Das Rollenspiel hat sich geändert

Bertl Sumser, einer der alten Garde, verstand sich immer als Helfer des Athleten, musste wohl auch in seinen späten JahrenAufwärmen im Trainingslager wenig mehr für seinen Ruf tun. In einer jahrzehntelangen festen Anstellung beim Industriegiganten Bayer konnte er sich voll auf seine Aufgaben konzentrieren. Imagepflege seiner selbstwillen war ihm daher eher ein Fremdwort. Jene Ethik des Dienens war auch für viele seiner Trainerkollegengeneration eine Selbstverständlichkeit, auch wenn sie der Ehrenamtlichkeit entsprang. Man war es gewöhnt, zunächst auf sein berufliches Standbein zu schauen und dann seinem Hobby Leichtathletik zu fröhnen. Im Blickpunkt bei den internationalen Wettbewerben standen in aller Regel die festangestellten Bundestrainer, der Heimtrainer nahm eine wichtige, aber meist verborgene Basisrolle ein. Die Zeiten haben sich inzwischen radikal geändert. Das qualifizierte Trainerangebot wird immer geringer, jene, die das Zeug haben die Talente nach oben zu führen, sind sich ihrer Bedeutung durchaus bewusst. Jung, smart und fachspezifisch stets glänzend vorbereitet, haben sie längst den Hebel zur dualen Vermarktung umgelegt, frei nach der Devise „mit mir wirst du ein ganz Großer“. Der Markt hat sich verschoben und so manches Jungtalent ist krampfhaft auf der Suche nach einem passenden Coach. Man will ja davon leben können und dazu braucht man Material, sprich Athleten. War es früher der Trainer, der im Misserfolg immer wieder einmal getauscht wurde, ist es jetzt der Athlet, der in schlechten Zeiten ganz einfach ausgetauscht wird.

Profilierung ist gut, fragt sich nur für wen?

Die moderne Berichterstattung bringt es mit sich, dass die Expertenmeinung immer mehr gefragt wird. In aller Regel ist das zunächst der Trainer. Der sprudelt viel Unverständliches heraus von der erfolgsgierigen Zuschauermasse aufmerksam aufgenommen. Oft auch belächelt von den alten Hasen, die allein in der Lage sind, die meist abgedroschenen Worthülsen gänzlich zu durchschauen. Unerklärliches wird dort glasklar erklärt und der Athlet steht dann oft wie ein ganz Kleiner daneben. In wenigen Hundertstel musste er alles auf die Reihe bringen und ein anderer war vielleicht wenige Hundertstel noch besser, doch der „Experte“ hat jedes Fehlverhalten deutlich aufgezeigt. Für’s Selbstbewusstsein, jener gerade bei deutschen Leichtathleten so vermissten Siegermentalität, bleibt dann wenig mehr übrig. Unsere Sternchen müssen sich beinahe schämen, wieder einmal dem überragenden Führungsanspruch ihres Betreuungsstabes nicht gefolgt zu sein. Die Konsquenz: Aus dieser Demutshaltung heraus werden sich sicher keine Persönlichkeiten entwickeln.

Ein Führungsproblem hat sich im Lauf der Jahrzehnte entwickelt

Jahrzehntelang hat sich die Leichtathletik nicht mehr um ihre Führungsstrukturen gekümmert, A- und B-Lizenzen an pubertierende Achtzehnjährige verschenkt. „Wir haben ein Trainerproblem“ hallt es jetzt durch die Lande. Vergessen hat man auch all jene, die die Heroen der Achtziger und Siebziger-Jahre hervorgebracht haben. Allein deren Erfahrungsschatz hätte viel Unsinn der letzten Jahre verhinder könnenn. Das leichtathletisch Knowhow des letzten Jahrhunderts stirbt langsam aus in einer Zeit, in der inzwischen jeder, der ein Talent trainiert sich spontan gleich Hoffnungen auf den Bundestrainerposten macht. In gigantischer Geschwindigkeit wird die deutsche Leichtathletik jedes Jahr neu erfunden, Linien zum Erfolg sind bis auf die alten „Nester“ nicht mehr erkennbar. Es wird Zeit, der Sache selbst wieder Priorität zuzuweisen, und dazu reicht ein glänzendes Fachwissen lange nicht aus. Zunächst brauchen wir wieder Trainerpersönlichkeit. Allein die sind in der Lage aus Sternchen Stars zu machen. Jene derzeit leuchtenden Sonnen am Leichtathletikhimmel sind oft nur dazu da, dass sich unsere kaum flügge gewordenen Jungtalente gerne daran ihre Flügelchen verbrennen – und in aller Regel abstürzen.

von Kurt Ring