Wie schaut’s aus mit den ganz Jungen (Mädchen) im deutschen Lauf

Regensburg, 16. Januar 2009 – Die deutschen Läufer/Innen scheinen die Talsohle verlassen zu haben. Carsten Schlangen, Sabrina Mockenhaupt und Antje Möldner sorgten in Peking für Lichtblicke, die große Marathonoffensive folgte und lässt zusätzlich auf vollständige Teams bei der Heim-WM in Berlin hoffen. Das ist bei den Frauen durchaus erwartet worden, wenn auch die 2:19:20 von Irina Mikitenko so wohl bei keinem Kenner der Szene im Kalkül waren. Die Ansätze bei den Herren mit endlich wieder mal sieben Läufern unter 2:20 lassen hoffen, international ist deren Niveau aber trotzalledem nicht konkurrenzfähig. Und das Eis ist dünn, da braucht man sich nur die Unterdistanzergebnisse der deutschen Nachwuchslangstrecker/Innen ansehen. Diese Probleme hat auch der DLV erkannt. Mit einer gezielten Sichtungsmaßnahme bei erst 15-jährigen Mädels hat er sicher den richtigen Weg beschritten und Teamleiter Adi Zaar wird aus den nun vorliegenden Testergebnissen natürlich auch einiges herauslesen.

So weit, so gut. Für die Zeitschrift „Leichtathletik“ jedenfalls eine gute Gelegenheit, gleich wieder einmal kräftig die PR-Trommel zu rühren. In Zeiten des alles dominierenden Wintersports und der doch recht mageren Leichtathletik-News sicher ein Weg, die Seiten zu füllen. Früher einmal standen dort, wo jetzt Genre-Berichte ihren Platz fanden, durchaus lesenswerte Beiträge zur Lehre der Leichtathletik. Mit der scheint man sich publizistisch nicht mehr beschäftigen zu wollen. Zu wenig öffentlichkeitswirksam, zu aufwendig und zu zeitfressend in der Aufbearbeitung, schließlich gibt’s ja noch eine, aber leider nur den Insidern bekannte Zeitschrift „Leichtathletiktraining“. Das kann man verstehen, das muss man aber nicht unbedingt auch tun.

Im Fall der Hochspringerin Kimberly Jeß mag jenes Zerren in die Öffentlichkeit noch seine Berechtigung haben. Schließlich springt die Sechzehnjährige auf einem Niveau, das durchaus nach späterer Internationalität riecht. Hochsprung ist aber auch eine Disziplin, die vor allem bei den Mädchen schon immer ganz Junge nach oben geschwemmt, sie aber dann oft auch wieder gewaltig nach unten gespült hat. Man denke nur an die lange Durststrecke der 72er-Olympiasiegerin Ulrike Meyfarth, wobei das Überleben mit einem Olympiassieg durchaus komfortabler ist als allein mit dem Prädikat „Talent“.

Gerade in einer in dieser Hinsicht sehr problematischen Disziplin Langstrecke sollte man ohne Kenntnisse der Grunddaten mit dem „Hochloben“ sehr sehr vorsichtig sein. Adi Zaar kennt diese Grundwerte seines 93er Jahrgangs, wird sie aber wohl kaum der Öffentlichkeit preisgegeben haben. Das, was derzeit die Kölner Sporthochschule mit Jule Aßmann veranstaltet, kann pädagogisch durchaus auch als unseriös gesehen werden, in wie weit es vom Elternhaus noch weiter vorangetrieben wird, mag dahingestellt sein. Tatsache aber ist, dass jener Jahrgang 93 wohl auch kein anderer als alle W15-Jahrgänge der letzten zehn Jahre ist, nicht besser und wohl auch nicht schlechter. Was dann später aus den sogenannten Talenten geworden ist, kann jeder selbst aus den Bestenlisten rauslesen. Die Aussage, dass alle gesamt oben nicht ankämen, ist so nicht richtig. Ihre späteren Leistungen fallen bloß nicht so aus, wie sie sich das hungrige Leichtathletik-Deutschland in Zeiten der permanenten Langstreckendürre vorstellt.

Den Begriff Langstrecken-Talent (weiblich) kann man so und so definieren. Ohne in das schier unerschöpfliche Reservoir der ostafrikanischen Länder greifen zu müssen, drängen sich nternational gesehen dennoch Beispiele auf. Eines davon ist die Britin Stephanie Twell. Drei Cross-EM-Titel in der U20, ein 1500 m-Juniorentitel (2008) und ein zweiter Platz bei der Junioren-EM 2007 gehen auf ihr Konto. Das Leistungsprofil beindruckend: Über 4:26,74 als 15-Jährige steigerte sich sich in den Jahren 2005-2008 über 1500 m auf 4:25,05, 4:12,76, 4:06,70 bis 4:05,83. Ihre Zubringerleistung auf der Überdistanz mit einer 8:50 für die 3000 m lässt auch auf ein Unterdistanzvermögen von um die 2:01 für die 800 m schließen. Wer in den drei wichtigen Bereichen Schnelligkeit, Laktatverträglichkeit (ersichtlich durch ihre enorm hohen 1500 m Leistungen) und Ausdauer so punkten kann wie die Britin, darf sich mit Fug und Recht als Talent feiern lassen. Wie schwer aber auch für sie der Einstieg in die Frauenklasse ist, bewies ein Januar-Crossergebnis. Stephanie Twell wurde gleich von drei Ostafrikanerinnen geschlagen.

So tut sich denn die deutsche Langstreckenszene mit dem Begriff „Talent“ immer noch recht schwer. Die absolute Ausnahme in der Entwicklung innerhalb der letzten 15 Jahre bleibt Sabrina Mockenhaupt, deren Werdegang, obwohl im Jugendaufbautraining nie im Bereich des Twell-Profils, Hoffnung macht, auch in späteren Jahren mit viel Fleiß an die erweiterte Weltspitze herankommen zu können. Vielleicht liegt es daran, dass jener zurückliegende Nachwuchspool in fast seinem gesamten Bestand nicht über die notwendigen Grundschnelligkeitsreserven für die Unterdistanz verfügt, um die international notwendigen Langstreckenleistungen zu realisieren. Vielleicht aber liegt es auch daran, dass der „schnellere“ Nachwuchs mit Jugendleistungen von um die 56 Sekunden für die 400 m und 2:05 für die 800 m sich viel zu früh auf eine Spezialisierung für die Mittelstrecke festlegte, später dann der Mut und die Zähigkeit für den bescherlichen und oft langandauernden Übergang ins Langstreckentraing bzw. in die Langstrecke fehlte. Die Vermutung liegt nahe, dass das Klientel für spätere internationale Erwachsenen-Langstreckenklasse, nicht in den jeweiligen D-, DC-, und C-Nachwuchskadern der Langstrecken zu finden ist.

von Kurt Ring