Telis-Jungtalent Jonas Koller rennt in Marburg in andere Dimensionen

Koller-portrait1_BLV10000m2012_VolkefotoRegensburg, 10. Mai 2012 (orv) –  Es ist nichts Ungewöhnliches, dass Philipp Pflieger seinen jungen Athletenhaus-Mitbewohner Jonas Koller in einem 10.000m Rennen überrundet. In aller Regel geschieht das zirka drei Runden vor Schluss und „Johnny“, wie ihn seine Freunde inzwischen nennen, weiß dann, dass er gar nicht so schlecht drauf ist. Philipp ist zwar sein großes Vorbild, aber dennoch läuferisch in der Regel unantastbar, auch wenn er diese Regel in diesem Winter bei einem kleinen Crosslauf in Waldetztenberg schon einmal durchbrechen konnte. Doch das war eine ganz andere Geschichte wie hier und heute in Marburg. Als im diffusen Licht der Bodenscheinwerfer Philipp Pflieger zu seinem Husarenritt ansetzte, dabei seinem jungen Freund überholte, wusste der Schwabenpfeil genau, dass auch Jonny unheimlich gut drauf war, schließlich ging seine Pace Richtung EM-Norm und siebzig Sekunden mehr für seinen jungen Kollegen bedeuteten eben Unvorstellbares für Johnny.

Mit jenem Unvorstellbaren hatte man sich im Vorfeld im Umfeld von Jonas Koller in keinster Weise beschäftigt. Vielmehr wurde der noch am Donnerstag von seinem Trainer zum Doc zitiert, weil er seit Tagen ganz schön in den Seilen hing und man Eisenmangel vermutete. Wäre da am Freitag von ärztlicher Seite ein Anruf gekommen, wäre Jonas Kollers DM-Start eh ins Wasser gefallen. Freilich, das wissen alle, Jonas ist ein Sensibler und wenn Prüfungen in der Schule anstehen, dann nimmt ihn das gewaltig mit, weil er einer ist, der immer sein Bestes geben will. Gut, die Prüfungen waren einige Tage vorbei, ein kleines Malheur mit einem „Blitzer“ auf der Straße auch, aber an die Nieren waren ihm diese Dinge schon gegangen.

Koller1_DM10000m_2012_Schaakefoto_MZIn Marburg stand er nun an der Startlinie mit keinerlei Gedanken ans Stockerl und schon gleich keine an eine WM in Barcelona. Die Wahrheit war schlicht und einfach: Keiner im Regensburger Lager wusste überhaupt, wo die Norm dafür lag. Erst als Bundestrainer Werner Grommisch im Verlauf des Rennens immer nervöser wurde und kein Auge mehr von Johnny ließ, ahnte man Ungewöhnliches. Als der bei der Überrundung in seinem jugendlichen Leichtsinn auch noch den davonziehenden Philipp Pflieger mit einer zwischenzeitlichen 68er Runde als kurzfristiges Zugpferd benutzte, war dies vielleicht nicht unbedingt die beste Idee. Jedenfalls musste er jene Husarenrunde in der Folge dann doch ein wenig kompensieren, ob das aber die am Ende fehlenden Sekunden waren, kann im Nachhinein keiner sagen.

Philipp Pflieger war als neuer Deutscher Meister schon im Ziel, währenddessen Johnny noch um jede Sekunde kämpfte und am Ende als weitaus schnellster U20-Läufer mit phantastischen 30:17,47 ins Ziel kam, lumpige zweieinhalb Sekunden über der DLV-U20-WM-Norm für die Juniorenweltmeisterschaften in Barcelona. Trotz alledem, der Junge verlor nicht die Kontenance, in seiner unvergleichlichen freundlichen Art nahm er die Glückwünsche entgegen, wusste wohl auch noch nicht so recht, wie ihm geschehen war. Er hatte wieder einmal tief in seinen Körper gehört und der sagte ihm, einfach mitzulaufen in einem Verfolgerfeld mit einer Geschwindigkeit, die er eigentlich noch gar nicht laufen konnte. So bedächtig er oft in vielen Dingen des Lebens ist, so spontan trifft er dann wieder in Rennen Entscheidungen, für die ein Normalsterblicher viel Mut braucht. Johnny hingegen probiert’s einfach und ist bisweilen damit sehr erfolgreich.

Koller9_BLV10000m2012_VolkefotoDer Bundestrainer wird ihn nun trotz verpasster Norm vorschlagen für Barcelona, schließlich ist die internationale Norm wesentlich langsamer und ein Neunzehnjähriger kann in drei oder vier Wochen keine zwei solchen 10er aus dem Ärmel schütteln, sprich ein zweites Qualifikationsrennen angehen, zumal er dann in Spanien vielleicht noch einmal ran müsste. Chapeau hier für den Bundestrainer und schon gleich mal der scheue Hinweis an die Verantwortlichen im BAL, dass sich keiner bei einer solchen Nominierung blamiert, selbst dann nicht, wenn Johnnys erster WM-Start vielleicht in die Hosen gehen sollte. Für den DLV sind’s nur ein paar hundert Euro mehr, für den Jungen erfüllt sich ein Traum und für seine Generation ist es ein deutliches Zeichen: Es geht doch, man muss nur hart arbeiten und es immer wieder wollen. Nun gut, für Johnny stimmt das nicht ganz: Er hat zwar hart gearbeitet, er will auch immer, aber zumindest an der Startlinie in Marburg hat er nicht an Barcelona gedacht …