Philipp Pflieger eröffnet mit Marburger Rennen neue Möglichkeiten

Pflieger20_DM-10000m_2012_schaakefotoRegensburg, 10. Mai 2012 (orv) –  Wenn einem Mittelstreckler 76 Hundertstel zur Olympia-Norm über 800m fehlen, ist dies vielleicht ein unüberbrückbares Hindernis nach London, wenn dagegen 10.000m Meister Philipp Pflieger diese Zeitspanne fehlt, ist dies schon fast ein Versprechen in die Zukunft. Erstens sind 800m ganz etwas anderes wie die 25 Runden auf der Bahn, zweitens ist der Regensburger diese 28:45,76 zum Saisoneinstieg ohne nennenswerte Gegenwehr seiner Gegner gelaufen. 76 Hundertstel sind zirka viereinhalb Meter, die dem Schwaben im blauen Telis-Trikot fehlten und jene 28:41,00 bzw. 28:45,00 (EM A-und B-Norm) sind nur ein zufälliger Wert, der nichts mit seinem guten Rennen in der beginnenden Nacht von Marburg zu tun hatte.

Nichts hat er im Vorfeld über geheime Wünsche gesagt, nichts hinausposaunt in die weite, oft schon recht schrille Facebook-Welt. Dafür hat er Monate lang hart trainiert und endlich einmal ein Wintertraining überstanden. Zweifel waren angebracht nach einem ganzen Jahr ohne ernsthaften Bahnwettbewerb. Freilich die Trainingswerte waren weit besser, als jene vor zwei Jahren, wo er schon einmal mit einer 29:13 Besonderes aufblitzen ließ und das mit einer zweimonatigen Verletzungspause im Winter. Das war wiederum nicht Ungewöhnliches im Sportleben des Philipp Pflieger, weil er eigentlich noch keinen Winter ohne Blessuren überstanden hatte. Dann die schwere Verletzungskette, Ende 2010 beginnend und fast ein Jahr andauernd – sollte er wie so viele deutsche Talente ein Unvollendeter bleiben?

Pflieger2_DM-Cross2012_volkefotoNichts Außergewöhnliches hat er diesen Winter gemacht. Trainiert hat er, mehr und schneller, immer unter dem wachsamen Auge seines langjährigen Coaches, der inzwischen ein Händchen für Pfliegers fragile Konstitution entwickelt hat. Die Fachleute vom Regensburger RFZ haben mit unendlichen Physiobehandlungen, aber auch mit einem raffiniert dosierten Krafttraining ebenso mitgeholfen wie Koordinations- Gymnastikcoach Doris Scheck, aus dem bocksteifen Strohhalm endlich einen Athleten zu formen.

Vielleicht haben aber die Regensburger Coaches etwas vor allem gemacht: Sie haben nicht nach jedem „Aufschrei“ von Philipp Pfliegers Körper „weniger, weniger und noch weniger“ empfohlen, sondern dann das Training ein bisschen anders gestaltet, in der Anforderung aber stets ansteigend. „Ich kann jetzt wochenlang 160 Kilometer pro Woche rennen und es tut nichts weh. Das ist unglaublich“, erzählt derzeit ein von sich selbst überraschter Athlet. Qualität, Quantität und auch die Pausen wurden auf den Prüfstand gestellt, die Fehler im Alltäglichen gesucht. Kein Höhentraining war angesagt, er sollte erst einmal seine normalen Ressourcen zu Hause ausschöpfen.

Nun ist Philipp keiner, der nicht gerne erzählt und dies würde er wohl öfter gerne auch auf seiner schöngestalteten Homepage tun, wenn da nicht sein Freund, Berater und Coach granteln würde: „Halt den Mund, trainier dafür fleißig, setz dich in die Uni zum Lernen und schlag dann zu, wenn Dein Körper bereit ist dafür. Alles andere setzt dich nur unnötig unter Druck.“ In solchen Fällen weiß der Rotschopf, dass er zwar mit seinem Trainer fast alles ausquatschen kann, hier aber kein Spielraum für seine edle Erzählkunst ist. Diktat ist eben Diktat – was aber am vertrauten Verhältnis der Beiden trotzdem nichts ändert.

Pflieger3_DM10000m_2012_Schaakefoto_MZAufgeben wollte er nur einen ganz kleinen Augenblick, als Weihnachten 2010 alles über ihn hereinstürzte, Pest und Cholera im wahrsten Sinne. Inzwischen ist er mit dem Studium fast fertig, was vor allem seine Mutter stark beruhigt, seine sportlichen Ambitionen laufen wie geschmiert und sein Seelenleben hat sich auch wieder rosarot mit kleinen Herzchen verfärbt. Wenn in den vergangenen Jahren auf sein euphorisches Vorausschauen Richtung eventueller Internationalität vom Coach meist die sybillinischen, dennoch wenig aussagenden Worte „da sag ich mal nichts dazu. Schau’n mer mal“ kamen, erhält er nun klare Ansagen, die selbst ihn überraschen, die aber natürlich nicht gerade für die Öffentlichkeit bestimmt sind – Sie wissen schon, zwecks des Druckes und so …

Da der Regensburger Coach allein schon von der geschlossen starken Steigerung seines ganzen Teams weiß, dass in diesem Winter vieles sehr gut gelungen ist, erhält Athlet Pflieger ausnahmsweise sehr klare Antworten auf seine Aussagen bezüglich der weiteren Saison. Trotzdem, jetzt schauen die beiden erst optimistisch in Richtung Oordegem am 26. Mai, wo er auch seinen Hausrekord über 3000m (7:55,99) schon mal gelaufen ist. Dort soll die 5000m Norm von 13:35 fallen und selten vorher waren sich Athlet und Coach so einig, dass das eigentlich klappen sollte. Für den Fall, dass … haben sie auch schon einen Plan. Den wollen sie aber ebenso noch nicht verraten. Mund halten, vorbereiten und zuschlagen. Philipp Pflieger will die 76 Hundertstel schon bald nicht mehr als Fallgrube in Richtung Helsinki sehen.