Beispiel U23: Hat sich die junge Disziplin in Europa wirklich weiterentwickelt?

Regensburg, 23. Januar 2009 (orv) – Vor zehn Jahren waren die „Böcke“ für Frauen in der Leichtathletik noch ein Randthema allenfalls geeignet für spektakuläre Fotos von Stürzen am Wassergraben, vielseits belächelt und nicht so recht ernst genommen. Die Situation hat sich inzwischen gründlich geändert, die Disziplin ist seit letztem Jahr olympisch und ähnlich dem weiblichen Stabhochsprung aus dem Wettkampfkalender nicht mehr wegzudenken. Regensburg war bei dieser Entwicklung mehr oder weniger immer dabei. Neben vielen DM-Medaillen, Rekorden und Titelgewinnen schafften zumindest im Nachwuchsbereich mit Susi Lutz (U20 EM 2005/Bronze – U20WM 2006/Qualifikation/krankheitsbedingt nicht angetreten) und Julia Kick (U20 WM 2008/Vorlauf) zwei Läuferinnen den Sprung in die Internationalität. Beide wollen sich auch 2009 qualifizieren: Erstere für die U23-EM in Kaunas, Zweitgenannte für die U20-EM in Novi Sad, Anlass also genug, um sich einmal die Entwicklung der jungen Disziplin näher zu betrachten.

Will man nach Kaunas oder Novi Sad, muss man natürlich die Nominierungshürden des DLV überwinden, die in der Regel wesentlich qualitiver ausfallen als jene der EAA (2009: U23 DLV 10:00/EAA 10:30 – U20: DLV 10:35/EAA 11:00). Aufgefallen ist da sofort der hohe Anspruch des Verbandes in der U23. Die 10:00 fallen gegenüber den anderen Laufstrecken völlig aus dem Rahmen. Mit dieser Zeit nimmt man in der letztjährigen EAA-U23-Bestenliste immerhin einen sechsten Platz ein, bei allen bisher stattgefundenen U23-EM-Entscheidungen hätte es für einen Platz unter den ersten Fünf gereicht, in allen bisher erschienenen Bestenlisten für eine Top-ten-Platzierung. Nachgefragt beim Disziplin-Bundestrainer erhielten wir folgende Antwort: „Auf Grund der starken Entwicklung der 3000 m Hindernis in den letzten Jahren hat man sich seitens des DLV für diese 10:00 entschieden“. Der zuständige Bundestrainer „track“, Rüdiger Harksen räumte später nach schriftlicher Darstellung und Telefonat ein, dass die 3000 m Hindernis Norm für die Damen U23 in der Tat eine abweichende Stellung gegenüber den anderen Normzeiten einnimmt. Zur Verdeutlichung dessen sei bemerkt, die 2:04 für die 800 m und die 16:30 über 5000 m entsprechen einem Platz knapp über Position 20 in der letztjährigen EAA-U23-Bestenliste, jene von Trainern als besonders hart empfundene 4:16 über 1500 m Rang 16. Die Betrachtung der 10.000 m ist nicht vergleichsrelevant, weil sich 2009 nur neun U23-Juniorinnen überhaupt den 25 Runden auf der Bahn gewidmet hatten. „Die Nominierungsrichtlinien für 2009 wurden vom BAL des Deutschen Leichtathletik-Verbandes verabschiedet und sind nicht mehr verhandelbar. Ich weise aber in diesem Zusammenhang auf den Passus 3.6.1. der Nominierungsrichtlinien hin: bei freien Startplätzen können Nominierungen in Einzeldisziplinen auf der Basis der bereinigten europäischen Bestenliste Platz 1-8 (Stand 6.7.2009) erfolgen. Damit hat der Vorsitzende des BAL die Möglichkeit, auch bei Nichtnormerfüllung bei entsprechender Leistungsdarstellung eine Athletin zu nominieren. Gehen Sie davon aus, dass der Deutsche Leichtathletik- Verband eine große und leistungsstarke Mannschaft im Rahmen der vorgegebenen Richtlinien nach Kaunas schicken wird“, seine Stellungnahme zum Sachverhalt.

Nun ist das für eine sich akribisch vorbereitende Athletin eine denkbar ungünstige Prognose, zumal die Wahrscheinlichkeit groß sein wird, dass ihr im Endeffekt ein Rennen Anfang Juni bleibt, um auf den EM-Zug aufspringen zu können. Zehn Minuten blank am Beginn der Saison, praktisch aus der kalten Hose heraus, verlangt ein Profil, das in der Hochsaison durchaus Möglichkeiten auf eine Zeit um die 9:50 schaffen würde. Es sei denn, man befindet sich Anfang Juni in Frühform und das will wohl so keiner. Die noch angebotenen nationalen Titelkämpfe der Juniorinnen eignen sich schon mangels Konkurrenz schlecht für ein Normrennen, jene der Männer und Frauen würden am letzten möglichen Erfüllungstag stattfinden – also Harakiri mit Anlauf. Zudem ist jene Athletin auf Grund solcher Aussagen „der Deutsche Leichtathletik- Verband wird eine große und leistungsstarke Mannschaft im Rahmen der vorgegebenen Richtlinien nach …“ schon mal im letzten Dezember über die Klinge gesprungen. Als Sechste der Cross-EM-Ausscheidung in Darmstadt innerhalb der vorgeschlagenen Sechser-Nominierung durfte sie nur zuschauen, obwohl sie nur wenige Sekunden als eine der Jüngsten und eine der wenigen die im nächsten Jahr der U23 noch erhalten bleiben, ins Ziel kam. Ausgerechnet jene Mannschaft, der der Bundestrainer auf Grund der geringen Erfolgsaussichten weniger als sechs Athletinnen zugestand, holte dann Bronze.

Dem/r werten Leser/in wird wohl jetzt schon ein Licht aufgegangen sein. Irgendwie hat man sich seitens des DLV mit Festsetzung der 3000 m Hindernisnorm U23 ein wenig vertan. Der Vollständigkeit halber soll hier die Entwicklung der 3000 m Hindernis U23 weiblich mit Zahlen und Fakten trotzdem noch einmal hinterlegt werden: Hinsichtlich der Medaillenvergabe mussten die Mädels 2003 und 2007 um die 9:40 laufen, 2005 hätte eine 9:55 gereicht, um unter die besten Acht zu kommen, reichten 2003 10:13, 2005 und 2007 jeweils sogar nur eine 10:16. Der Achter-Endkampfschnitt bewegte sich von einer 9:56 zu einer 10:03 und schließlich 2007 bis zu 9:58. Der Bestenlisten-Zehnerschnitt weist folgende Zahlen auf: 2005/9:56 – 2006/9:56 – 2007/9:46 – 2008/9:51. Aus all dem kann beim besten Willen kein Mensch eine dramatische qualitative Weiterentwicklung der Disziplin – natürlich Europa und die U23 betreffend – herauslesen. Sie schwankt und stagniert im Grunde und die Tendenz der nächsten Jahre nicht nur für Deutschland, sondern wahrscheinlich für ganz Europa wird rückläufig werden. Die nationalen Bestenlisten der U18 lassen grüßen und versprechen schon von der immer mehr nachlassenden Leistungsdichte nichts Gutes.

Nun wird sich der Vorsitzende des BAL. Professor Eike Emrich auf Intervention des DLV-Präsidenten Dr. Clemens Prokop jener absonderlichen U23-EM- Norm 3000 m Hindernis weiblich annehmen. Mal sehen, was herauskommt.