Die Probleme werden derzeit nur weitergeschoben

Regensburg, 19. Februar 2009 (orv) - Leistungssport ist Show. Spätestens dann, wenn man zur kalten Jahreszeit die Mattscheibe anknipst, wird einem das immer wieder bewusst. Was früher ein Durbridge-Krimi oder eben nur „Wetten, dass“ schaffte, gelingt inzwischen dem Wintersport an fast jedem Wochenende. Der Sport ist zum Straßenfeger geworden, die Einschaltquoten belegen es. Speziell der Wintersport hat sich professionalisiert, globalisiert und irgendwie aber auch verkauft. Ein gigantischer Freizeitmarkt mit vielen Betätigungsfeldern schmälert für die Schneeartisten das Risiko, nach ihrer sportlichen Karriere mit leeren Händen dazustehen. Im Sommer zeigen sich inzwischen ähnliche Tendenzen, die Leichtathletik ist nicht dabei.

Sport als Geschäft

Vom ethischen Gesichtspunkt her gesehen vielleicht einmal nicht das Schlechteste. Der Profifußball ist inzwischen zum modernen Menschenhandel geworden, andere Ballsportarten hecheln hinterher. Die Hoffnung, jene manipulierten Keilereien – sprich Berufsboxveranstaltungen – würden nach einem Hoch der Muhammed Ali-Zeit endgültig vergessen sein, war eine trügerische. Nun hauen sich inzwischen auch Frauen ins Gesicht. Ein Halleluja auf die Gleichberechtigung. Sport ist eben käuflich geworden, was ein damals oft belächelter IOC-Präsident Avery Brundage für seine olympischen Sportarten unter allen Umständen vermeiden wollte. Er kannte das professionelle Geschäftsmilieu mit allen Schattenseiten, schließlich war er Multimillionär. Für Geld ist fast alles zu haben, es hängt nur von der Menge ab. Und Geld macht schwach, nicht nur jene, die aus sozial schwachen Schichten kommen. Geld macht aber auch Manipulation möglich, nicht nur in der Form des Dopings.

Der Dornröschenschlaf der Leichtathletik

Die Leichtathletik ist dieser verkommenen Ethik zumindest an ihrer Basis schon auf Grund ihrer Größe ein wenig ausgekommen, sicher auch auf Grund ihres immer noch hohen ethischen Ansatzes gegenüber der modernen Sportgeisel Doping. Konservativ, den alten Strukturen eben verbunden. Das mag in vielen Richtungen sicher uneingeschränkt richtig sein, in anderer Hinsicht wird es aber zum Hemmschuh. Der Deutsche Ski-Verband ist mit einem Sportdirektor Thomas Pfüller inzwischen modern strukturiert, der DLV modert, immer noch, fatal von den Landesverbänden in Sachen Leistungssport gegängelt, dahin. Seine „Betrieblichkeit“ ist in vielen Bereichen grenzwertig amateurhaft.

Viele haben Ideen, keiner packt an

Immer und ständig auf den Staat oder die ebenso verfilzten DOSB-Strukturen zu hoffen, endet stets bei der Kernfrage, wer zuerst da sein muss: Die Henne oder das Ei – übertragen auf die Welt des Sports: der Erfolg oder eben das Geld, das diesen erst möglich macht. Man erinnere hier nur an die Brandrede des damals leitenden Bundestrainers Jürgen Mallow im Anschluss von aus leichtathletischer Sicht nicht gerade berauschenden Olympischen Spielen. Scheue Ansätze des Präsidenten Dr. Prokop sind da, mehr noch Absichtserklärungen als grundsätzlich verändernde Fakten. Von der Zusammenarbeit mit Industrieunternehmen ist da die Rede, sportfreundlichen Unis und den Eliteschulen des Sports.

Der Virus ist nicht nur ein leichtathletischer

Fangen wir mit letzterem an. In den Folgejahren der Wiedervereinigung zunächst im Osten unter anderem Namen am Leben erhalten, bringen sie speziell für die Leichtathletik schon lange nicht das, was sie im totalitären System der ehemaligen DDR leisten konnten und ihre Klone im Westen darben noch viel übler dahin. Vergessen wird dabei im Sport, dass unser föderalistisches Schulsystem ganz andere Probleme mit sich selbst hat und schultechnisch im Vergleich mit dem übrigen Europa im hinteren Drittel herumdümpelt. Die Probleme der Felder Leichtathletik/Schule bzw. Schule/Bildungsvermittlung sind dabei haargenau diesselben. In der irrigen, typisch deutschen Annahme, sowohl die Schule, als auch der Leistungssport wäre von den Deutschen erfunden worden, mit dem immerwährenden Recht, in Sachen Fortschritt federführend sein zu dürfen, hat sich Schul- und Leichtathletik-Deutschland inzwischen schon mehr als drei Jahrzehnte aus dem Dialog der Nationen ausgeschlossen und auf seine eigenen Modelle gesetzt. Mit wenig Erfolg. Das Ergebnis: Wir sind in beiden Feldern unteres Mittelmaß. Was hilft es da, wenn ein Kranker nach der Hilfe des anderen Kranken schreit. Systemimmanente Hilfe scheint daher zumindest momentan unerreichbar. Dies gilt auch für die derzeitige Lage der Hochschulen. Mehr Material (sprich Studenten) sollen in immer kürzeren Studienzeiten – Master und Bachelor lässt grüßen – mit immer untauglicheren Mitteln (Auswendiglernen) zur breiteren Elite geführt werden.

Kann die Leichtathletik neue Wege gehen?

Am erfolgsträchtigsten erscheint da die Zusammenarbeit mit Industrieunternehmen. Man müsste die Großunternehmen nur davon überzeugen, aus ihrem recht vielversprechenden dualen Ausbildungssystem ein Triple-System zu machen: Ausbildung – sportliche Karriere – Studium. Das könnte je nach Entwicklung und altersgemäßem Standing der Athleten zu einem weichen Abfedern eines hochmotivierten Personenpotentials (weil Leistungssportler) in alle Richtungen führen, zum Wohle des Unternehmens, zum Wohle des Sportlers, zum Wohle der Leichtathletik. Je nach Entwicklungsfortschritt könnte die Zielperson entweder in Richtung Ausbildung, oder in Richtung Studium oder in Richtung Sportkarriere gefördert werden, die Ausprägung eines vorerst vernächlässigten Astes in späteren Jahren nicht ausgeschlossen. Dazu braucht man Zeit (verlängerte Schul- und Studienzeiten bei begleitender Betreuung), Geld (durch die jeweiligen Unternehmen = Sponsoren) und vor allem ein radikales Umdenken in den eigenen Strukturen. Sind wir aber dazu bereit, innerhalb unserer schönen, in die Jahre gekommenen Leichtathletik, in der jeder Mini-Verein seinen eigenen Olympiasieger backen will?

von Kurt Ring