Lothar Pöhlitz kommentiert die derzeitige deutsche Marathonsituation

Mikitenko_marathonbericht_poehlitzfotoKürten, 30. April 2012 (pöhlitz) - Anna und ihr Trainer Wolfgang Heinig sollten richtig zufrieden sein, von der Leicht-athletik – Coaching – Academy jedenfalls gibt es einen großen Blumenstrauß. Da kann man nur gratulieren, der DLV hat wieder ein Talent für diese mörderische Strecke. Anna Hahner hat in ihrem ersten Marathonlauf mit 22 Jahren – bei nicht gerade den besten Marathonbedingungen - mit 2:30:14 gleich ihr Gesellenstück abgeliefert. Anna sei stolz, auch wenn Du nicht nominiert werden solltest. Vielleicht drückt man aber ein Auge zu. So wie ich Wolfgang Heinig kenne wird er ihr, nachdem sich die ersten Rauchwolken verzogen hatten, gesagt haben „gut Anna, aber Du kannst es bald noch besser“ und ihr für die nun vor ihr stehenden großen Marathonrennen Appetit gemacht haben, bei der sie die Erfahrungen für diese verdammt schwere Langzeitausdauer-Disziplin, die ihr in Düsseldorf vielleicht die fehlenden 14 Sekunden gekostet haben, sammeln kann.

Natürlich wäre toll die außergewöhnliche Atmosphäre bei Olympischen Spielen zu erleben, vielleicht ist es ein Trost darauf zu verweisen, dass Waldemar Cierpinski 1976 Marathon-Olympiasieger wurde, ohne Olympia vorher zu kennen. Ein olympi-sches Meisterstück hätte von ihr derzeit noch niemand erwartet, dafür muß man wohl gegenwärtig 10 Minuten früher im Ziel sein. Aber wir haben ja Irina Mikitenko, die bestimmt mit einer solchen Leistungsfähigkeit nach London reisen wird. Vor Peking 2008 mußte sie verletzt passen, 2012 müssen ihr alle Fans für eine Medaille ganz fest alle Daumen drücken. Für Deutschlands zweite Starterin, die 34 jährige Susanne Hahn, die mit einer Bestleistung von 2:28:49 nach London reist hofft man dass sie den durch Magenprobleme „erkämpften“ 52. Platz in 2:38:31 von Peking durch einen Platz unter den ersten 15-20 tauschen kann. Das wäre schon gut. Eine bereinigte Weltbestenliste (IAAF Stand 26.4.2012) bei der nur 3 Starter pro Land berücksichtigt wurden) beginnt derzeit bei 2:18:37 und zeigt auf Platz 15 ansprechende 2:24:28 ! Vorsicht, bitte keine Träume und nicht übersehen wie sich der Marathon im letzten Jahrzehnt entwickelt hat.

Dass sich bei den Männern keiner unserer Marathonis qualifizieren konnte kam wohl in Fachkreisen nicht besonders überraschend. Nachdem in den letzten Jahren 2:06 in der Welt des Marathonlaufs zur Dutzendware wurde und man von unseren Spezialisten immer wieder hören musste, das der DLV von ihnen mit einer Qualifikationsnorm von zweitklassigen 2:12 wohl etwas viel verlangt und man auf den Homepages den einen oder anderen Einblick in die Vorbereitung erhielt, kann man nur auf einen Neuaufbau von unten hoffen. Von ihren diversen Höhentrainingsaufenthalten hatten sie berichtet wie gut sie trainiert haben, am Ende wurde keiner dafür belohnt. Überschätzt? Oder hat die Konzeption nicht gestimmt. Mit der Leistungsfähigkeit scheint in den letzten Jahren auch das Anspruchsniveau unserer Elite, trainingsmethodisches Wissen um Unterdistanz-, Überdistanztraining und den Marathonspezifischen Läufen in den Keller gerutscht zu sein. Das Anna Hahner Hoffnung macht hilft den Männern wenig.

Noch eins: Olympische Spiele sind das größte Sportevent der Welt, bei dem nur aller 4 Jahre die aktuell Weltbesten ermittelt werden, die dann ein Leben lang Olympiasieger sind. In den Medien wird man höchstens bis Platz 8 erwähnt. Ob man dann ohne zu den Weltbesten zu gehören, ohne jegliche Chance auf eine wenigstens Top-Ten - Platzierung unbedingt dahin muß? Es gibt doch genügend andere Bewährungssituationen, beim Berlin-Marathon, in Rotterdam, New York......., um sich erst einmal zu beweisen und sich solch eine Olympia-Nominierung zu verdienen. Derzeit steht die Bestzeit in der bereinigten Welt - Bestenliste 2012 der Männer (IAAF Stand 26.4.2012) bei 2:04:23 - für den 15.Platz werden 2:08:32 ausgewiesen.

Nun werden für die Langzeitausdauer neue Talente gebraucht

Wenn aber männliche 19 jährige nicht wenigstens schon 15 km in 48 - 49 Minuten und weibliche 19 jährige 15 km in 54 - 55 Minuten laufen können und sich nicht ab sofort regelmäßig auch mit den Strecken jenseits der 15 km beschäftigen und sich durch einen marathonerfahrenen Trainer beraten lassen wird es mit einer Qualifikation der Neuen „schon“ für die Olympischen Spiele 2016 schwer. 4 Jahre sind für solch eine Aktion eine verdammt kurze Zeit. Beim jetzigen Leistungsstand des Nachwuchs-Langstreckenlaufs ist das eine außergewöhnliche Aufgabe. Das bedeutet im zweiten Schritt dass zukünftig bereits ab der zweiten Etappe des Jugend-Aufbautrainings junge Langstreckentalente gefunden und in Richtung Langzeitausdauer ausgebildet werden müssten. Wer das noch einmal verhindert ist nicht auf der Höhe moderner Trainingsmethodik. Leider wurde diese notwendige, bereits damals gut angelaufene Aufgabe – sogar mit Meisterschaftsprogramm – 1998 aus dem DLV-Wettkampfkalender genommen.