Deutschland hat seine eigenen Qualitäten vergessen

CIMG7190Regensburg, 27. April 2012 (Kurt Ring) – Wenn man die Pressemitteilungen der letzten Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre über das Thema Laufen im Hochleistungsbereich überfliegt, fällt eines auf: Der Fokus ist nach Kenia, Äthiopien, USA, vielleicht auch einmal nach Großbritannien, Spanien oder Italien gerichtet gewesen. Deutschland selbst war selten dabei, obwohl Lauf-Deutschland bis ins neue Jahrtausend sogar Olympiasieger herausbrachte. Kamen einst die Ausländer zu uns, um zu lernen, und die akribische Herangehensweise hierzulande, dem Hochleistungssport die letzten Geheimnisse abzuringen zu bewundern , kleben nun ehrgeizige deutsche Nachwuchsathleten/Innen auf den Seiten von „let’s run“, um die neuesten News von Lauf-Guru Alberto Salazar zu erfahren, holen sich andere gar Kenianer ins Land, um damit ihren ganz eigenen vermeintlichen Olympiasieger zu backen und schleppen Deutschlands Laufhoffnungen auf Kenias Höhen alte Autoreifen durch die Gegend. All das sind keine Quantensprünge in Sachen neue Erkenntnisse. Es war vieles schon mal da und muss nicht neu erfunden werden.

Je weniger an Talenten hierzulande vorhanden sind, desto schneller soll es gehen. Am besten mit fünfzig Kilometer Wochenumfang und der Belastbarkeit eines Teenager gleich in die Höhenkammer inklusive täglicher Mental- und Physiobetreuung. Irgendwie hat man den Blick für’s Wesentliche verloren. Talent ist nicht unbedingt jeder, der bei deutschen U18-Meisterschaften auf dem Treppchen steht, Talent im internationalen Sinn ist noch nicht mal jemand, der sich wacker bei kontinentalen Nachwuchsmeisterschaften bewährt hat, sondern der, der die genetischen Grundlagen mitbekommen hat, mit den Besten der Welt mitzuhalten und dann auch in der Lage ist, in vielen kleinen Schritten und über einen langen Zeitraum mental und physisch sein Leben so zu ordnen, dass der professionelle Vergleich im Hochleistungsalter möglich ist. Jeder Ansatz, dies nebenbei, ob das nun Studium, Beruf oder Schule betrifft, tun zu wollen, wird letztendlich in der Endphase zum Scheitern verurteilt sein.

Ein bisschen Hochleistungssport ist wie ein bisschen schwanger. Entweder ganz, oder gar nicht. Das Geheimnis, ganz oben anzukommen, ist keines. Wenn ein Kenianer zu Jan Fitschen* sagt: „Du trainierst wie ein Mädchen“, dann sollte sich dieser wohl überlegen, ob er viele Monate zuvor zu Hause  genügend trainiert hat, um anschließend  in Kenia als „Läufer“ anerkannt zu werden. Alles, was Salazar predigt, ist mehr Qualität bei ansteigender Quantität und kürzeren Pausen, selbstverständlich inklusive des Talents, es überhaupt schaffen zu können. Wir reden da aber nicht über ein oder zwei Jahre. Dies ist ein langer Prozess, der frühzeitig begonnen werden muss.

Dies ist natürlich ein permanenter Grenzgang mit den eigenen Grenzen. Oft  werden diese überschritten und es kommt zu Verletzungen, Schwächeperioden etc. Den Körper ans Extreme zu gewöhnen, heißt Geduld haben, das nötige Flechtwerk an medizinischer Unterstützung zur Verfügung zu haben, um neue Wege zu noch mehr und noch besser zu finden. Der Weg zum Gipfel kann steinig und mit vielen Fast-Abstürzen gepflastert sein, die bequemere „Gondel“ nach oben führt aber dennoch nicht zum eigentlichen Ziel. Wer nicht die Tiefen seiner Entwicklung überwindet, ist nicht geeignet für die wahren Höhepunkte.

Der weite Weg zum qualitativ guten Meeting, das Verlassen seiner sportlichen, aber für den Hochleistungssport nicht geeigneten Heimat, das Bündeln vieler Leistungsfaktoren, nicht zuletzt der Wille mit gleichgesinnten Hochleistungssportlern zu trainieren und  letztendlich die Entscheidung, sich für einige Lebensjahre nur dem großen Ziel zu widmen, mag wohl überlegt werden, irgendwann muss alles aber beschlossene Sache sein. Was in den USA über die Colleges, in Kenia über die wenigen Leistungszentren gesichert ist, fällt in Deutschland immer mehr auseinander. Es gibt immer weniger Clubs, die die für den Hochleistungssport notwendige Infrastruktur überhaupt besitzen und dann auch für zwei Handvoll nationale Spitzenkönner einsetzen können.

Damit meine ich am wenigsten die hochmoderne Leichtathletikhalle mit einer 200m Rundbahn. Damit meine ich vor allem den Verbund an im Hochleistungssport involvierten Mitarbeitern (Trainer, Co-Trainer, Physiotherapeuten, Ärzte, Leistungsdiagnostiker, Manager usw.). Hochleistungssport kann nicht nur von einem Coach allein abgedeckt werden. Leider fehlt auch in deutschen Landen der Wille zur echten Kooperation und letztendlich das Vertrauen in andere Fachleute. Wie kann es sonst sein, dass in schöner Regelmäßigkeit bei Trainingslagern neben dem gebrauchten Stab von Fachpersonal auch ständig sämtliche Heimtrainer nebst Landestrainer an Bord sind und jeder Athlet sein eigenes Ding macht.

Echte Athletenprofile sind in Händen derjenigen, die dann gebündelt in Richtung ganz großes Ziel ausführen sollen, Mangelware. Was meine ich damit? Auf jeden Fall gehört da die aufgezeichnete Leistungsentwicklung mit den entsprechenden Trainingsparametern dazu. Es gehört aber auch eine permanent verfolgte Leistungsdiagnostik dazu. Allein der Satz „Ich kenne meine Athleten, ich brauche keine LD“ erstaunt mich immer wieder, weil er bezüglich der Genauigkeit, die der Leistungssport braucht, so nicht stimmt. Ziele müssen manifestiert werden. Damit meine ich nicht nur die blanken Zeiten, sondern eben jene Anforderungsprofile, die über Weltklasseleuten jederzeit nachlesbar sind. Selbst, wenn das für junge Talente oft erschreckend ist, muss der Weg dorthin gegangen werden. Der oft aus der Not geborene Satz: „Wenn ich fordere, dass er mehr und besser trainieren soll, weil er das nach meiner Ansicht kann, aber nicht tut, muss ich Angst haben, dass der Athlet aufhört“, ist eigentlich schon der Anfang vom Ende. Echte Topleute würden nie auf einen solchen Gedanken kommen und Zweifler werden niemals echte Topleute.

So ist denn auch zu hoffen, dass die Flut an Olympia-Absichtserklärungen ersetzt wird durch tatsächliche Topleistungen hart arbeitende Jungtalente, die jahrelang im Verborgenen trainiert haben, um dann am Tag X mit Leistung zu überzeugen. Ich bin der festen Überzeugung, dass man in Deutschland bei den Männern 1:43, 3:33, 13:10, 27:45 oder 2:10 über die Marathon-Distanz laufen kann und dass bei den Frauen 1:57, 4:00, 14:30, 30:30 und 2:20 à la longue möglich sind.  Alle, die etwas davon verstehen, müssen sich nur zusammensetzen, Ziele formulieren und die konsequent und kompromisslos umsetzen.

Originaltext auf www.janfitschen.de: "Dass man sich mit einer Aufzeichnung wie der auf dieser Seite sehr öffnet, ist mir schon klar und es mangelt bei all der positiven Resonanz nicht an Kritik. Besonders diejenigen, die sich wirklich gut auskennen wissen natürlich auch, was man besser machen kann und muss. Es ist nicht immer einfach, diese Kritik zu verarbeiten, besonders wenn man stolz wie Oskar von den Tempoläufen beim Physio auftaucht und dann zu hören bekommt, man würde ja trainieren wie ein Mädchen."