Ohne veränderte Trainingsbedingungen ist Konkurrenzfähigkeit kaum möglich

Lothar PölitzKürten, 04. Februar 2009 (© Lothar Pöhlitz) - Nach 20 Jahren deutsche Einheit gehört Deutschland inzwischen zu den Vorbildnationen in der Dopingbekämpfung. In Ost und West scheint das Dopinggespenst in der Mehrzahl der Sportarten davongejagt. Natürlich kann man sich nie sicher sein, ob nicht eines Tages bei dem Einen oder der Anderen die Versuchung über die Willensschwächen im Training siegt, ob nicht die Dopingvorbilder aus dem Weltniveau dem Ehrgeizigen zu Epo oder zur immer noch wirksamen Anabolika-Pille greifen lassen, in der Überzeugung mehr zu wissen als die Fahnder. Nachhelfen könnte dabei auch der Hass der Gegner, der unsere Sportler nicht selten bei Auslandsstarts entgegen schlägt ob des deutschen Drucks gegen das Unrechtsbewusstsein in Sachen Doping.

Es ist auch in den letzten Jahren schwerer geworden im Ausland einen Startplatz zu bekommen, oder auch spürbar, dass Ausländer nicht mehr so gern im Vorfeld großer Events zu Aufbauwettkämpfen nach Deutschland kommen, weil man nie wissen kann, wo, wann nach welchen Mitteln gefahndet wird. Es hat sich aber auch herumgesprochen, dass trotz der großen Schilder „Dopingkontrolle“ in den Stadien die Budgets der Fahnder und Labore nicht unbegrenzt sind.

Doping kann nur durch besseres Training ersetzt werden

Doping ist nicht verzeihlich“, sagte Franziska van Almsick in BILD vom 31.1.2009 in einem Interview. Dem kann man nur uneingeschränkt zustimmen. Wir möchten dem aber hinzufügen, dass es genauso unverzeihlich ist unseren Sportlern, von denen Medaillen und Spitzenleistungen bei EM, WM oder den Olympischen Spielen von Politikern, Funktionären und den Medien erwartet werden und die im „Versagensfalle“ gern mit dem Prädikat enttäuschend versehen werden, die notwendigen Bedingungen vorzuenthalten, die ihnen eine einigermaßen Konkurrenzfähigkeit gegen die vielen nicht oder kaum im Training kontrollierten ermöglichte. Das sind in erster Linie mehrjährige professionelle Trainingsbedingungen für Athleten und Trainer, denn nur sie bringen sie dem Weltniveau näher. Und wenn es eines Tages klappen sollte muss kein Neid aufkommen. Die jahrzehntelangen in der Regel privaten materiellen Investitionen werden auch in der Leichtathletik durch eine Medaille kaum aufgewogen.

Das flächendeckende Doping von damals gibt es nicht mehr

Das Engagement von Politikern und vieler Funktionäre ist groß sobald sie das Wort Doping hören, wieder einmal auch nur ein Gerücht in die Welt gesetzt wurde oder Eine(r) erwischt wurde. Sofort melden sie sich zu Wort, auch weil sie sicher sind, dass jedes Statement in diese Richtung einen Vorzugsplatz in den Medien bekommt. Da schrecken sie auch nicht davor zurück immer wieder auf die Vergangenheit zu verweisen. 30 – 40 Jahre ist es nun schon her, als in der Ost - Diktatur mit Begriffen wie „Trainingsunterstützende Mittel“ (uM), den jungen Leuten das Unrechtsbewusstsein gegenüber Doping vernebelt wurde, oder sie bei Reisen in die USA auf die apothekenähnlichen Stores aufmerksam gemacht wurden in denen damals schon Anabolika in Großpackungen frei verkäuflich angeboten wurden. Denen werden sie demnächst bei den großen sportlichen Auseinandersetzungen unterlegen sein, wurde ihnen vermittelt. Junge Leute und auch Trainer die sich darüber Gedanken machten, dass ihre gleichaltrigen Sportsfreunde im Westen zu jeder Zeit in jedes Land der Welt reisen konnten, aber sie für einen Flug über die Mauer Leistungen von Weltniveau brauchten. Da haben Jugendliche mit 15 Jahren gezielt ein Hochleistungstraining begonnen, um bei der ersten besten Gelegenheit, z.B. bei einem Start bei den Junioren-EM im „Westen“ nach Kanada oder Australien „umzusiedeln“. Die Bedingungen haben sich inzwischen verändert, diesen Hochleistungssport von damals gibt es nicht mehr.

Athleten und Trainer brauchen jetzt echte Hilfen

Leider engagierte sich die Schar der Verantwortungsträger für den Spitzensport in den letzten Jahren nicht mit gleicher Intensität unseren Athleten aus dem Hochleistungsbereich, Talenten, Hochbegabten in West und Ost, in Süd und Nord Alternativen zum Doping zu bieten, ihre Trainingsmöglichkeiten so zu verbessern damit sie auch ohne Doping international konkurrenzfähig sein können. Dabei soll an dieser Stelle noch einmal unterstrichen werden, dass in der Tat nur die wenigen Sportler gemeint sind, die auch über die komplexen Voraussetzungen für Spitzenleistungen verfügen und zu einem entsprechenden Engagement mit ihren Trainern bereit sind. Das müsste doch zu machen sein.

Paula Radcliff von einem Trainingslager ins nächste

Paula Radcliffe (Großbritannien) reist am kommenden Montag (2. Februar) für acht Wochen nach New Mexico (USA) um sich dort auf ihre großen Ziele vorzubereiten. Die Marathon-Weltrekordhalterin will am 29. April den London-Marathon gewinnen und bei der WM in Berlin (15. bis 23. August) zum zweiten Mal nach 2005 Marathon-Weltmeisterin werden. Erst vor wenigen Tagen ist sie aus ihrer  Trainingsbasis in den Pyrenäen (Frankreich) zurückgekehrt, wo sie nach eigenen Aussagen sehr gut trainiert hat. eme/ajl-Leichtathletik.de

Die Alternative zum Doping wären

Bedingungen, durch die die etwa 30 % Belastungsüberhöhungen zum Normalen, die unter Doping möglich sind – die dann auch zu den von allen beobachteten Leistungssprüngen führen – durch neue Überlegungen und veränderte Handlungen unsere derzeitigen Rückstände im Hochleistungstraining minimieren könnten.

Das wäre vor allem möglich, wenn nach einem schon mehrjährigen professionellen Nachwuchstraining unserer Talente (z.B. in den Eliteschulen des Sports oder Vereinen) schon unter professionellen Bedingen vorbereitet, im Hochleistungstraining ganzjährig 10 – 12 Trainingseinheiten bei mindestens 30 Belastungsstunden + 8 - 10 Stunden sportmedizinische und physiotherapeutische Begleitung pro Woche realisiert werden könnten. Sicher ist jedem klar, dass dazu hauptamtliche Trainer und ein begleitendes Team (z.B. Arzt, Physiotherapeut, Ernährungsberater, Psychologe, Leistungsdiagnostiker usw.) gehören, über die unsere weltbesten Konkurrenten (auch die Doper) selbstverständlich verfügen. Höhentraining (siehe Kasten P.Radcliffe), Leistungstrainingszentren in denen die Besten bei den besten Trainern im Partnertraining gemeinsam trainieren könnten, wären Alternativen. Wagen sie doch einmal einen Blick zu den Wintersportlern, die seit Wochen unterwegs und international konkurrenzfähig sind.

Sicher lassen sich dazu auch Sponsoren finden, wenn das Konzept entsprechend leistungsorientiert ist und deutlich wird, dass eine Konzentration der Kräfte und Finanzen überzeugend den Fortschritt erwarten lassen. Die gegenwärtige Ausgangspositionen im Bereich Lauf / Gehen z.B. garantieren nicht gleich Medaillen bei der WM in Berlin, aber vielleicht Fortschritte durch Finalplatzierungen und die Hoffnung für die Fans, dass wir bei den Olympischen Spielen 2012 ähnliche Fortschritte präsentieren können wie Großbritannien bei den Olympischen Spielen in Peking.

Dies setzt aber Bewegung derer voraus, die solche Bedingungen schaffen könnten, am besten sofort und von allen: bei den Zuständigen in der Bundesregierung, beim DOSB, bei den Landessportbünden, bei den Olympiastützpunkten, beim DLV, den Landesverbänden und den Vereinen. Damit wären sicher auch veränderte Einstellungen und Überzeugungen, die Bereitschaft zu solchen Veränderungen, eine konzertierte Aktion oder vielleicht auch mehr Wissen nicht nur unserer Politiker über Spitzensport erforderlich.

von Lothar Pöhlitz