Nachdenkliches zu Olympia

Regensburg, 12. August  2012 (orv) – Wer von sich sagt, er hätte das Herz des Sports schlagen hören, muss wohl in diesen Tagen im Londoner Stadtteil Stratford gewesen sein, genauer gesagt im Olympiastadion während der Leichtathletiktage. Was dort an Stimmung abging, kann keine Fernsehkamera und kein medialer Bericht auch nur annähernd wiedergeben. Man muss es live erlebt haben. Hier die versammelte Weltklasse, dort 80.000 Leichtathletik-Verrückte im guten Sinne, und zwar immer, vormittags und abends, gleich bei welcher Disziplin. Für wenige Stunden konnte man die Probleme des modernen Sports vergessen, einfach die tollen Wettkämpfe genießen. Dass ich als nun schon in die Jahre gekommener Trainer dieses Ereignis mit meinem Schützling Coco Harrer sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite erleben durfte, setzt dem Ganzen natürlich noch ein besonderes Sahnehäubchen auf.

Eine spezielle Rolle spielen die Briten dabei selbst. Immer freundlich mit ihrer ganz besonderen Bedächtigkeit, patriotisch bis ins letzte Hemd und doch nicht chauvinistisch, immer mit der richtigen Achtung für Gewinner und Besiegte, eben fair. Es ist mir noch nie passiert, dass Unbekannte mir im Stadion beim Triumpf eines eigenen Athleten spontan per Handschlag gratuliert haben und ich habe schon viele Stadion von innen gesehen. Bei Robert Hartings Siegeswurf ist mir das zu meiner eigenen Verblüffung wiederfahren und ich staunte nicht schlecht. Die Briten sind einfach stolz auf sportliche Höchstleistungen und das nicht nur bei sich selbst.

Und genau so verhalten sie sich auch im Vorfeld eines Großereignisses. Anstatt ständig nur über mangelnde Leistungen zu schimpfen und über dies und das zu jammern, nahmen sie in der Vorbereitung von Olympischen Spielen im eigenen Land einen Haufen Geld in die Hand, nicht um zu fordern, sondern um zu fördern. Der Plan ist aufgegangen, Team GB vollführt einen Goldrausch im ungeahnten Maße und auch der schlechteste britische Sportler wird frenetisch begrüßt und  minutenlang beklatscht, auch dann, wenn die Ziele nicht erreicht werden konnten. An jeder Ecke Londons hängen die überdimensionalen Plakate ihrer Heroes. Man zeigt sie der Öffentlichkeit und schafft damit eine riesige Fangemeinschaft.

Da tut das deutsche Kontrastprogramm um Cheffunktionär Vesper dann schon ein wenig weh. Bar jeglicher reeller Sporteinschätzung rückt man von Seiten des BMI und DOSB nur zögerlich mit völlig überzogenen Zielvorgaben heraus, anstatt seine Sportler zu feiern. Am Ende hätten es 86 Medaillen bei 28 Olympiasiegen sein sollen. Man macht sich im Vorfeld wenig Gedanken woher diese Erfolge denn kommen sollten. Ein weiser Mann aus der Leichtathletikszene hat einmal gesagt: Funktionäre sollen funktionieren. Tun sie das in den Deutschland denn wirklich? Fragt man viele Athleten/Innen der aktuellen Olympiamannschaft, kommen erschreckende Dinge zu Tage. Sie beklagen neben dem fehlenden finanziellen Engagement vor allem die strukturelle Schwäche des Dachverbandes, als auch der entsprechenden Disziplinverbände. Irgendwie scheinen unter dem gehobenen Establishment der sogenannten „Ehrenamtlichen“ die sportspezifischen Profis verloren gegangen zu sein.
 
Diese braucht es aber, um den deutschen Schulsport wieder fit zu machen, um die Unis analog des Beispiels der amerikanischen Colleges als Partner des Hochleistungssports zu gewinnen, um ein modernes Sichtungssystem auf den Weg zu bringen, um die Industrie zu zielgerichteten Förderung bis hin zur Win-Win-Situation des individuellen Sponsorings zu überzeugen, um letztendlich auch die Fangemeinschaft des Olympischen Sports nicht nur zu pflegen, sondern auch zu vergrößern
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Die olympischen Fans hier und heute in London sind nun auch ein gutes Beispiel, wie die Dinge im deutschen Sportlager einfach schief laufen. Was jeder Bundesligaverein im Profifußball inzwischen zur Chefsache erklärt hat, ist den olympischen Funktionären deutscher Nation noch ein absolutes Fremdwort. Der Fußball hat schon längst erkannt, dass die Fans die Stadien voll machen und pflegt sie dementsprechend auf Fanmeilen und in Fanclubs. Schließlich sind sie es, die den Markt ankurbeln und so die Kassen voll machen. Was machen dagegen unsere olympischen Funktionäre in London? Sie schaffen ein „Deutsches Haus“, in dem nur Privilegierte Zutritt erhalten, wo Sportfunktionär sich dann mit seinen Erfolgreichen feiern lässt. Die Fans, die für ihren olympischen Traum vor allem in London viel auf den Tisch legen mussten, blieben außen vor. Liebe Sportfunktionäre, wenn ihr dies und auch alles andere in Zukunft zum Wohle des olympischen Sports in Deutschland besser machen wollt, müsst ihr gehörig was ändern.