Die Absonderlichkeiten eines Fußballspiels

Regensburg, 29. März 2009 (orv) – Als wir uns am Samstag auf zum Regensburger Hauptbahnhof machten, wunderten wir uns schon bei der Anfahrt. An und für sich wollten wir nur unsere beiden Nichten, elf und dreizehn Jahre alt, vom Zug, aus München kommend, abholen. Der hatte schon wieder einmal Verspätung, wie wir bereits auf der Anfahrt im Auto per handy erfuhren. „Typisch Bundesbahn“ dachten wir, den Grund, warum der Interregio in Ergoldsbach zum Stehen kam, erfuhren wir erst später. Es hatte mit Sport zutun, besser gesagt mit König Fußball. An diesem Tag war das Drittliga-Derby Jahn Regensburg gegen Wacker Burghausen angesagt, medial so wichtig, dass am Montag, gleich wie dieses Match denn ausgehen würde, die lokalen Gazetten wieder seitenweise voll sein würden.

Ausnahmezustand rund um den Bahnhof

An einem ganz normalen Samstagmittag am Bahnhof einen ganz normalen Parkplatz zum Abholen lieber Gäste zu bekommen ist normalerweise kein Kunststück. Heute aber war dort Ausnahmezustand. Hundertschaften von Bereitschaftspolizisten hatten das Areal „eingenommen“. Auf die Frage, „was denn da heute los sei“, bekamen wir die lakonische Antwort, die Fans von Wacker sitzen im Zug aus München und randalieren bereits.“ Nachgefragt, war zu erfahren, dass sich Regensburger und Burghausener Fußballanhänger „wenig bis gar nicht mögen und Vorsicht angesagt wäre“. Am Bahnhof verschärfte sich die Situation noch einmal drastisch. Die dort Wartenden mussten weit zurücktreten. Gefahr war beim einfahrenden Zug durch Feuerwerkskörper, Rauchbomben und Krawallmachern angesagt. Nicht übertrieben, wie sich dann bei der Einfahrt rausstellte. Es knallte, Rauch zog auf und ein ätzender Geruch schwängerte die Luft. Nachdem wir unsere beiden Mädchen gefunden hatten, erfuhren wir auch den Grund der Verspätung. Der Zugführer sah sich genötigt, in Ergoldsbach erst wieder weiterzufahren, wenn sich die Fans an die nötigsten Sicherheitsvorkehrungen halten würden.

Abstoßend

An eine Abfahrt vom mühsam ergatterten Parkplatz war im Moment noch nicht zu denken. Im Hintergrund das skandierende Geschrei der Fans. Nach Presseberichten sollen es nur zweihundert gewesen sein. Auf mich machten sie den Eindruck einer außer Rand und Band geratenen Räuberbande mit Kampfgesängen und immer wieder im Rhythmus nach oben gestreckten Fäusten. Abstoßend, furchterregend, dem Sport unwürdig, eingerahmt von fast genauso vielen schwer bewaffneten Polizisten, die beruhigend auf sie einredeten. Drei Polizeiauto voraus, drei hinten dran, Flankenschutz links und rechts durch die Bereitschaftspolizei – so wurde die wilde Horde dann heftig gestikulierend auf kürzesten Wege ins Stadion gebracht, Wegelagerer der anderen Seite kurzfristig verhaftet und so das Schlimmste vermieden.

Die Fans, ein Wirtschaftszweig

Eine Hauptsportart zu sein, hat immer etwas mit seinem wirtschaftlichen Faktor zu tun und dem zwangsläufig verbundenen Massenauflauf. Das ist eben so, wie mit der Quote im Fernsehen. Und selbst die dritte Liga im Fußball soll ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sein. 4250 Zuschauer hat man am Samstag im Jahnstadion gezählt, darunter zum Großteil natürlich friedliche. Viertausend Leute setzen an diesem Tag vielleicht sogar an die hundert Mal so viele Euros um, macht rundherum fast ein halbe Million aus. Der Staat verdient durch die Umsatzsteuer, die Kommune verdient über die Gewerbesteuer, der Verein verdient durch die Einahmen, auch wenn diese hinten und vorne nicht reichen, um den laufenden Betrieb auch nur notdürftig in Gang zu halten. Hauptsportart heißt eben in aller Regel Geld umsetzen. Der Sport also ein Mittel zum Zweck und der Zweck heißt, möglichst viel Gewinne machen. Die Gewinnmaximierung hat auch im Sport das Regiment ergriffen, koste es, was es wolle, auch wenn gerade im Fußball vieles defizitär ist.

Sozialstation Fußballstadion

Nirgend wo anders als im Fußball wird die soziale Subschicht unserer Bevölkerung so stark angesprochen. Um sich einmal die Woche voll ausleben zu können im ansonsten vielleicht trostlosen Einerlei des Lebens, davon zehren jene Sport-Desperados die übrigen sechs Tage. Den letzten Cent investieren sie dafür, Frust und Aggression werden im Stadion abgelassen, streng bewacht von Hundertschaften Bereitschaftspolizisten, deren Einsatz der Steuerzahler bezahlen muss. Irgendwie schweifen hier meine Gedanken zweitausend Jahre zurück, in einer alten Römerstadt fast angebracht. Wenn auch damals Castra regina nur ein Grenztruppenlager war und eben keine Arena hatte. Brot und Spiele, richtig, die gab es damals und wohl auch heute wieder im altehrwürdigen Jahnstadion, von dem böse Zungen behaupten, dass es vielleicht noch aus der Römerzeit stammen könnte. Blutige Profi-Boxkämpfe und Wrestling scheinen sich eben für derlei Spektakel am besten zu eignen. Auch der Fußball gehört inzwischen zu dieser Spezies Sport, Mann gegen Mann, bis dass die Knochen krachen. Das wollen die Massen (leider) sehen.

Dann doch lieber Randsportart

Sport muss für mich kein Ausnahmezustand sein. Die Athleten sollten im Mittelpunkt stehen, der Zuschauer sich am fairen Wettkampf erfreuen. So was, wie am Samstag ist bei Leichtathletik Veranstaltungen schier undenkbar, selbst dann, wenn bei Weltmeisterschaften 80.000 ins Stadion strömen. Gott sei Dank, kann man da nur sagen. Froh bin über alle Maßen, jener Leichtathletik anzuhängen, auch wenn sie derzeit hinlänglich meist nur als Randsportart behandelt wird. Es muss nicht immer Weltklasse sein und es müssen nicht immer Unsummen im Spiel sein, um Freude am Sport anderer zu empfinden.

von Kurt Ring