Der 1500-Meter-Meister ist einer von vier Läufern aus Regensburg

Orth-interview_DM2012_schaakefotoRegensburg, 19. Juni 2012 (MZ/wotruba) - Es ist fast eine Hundertschaft, die der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) in der nächsten Woche nach Helsinki schickt – und vier Regensburger sind darunter. Neben den 5000-Meter-Läufern Maren Kock und Philipp Pflieger bestückt die LG Telis Finanz auch die 1500 Meter bei Männern wie Frauen. Dass die auch schon für Olympia qualifizierte Corinna Harrer dabei ist, ist weniger überraschend. Dass ein Florian Orth auf den dreidreiviertel Runden noch die Kurve gekratzt hat, ist es mit Blick auf die Geschehnisse des vergangenen Jahres eher schon.

Der Hesse im Oberpfälzer Trikot, der in Oberbayern (München) Zahnmedizin studiert, hat in dieser Zeit einige Rückschläge erlitten. Eine Verletzung kostete ihn vergangenes Jahr die Teilnahme an der U23-Europameisterschaft und eventuell sogar Medaillenchancen in Ostrava. Ein Sturz bei der Hallen-DM in diesem Winter brachte eine Handverletzung und später schmerzte das Knie so sehr, dass ein Trainingslager unmöglich war und fast eine neuerliche Operation wie vor drei Jahren angestanden hätte. „Da habe ich nur geguckt, wie ich mich Stück für Stück über die Runden rette“, sagte Florian Orth schon bei der Sparkassen-Gala.

Genau hier, beim Heimspiel im Universitäts-Stadion in Regensburg, kam die Hoffnung zurück. Vier Hundertstel fehlten zur A-Norm für die Europameisterschaft, Orth gewann sein rennen per Zielfoto-Entscheid. Und vor allem: „Ich konnte im Spurt die Zeit retten“, sagt der 22-Jährige. „Dabei kam ich mir zu Anfang der Saison furchtbar langsam vor.“

Auch am Sonntag in Bochum-Wattenscheid war es wieder der Spurt, der Florian Orth den deutschen Männer-Titel brachte und ihn überraschend sogar – wie schon 2011 in der Halle – den Vize-Europameister Carsten Schlangen niederringen ließ. „Ich habe den Angriff früh gesetzt, weil ich nicht wieder so ein Wimpernschlag-Finale wie in Regensburg erleben wollte“, sagt Orth zu seiner Attacke 300 Meter vor dem Ziel. „Ich dachte zunächst auch, dass es vielleicht zu früh war und noch ein Konter kommt.“

Doch der kam nicht – und ab sofort gilt alle Aufmerksamkeit Helsinki. „Mit meiner Zeit bin ich zwar nicht unter den Top 20 in Europa, aber ich werde versuchen, ins Finale zu laufen“, sagt Orth, dessen Vorlauf am 30. Juni (Samstag) stattfindet. Der Endlauf wäre einen Tag später. Die durchaus überraschende EM-Qualifikation stellte den angehenden Zahnmediziner aber zunächst „vor eine organisatorische Aufgabe. Unser Studium mit seinen Kursen ist eines, das sehr auf Anwesenheit baut“, sagt Orth, der noch an Phantomköpfen bohrt, aber schon bald an lebenden Patienten seine Erfahrungen machen wird. „Aber ich bin Gott sei Dank überall auf offene Ohren gestoßen.“ Sein Uni-Engagement sieht er positiv: „Ich brauche das als Stress und Ablenkung. Oft wissen Studenten ja nicht, wohin mit der Zeit.“

Florian Orth weiß sehr wohl gut etwas mit seiner Zeit anzufangen. Große Ziele greifbarer gemacht hat der Meistertitel von Bochum-Wattenscheid für ihn aber nicht. „2014 die EM in Zürich“, fällt ihm als erster größerer Zielpunkt der Zukunft ein. „Da bin ich die vergangenen zwei Jahre auch in Nachwuchsrennen gelaufen.“ Und Olympia? „Das darf man nie aus den Augen verlieren“, sagt Orth. „Und nirgends wären die Bedingungen für einen europäischen Läufer besser als in London.“ Aber dazu müsste Orth unrealistisch arg draufpacken: 3:38,54 Minuten hat er als Zeit stehen. Bei 3:35,50 liegt die Norm. „Aber Olympia läge in den Semesterferien.“ Immerhin.