Die Basis kämpft ums Überleben, der DOSB pflegt indessen sein Gießkannenprinzip

Regensburg, 21. September 2012 (orv) – Professor Dr. Helmut Digel (68), ehemaliger DLV-Präsident und Direktor des Instituts für Sportwissenschaften in Tübingen kritisiert das derzeitige System des deutschen Hochleistungssports unter Regie des DOSB recht harsch: „Deutschland verfügt über eine Bürokratie des Leistungssports, die ihresgleichen sucht. In dieser Bürokratie hat ein Führungspersonal das Sagen, das nur über eine äußerst geringe fachliche Kompetenz verfügt. Lange Entscheidungswege prägen diese Bürokratie, und die Frage nach der Verantwortung ist völlig ungeklärt. Tritt sportlicher Erfolg ein, so gibt es viele Väter. Bei Misserfolg stehen der Heimtrainer und der Athlet auf der Anklagebank."

Die Deutsche Sporthilfe hat eine Umfrage bei Deutschlands Hochleistungssportlern gemacht, und erfahren, dass über die Hälfte der in Frage kommenden Aspiranten ihre Sportkarriere abbrechen, weil ihr Einkommen über dem Sport das von der Bundesregierung festgelegte Existenzminimum ohne jegliche soziale Absicherung weit unterschreitet. Zudem wächst die Angst über eine spätere Altersversorgung, ein auf den Hochleistungssport in vielen Fällen rücksichtsloses Bachelor/Master-Studiensystem erhöht den Druck und die Anstellung von Hochleistungssportlern als Soldaten, Polizisten und Zöllner ohne deren Motivation, das überhaupt später ausüben zu wollen, ist letztendlich Betrug am jungen Menschen, der nach einer im Verhältnis zum übrigen Erwerbsleben kurzen Sportkarriere ein Berufsleben vor sich hat, das er so gar nicht will.

Irgendwo fängt so ein kleines „Goldkörnchen“, das später einmal in einer olympischen Disziplin gegen den Rest der meist professionell aufgebauten Sportwelt antreten soll, in einem der vielen deutschen Sportvereine an, von denen sich nur noch wenige auf Grund der immensen Herausforderung dem Hochleistungssport verschreiben. Dort fällt es in die Hände von im besten Sinne als „Wahnsinnige“ zu bezeichnenden Übungsleiter, die meist nach einem harten Arbeitstag für den fürstlichen Lohn von zirka zwei Euro die Stunde ihrem ganz eigenen olympischen Traum verfolgen, die Kosten für die Ausrüstung, Anfahrt und Fortbildung im geringen Salär mit eingeschlossen. Das tun sie meist in heruntergekommenen Sportstätten, weil unsere Gesellschaft im modernen „Wohlstandssozialismus“ zwar Olympiasieger sehen will, aber bei Investitionen der Kommunen eher an sich in Form von Freizeit- und Funanlagen denkt. Ein Großteil der Schulen hat sich zudem schon längst vom Leistungssportgedanken verabschiedet, weil deren Lehrer/Innen nun schon seit Jahrzehnten in der kunstvollen Form des sportlichen Spaßhabens ausgebildet wurden.
 
So ist es denn als immer wieder eintretendes Wunder zu bezeichnen, wenn aus solch einem Basisgebräu überhaupt „Sternchen“ erwachsen, die später einmal im Hochleistungssport konkurrenzfähig sein können. Gott sei Dank gibt es auch noch in der Leichtathletik Vereine und Gemeinschaften, die willens sind, das weiter zu fördern. Doch zur Förderung gehört in den allermeisten Fällen Geld, das über Sponsoren mühsam zu beschaffen ist. Sponsorenverträge haben etwas mit Geschäft zu tun und bedürfen einer professionellen Betreuung. Woher sollen die wackeren Teams in Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Tübingen oder auch Regensburg jene Fachleute bekommen, wenn sie schon für ihre Sportpädagogen kein Geld haben. Der öffentliche Alarmschrei des LAZ Leipzig, immerhin mit fünf London-Olympioniken bestückt, ist nur die laute Spitze einer schweigenden Basis, die kaum mehr Luft zum Leben hat.

Derweil streiten sich gut bezahlte Ressortträger des DOSB mit nicht weniger bestallten Führungsfunktionären der Fachverbände über die Verteilung der Millionen. Aufwachen bitte, ihr lieben Damen und Herren, wenn ihr nicht bald unter dem Symbol der fünf Ringe mit Rennhamstern antreten wollt!Das angemessene Salär für Hochleistungssportler/Innen inklusive sozialer Absicherungen direkt vom Bund hin zum Sportler, sofern er denn die hohen Normen zur Teilnahme an internationalen Meisterschaften erfüllt, ist überfällig – und zwar direkt und ohne Umwege. Das mag am Ende ein flottes Sümmchen sein, aber allemal ist es billiger, als das Geld durch unzählige Gießkannensysteme klein zu waschen. Hochleistungssportler wollen nicht Soldaten, Polizisten oder Zöllner werden, um ihrem Sport gerecht zu werden. Hochleistungssportler wollen mit dem hohen Risiko, sich beruflich erst später ausbilden lassen zu können und sich keineswegs auf die Unversehrtheit ihres Hochleistungskörpers verlassen zu können, nur eins – bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und Europameisterschaften erfolgreich zu sein. Das kostet ihre volle Konzentration, sonst wird es nichts.