schaffen. In ihrem gelben, kleinen Auto, gesponsert von der Telis Finanz, flitzt sie heim. Seit ein paar Monaten wohnt sie nicht mehr bei den Eltern in Wenzenbach, sondern mit David, der hier studiert, in Regensburg in der Ganghofer-Siedlung. Die Tür fällt hinter ihr ins Schloss und Corinna gehört für ein paar Stunden sich selbst. Abends wird sie noch einmal trainieren. Regen ist angesagt, es wird dreckig – egal. Aber jetzt legt sie sich aufs Bett, stellt den Fernseher an. Vorm Fenster blühen die Obstbäume. Auch die Natur steht in den Startlöchern. Es wird Zeit, dass es endlich losgeht.