Ein Kommentar von Lothar Pöhlitz

Galaheft-seite24-rechtsoben_400m-W-internetKürten, 25. Juni 2012 –Ich hatte gerade den interessanten Beitrag von Ex – Bundestrainer der 800 m Männer Paul Schmidt in Leichtathletiktraining 6/12 „Merkmale eines 800 – m Weltklasseläufers“ gelesen und in vielen Punkten Übereinstimmung zu meinen eigenen Erfahrungen gefunden, da machte mich ein Kollege auf die 400 m Ergebnisse vor allem der Mädchen bei der DLV-Jugend-Gala 2012 in Mannheim aufmerksam. Der Disziplin, die innerhalb der Leistungspyramide des DLV die 800 m tangiert und deren Qualität in der Zukunft des 800 m Laufs über die internationale Konkurrenzfähigkeit deutscher Spitzenläufer bei Männern und Frauen entscheidet.

In Hochleistungsbereich sind es vor allem die „Hochbegabten“ 400 m / 800 m – Schnellkraft-Typen die die 400 m bei den Männern zwischen 45-46 Sekunden und bei den Frauen zwischen 51-52 Sekunden laufen können, die in den nächsten Jahren bei den internationalen Höhepunkten Podiumschancen haben, zumal die Verdichtung der Leistungen in der Weltspitze auch über 800 m weiter zugenommen hat. Der Blick über den Zaun, in die deutsche 400 m – Bestenliste der Männer und Frauen widerspiegelt die aktuell gefährliche Situation, auch dort hat die Nachwuchsarbeit der letzten Jahre zur „Perspektivlosigkeit für die Zukunft auf dem Podium“ geführt. Da ist derzeit niemand der den Mittelstrecklern helfen könnte. Die Staffeln - „oft ohne Einzel-Starter / Normen bei Großereignissen“ - halten sie immer wieder über Wasser und verdecken den Abstand zum Weltniveau. Mit 48 Sekunden bei den Männern oder 58 Sekunden bei den Frauen ist man Sprinter. Da werden sie sich doch die 800 m nicht antun, da müsste man ja den Schmerz noch länger ertragen. Zumal nicht wenige Sprinttrainer ihnen seit Jahren immer wieder einhämmern das Ausdauer langsam macht und Dauerläufe eine große Quälerei seien. Da haben sie sich – wie der gegenwärtige Leistungsstand auf der längsten Sprintstrecke zeigt, wohl ein großes Eigentor geschossen. Sie entziehen seit Jahren dem Mittelstreckenlauf sogar die langsamen Sprinter, die bei entsprechendem Anspruchsniveau – das die Olympische Leichtathletik ja stellt – sich besser gleich auf die 1500 m oder auf noch längere Strecken vorbereiten sollten. Fehlt das Auge, das Anspruchsniveau, das Wissen oder die Bereitschaft selbst nach hochbegabten Lang-Sprint-Talenten zu suchen? Eine der derzeit größten ungelösten Aufgaben im Nachwuchsbereich der Olympischen Leichtathletik.

„Während in anderen Ländern 17- jährige zur erweiterten Weltklasse gehören verordnen wir unseren Athleten oft Schonprogramme verbunden mit der trügerischen Hoffnung, dass auch nach dem 22. Lebensjahr noch Chancen bestehen sich im Mittelstreckenlauf entwickeln zu können. Mit aufgezwungener Zurückhaltung und spielerischen Wettkampfprogrammen wird man in Deutschland die Defizite zur Weltklasse nicht überlisten können. Welche positive Unterstützung hat z.B. der viel gepriesene Block-Mehrkampf für den Lauf gebracht? – Gar nichts! Eher hat er verstärkt zur Frustration der Talente und deren Nachwuchstrainer beigetragen.“ (P. Schmidt Leichtathletiktraining 6/2012)

Paul Schmidt schreibt in seinem Beitrag weiter:

„Wer zwischen dem 18. und 22. Lebensjahr nicht zur Weltklasse gehört hat danach kaum noch Chancen die Leistungsdifferenz in den folgenden Jahren zu schließen. Die Gesamtmitgliederzahl des DLV lässt keine Bewertung zu wie viele Talentierte und Hochtalentierte sich unter den Jahrgängen der Schüler und Jugendlichen befinden. Entscheidend ist nicht die Quantität sondern die Qualität! Das Referat Olympische Leichtathletik, die Abt. für Hochleistungssport im DLV benötigt Schüler und Jugendliche mit über dem Durchschnitt liegenden Potentialen. Die alte Pyramide – viel Quantität bringt mehr Qualität – gilt nicht mehr wie früher!“

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen! Hochbegabte zu suchen und sie früher durch kompetente Nachwuchstrainer mit Qualitätstraining auszubilden, eine Konzentration mit immer weniger Mitteln und moderne Methoden erfordern Veränderungen in der Kaderarbeit, aber auch in der Nachwuchsarbeit der Landesverbände. Dies gilt nicht nur für den Bereich Mittel- und Langstrecke.