Gestehen, abschwören und entschuldigen heißt nun die Formel

Regensburg, 27. Februar 2009 (orv) - Zwanzig jahre ist es nun her, dass das eine Deutschland zum anderen kam, die Erfolgspraktiken des damaligen DDR Sports sind längst bekannt, auch die Rollen der jeweiligen Trainer im System damals und heute. Zwanzig Jahre quält man sich nun mit einem Problem, das freilich aufgearbeitet werden muss, aber schon längst erledigt sein sollte. Die Fronten sind nach wie vor verhärtet. Hier das Ostsystem mit all seinem methodischen Wissen und seiner Trainererfahrung, aber auch mit seiner Vergangenheit, dort das Westsystem mit seinem Führungsanspruch und einer fehlenden Antwort auf die immer dringlicher werdende Trainerproblematik.

Fehlende Systematik

Symptomatisch für die den Größenwahn deutschen Denkens waren die Weltmeisterschaften 1991 in Tokio. Deutschland die Weltmacht, wer soll uns noch schlagen. Die schon damals bekannte Doping-Problematik wurde verdrängt, die alten Systeme in vielen Kleinformaten im neuen System weitergesponnen. Unabhängig des Erfolgseinflusses von u.M. glaubte man an das überragende Knowhow der deutschen Leichtathletik. Im Osten war man davon felsenfest überzeugt, im Westen hoffte man, nach einer schlampigen Säuberungsaktion, das Ganze auch hier erfolgsträchtig überstülpen zu können. Prominente Kenner der deutschen Leichtathletik warnten schon damals, dass „in fünfzehn Jahren“ davon nichts mehr übrig bleiben würde. Sie sollten recht behalten. Bei den Olympischen Spielen 2008 erreichte Gesamt-Deutschland nicht einmal das Niveau der westdeutschen Mannschaft anno WM 1987 in Rom.

Neue Systeme sind gefragt

Anstatt sich jetzt noch mit aufgesetzten Erklärungen abzuquälen, muss sich schleunigst mit entsprechenden Trainern an einen Tisch gesetzt werden und tabula rasa gemacht werden. Der Mist muss weg, er geht selbst eingefleischten Doping-Verfolgern auf den Nerv, zumal man jenen Trainern in den letzten zwanzig Jahren nichts mehr nachweisen konnte und jene Erklärungen bereits mindestens 15 Jahre überfällig sind. Deren System zum Erfolg ist für Gesamt-Leichtathletik-Deutschland fast immer noch undurchschaubar und nur in den seltensten Fällen nachvollziehbar. Wie die Dinos sterben die alten, teilweise noch aus DDR-Zeiten stammenden Heroen aus, neue kommen nur wie Schwammerl in einem ganz trockenen Sommer ganz sparsam zu Tage. Zu klären wäre, warum die deutsche Leichtathletik wieder jene Kuddelmuddel-Vorgehensweise der westlichen 80er-Jahre angenommen hat, jene damals in der DDR erarbeiteten wissenschaftlichen Eckpfeiler auf eine heutige gesamtdeutsche Leichtathletik wirkungslos bleiben und selbst richtige Großeinsätze in der vor allem ostdeutschen Sportstättenstruktur de facto verpuffen. Die deutsche Leichtathletik, ob aus Ost, West, Süd oder Nord muss endlich einen Konsens finden und den Weg zu neuem Erfolg einschlagen.

Absichtserklärungen helfen nicht weiter

IAnstatt ständig die kommende Saison gesund zu beten um anschließend wieder tief enttäuscht zu sein, nehmen jene, die es eigentlich wissen müssen, wie es geht, immer mehr die Rolle des Fans an, der einfach an den Erfolg seiner Sportler glaubt, hoch emotionell, aber nur selten rationell begründbar. Es ist bei uns so Mode geworden in kurzen Abständen Absichtserklärungen für „ganz Neues“ abzugeben, um dann wieder den alten Stiefel anzuziehen, die Rollen ein bisschen zu tauschen und zu hoffen, dass sich in Groß-Deutschland doch alles von selbst zum Guten wenden könnte. Heftig wird jeder Achtungserfolg, gleich wie er erzielt wurde, ans Rampenlicht gezerrt, an der Basis passiert weiterhin nichts. Im Schuldverschieben sind wir absolut Weltmeister: Das ist Sache der Landesverbände, der Vereine ….usw. Nur wer seine ganze Struktur kennt, sie dann auch in den Griff bekommt, wird am Ende auch wieder erfolgreich sein. Ansonsten bleibt alles nur dem Zufall überlassen. Aber da kennen wir Deutschen doch auch ein passenden Sprichwort: „Wer nicht sät, kann später auch nichts ernten.“ Wo ist der Messias, der die deutsche Leichtathletik wieder auf den rechten Weg führt?

von Kurt Ring