Der noch immer nicht klar definierte Aufstieg einer deutschen Jugendmeisterin

Harrer CorinnaRegensburg, 19. März 2009 (orv) – Über Corinna Harrer zu schreiben, fiele derzeit leicht. Wenn eine als B-Jugendliche auf der gleichen Strecke, den 400 m, den nationalen Titel verteidigt, könnte man durchaus Konstanz und Kontinuität im Trainingsaufbau herauslesen wollen, sozusagen exemplarisch dafür: so geht’s. Als langjähriger Trainer und Beobachter von heranwachsenden Leichtathletinnen werde ich mich bei der Beschreibung eines Werdeganges keineswegs auf einen goldenen Weg festlegen, sondern komme immer mehr zu der Ansicht, dass, je mehr ich weiß, eigentlich nichts weiß über die Kapriolen eines werdenden Körpers, so manch klug ausgedachter Trainingsansatz desweilen oft kräftig nach hinten los geht. Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, kein Talent mit dem anderen zu vergleichen. In einer gewissen Zeit des Wachsens und Orientierens scheint der menschliche Körper über eigene Schalter zu verfügen, deren Auswirkungen wir im günstigen Fall nur unterstützen können.

Zeit der Irrungen und Wirrungen – vom Eintritt ins geregelte Training mit elf bis hin zum Übergang ins Jugendaufbautraining

Nicht jede(r), der auf Anhieb gute Leistungen bringt ist ein Talent, und nicht jede(r), der anfangs hinten nachrennt, muss untalentiert sein. Das „Wollen“ geht durchaus auch ohne „Können“, umgekehrt aber nicht.

„Ein Sportlehrer hat mir vom Sichtungsbesuch des hiesigen Leichtathletikclubs erzählt und gemeint, ich sollte mich dort mal melden“, plaudert Corinna Harrer jetzt über ihren Beginn als Elfjährige bei der damaligen LG Domspitzmilch, wo sie fortan ein- bis zweimal die Woche vorbeischaute, um sich das Monstrum Leichtathletik zu verinnerlichen. Steffi Maschke, engagierte Schülerbetreuerin, nahm sie, wie alle diesen Alters unter ihre Fittiche und es wäre wohl auch nur am Rande aufgefallen, wenn sich Corinna wieder vom Training zurückgezogen hätte. Die Fluktuation in dieser Altersstufe ist groß, Ruhm und Ehre gibt es noch wenig abzuholen, schon gleich nicht in einem Club, in dem sich die Landes- und Bundesmeister die Klinke in die Hand geben. Wenzenbach, der Wohnort der zukünftigen Ausnahme-Jugendlichen lag zudem fast 20 Kilometer entfernt, der Fahrdienst der Eltern war ein unmissverständliches Muss. Mit dem Springen und Werfen hatte es die Wenzenbacherin von Vornherein nicht und die Ergebnisse nach einem Jahr waren für die dann Zwölfjährige mit einer 10.94 über die 75 m und einer 2:56 über 800 m nicht unbedingt berauschend. Anscheinend aber hatte das Mädel trotzdem genügend Lust, der Leichtathletik weiter zu frönen. Im nächsten Jahr schon manchmal bei den „Großen“, der Anschlussgruppe der 14- bis 16-Jährigen schnuppernd, fiel bisweilen ihr schneller Fuß auf . Beim mitgemachten Lichtschrankentest über 30 m lieferte sie eine Zeit um 3,7 sec ab. Von einer 10,05 über 75 m, über eine 2:29 für die 800 m, einem 4,28 Weitsprung und einer 60 m Hürdenzeit von 11,17 reichte die Palette des Jahres 2004. Immer noch nicht genug, sonderlich im Talentschuppen der Domspitzler aufzufallen, auch wenn über die „Langstrecke“ 100 m schon eine 13,26 zu verzeichnen war. Auch das Jahr 2005 sollte dann jedenfalls als nunmehr W14-Athletin bei weitem noch nicht den Durchbruch bringen, obwohl eine 100 m Zeit von 12,96 gelang, die Sache der Grundlagenausdauer aber erhebliche Sorgen bereitete. 2:35 waren eine recht unbefriedigende Leistung für die 800 m, aber wenn man weiß, was dahinter steckte, leicht zu erklären. Das Mädel bekam schlicht und einfach zu wenig Luft beim Sport, Belastungs-Asthma nannten es die Ärzte und auch jene im Sport bewanderten wussten wenig Rat. Im Übrigen, eine Erscheinung die in all den folgenden Jahren bei sich entwickelnden Schülerinnen noch öfter auftreten sollte. Mit viel Geduld und vielen Krankheitsschüben dazwischen erreichte Corinna Harrer die W15 und im Sommer des ersten B-Jugend-Jahres war dann dieser Atemnot-Spuk restlos überwunden.

Das Coming out – am Beginn des Jugendaufbautrainings

Der Werdegang einer/s Pubertierenden ist nur bedingt beeinflussbar. Man kann nur hoffen, dabei zu sein, wenn der Zug abfährt. Ableitungen auf Trainingsreize sind eher zufällig.

Corinna HarrerSchnell war Corinna Harrer geworden, in jenem Winter 2005/06, trainingsfleißig zudem mit drei Kerneinheiten in Regensburg und zweimaligen Grundlageneinheiten zu Hause. Da die „Schnellen“ in diesem Alter innerhalb unseres Trainings auch viele Einheiten mit den „Langsamen“ abspulen, lernte die 100 m Läuferin auch die Trainingsstrecke hoch oben am Berg, die Winzerer Höhen, mit ihrem selektiven 3,4 km langen Rundkurs zur Genüge kennen. Ob sie den anfangs gemocht hatte, darüber schweigt sie sich jetzt aus, doch wer in dieser Trainingsgruppe arbeitet, muss da eben durch. „Nur die Harten kommen in den Garten“, so der in solchen Fällen immer wieder fallende Spruch ihrer jetzigen Freundin und zuweilen auch Trainingspartnerin Susi Lutz, die einen ähnlichen Weg gegangen ist. Von einer ersten Crosssaison konnte aber trotz Teilnahmen an Wettbewerben im tiefen Geläuf noch lange nicht die Rede sein. Keiner, aber auch keiner störte sich daran, weil das erweiterte Umfeld sowieso von einer Sprinterin Corinna Harrer ausging, erst recht dann, als die Kleine im Nürnberger Stadion anlässlich der Bayerischen Schülermeisterschaften einen echten Knaller rausließ. Doppelmeisterin über 100 m und 300 m mit guten 12,33 und 40,24 und auch bei den Deutschen Jugendmeisterschaften durfte die Wenzenbacherin erstmals schnuppern. Mit Fast-Bestzeit von 57,88 verfehlte sie dort den Endlauf über 400 m der weiblichen Jugend-B um die Winzigkeit einer Hundertstel. Somit hatte sie die Feuertaufe aller überdurchschnittlich begabten Domspitzmilch-Jungtalente bestanden: Im letzten Schülerinnen-Jahr schon einmal bei den nationalen Titelkämpfen dabei zu sein. Jenseits der 400 m Stadionrunde ging in diesem Jahr gar nichts, siehe Krankheitsgeschichte weiter oben.

Zwei sehr erfolgreiche Jahre bei der weiblichen Jugend B, aber noch keine Streckenorientierung

Vielfalt im Training muss nicht Mehrkampf heißen. Vielfalt sollte sich aber immer im Bearbeiten des Grundlegenden zeigen.

Corinna HarrerDas Wintertraining 2006/07 ließ sich hervorragend an. Die Inhalte wurden qualitativ, aber auch quantitativ leicht gesteigert. Die Trainingshäufigkeit betrug nun in der Regel sechs Einheiten pro Woche. Die stets gemessene Grundschnelligkeit (mit 30 m fliegend vollelekronisch via Lichtschranke) verbesserte sich leicht, die Gesamtkonditionierung erheblich. Der starke Eindruck im Ausdauerbereich, den die Regensburgerin beim Talente-Cross Ende November in Darmstadt (da noch als W15-Athletin) mit einem sechsten Platz aufzeigte, konnte im Verlauf des Winters nicht immer aufrecht erhalten werden. Hallenstarts bei den Landesmeisterschaften zeigten bei Beginn des neuen Jahres jedoch noch die erwarteten Lücken in der Laktatverträglichkeit bzw. in der Schnelligkeitsausdauer. Ein Start bei den nationalen Jugendhallenmeisterschaften stand sowieso nicht zur Debatte, ein mannschaftsdienlicher Einsatz bei den jeweiligen Crossmeisterschaften scheiterte an einer unspezifischen Verletzung (im Schulsport zugezogen). Atembeschwerden traten nur noch sporadisch auf. Der Aufbau für die Sommersaison wurde diesmal in erster Linie in Richtung Schnelligkeit und Schnelligkeitsausdauer gelegt, wobei bis Mitte Juni nur befriedigende Ergebnisse erzielt werden konnten, dokumentiert durch eine nur geringe Steigerung der 400 m Bestzeit auf 57,06 und den „Ehrenplätzen“ bei den Landesmeisterschaften. Erst die Staffeleinsätze über 4x400 m (DM in Erfurt) bzw. 3x800 m (Süddeutsche B-Jugend in Regensburg – unmittelbar vor den Deutschen Jugendmeisterschaften ) zeigten im Verbund mit dem Meisterschafts-Tapering, dass Corinna Harrer einen Leistungssprung gemacht hatte. Dies bestätigte sich dann auch auch mit 400 m Bestzeit im Vorlauf der DJM und dem überraschenden Gewinn im Endlauf in der ersten 55er-Zeit (55,88). Die logische Folge war die Aufnahme in den C-Kader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (Langsprint).

Damit verbunden war auch die Aufnahme der Athletin in die regelmäßigen Leistungsdiagnostiken des Vereins (Ende September- Ende Dezember – Anfang März). Die VP1 des Wintertrainings 2007/08 verlief im Grunde wie im Vorjahr. Lediglich die Qualität des aeroben Trainings sowie die Häufigkeit der Crosswettkämpfe wurde gesteigert. Erster Überraschungseffekt: Bei der Cross-EM Quali für die U20, Ende November in Darmstadt lag sie nur 15 Sekunden hinter der letzten qualifizierten Läuferin. Der obligatorische Hallentest in der dritten Woche des Januars verlief trotz fehlender spezieller Vorbereitung mit dem Sieg bei den Landesmeisterschaften (400 m wJB) in 56,66, einem zweiten Platz über 800 m in 2:13 und einer 25,70 über 200 m auf allen Distanzen zufriedenstellend. Also ab in die Crossläufe, hieß erneut die Devise für den Rest der Wintersaison. Man kann nicht behaupten, dass Corinna vor den Starts über teilweise mehr als fünf Kilometer nicht gehörig Bammel gehabt hätte, die leistungsdiagnostischen Werte gepaart mit den Eindrücken vom Training und den dann gezeigten Leistungen ließen aber die Vermutung zu, dass auch dieser Bereich ihr liegen würde. Den Beweis lieferte sie mit einem für eine „Langsprinterin“ ungewöhnlichen Lauf über 3,8 km bei den Deutschen Crossmeisterschaften in Ohrdruf nach. Lange Zeit das Rennen bestimmend, musste sie sich erst als knapp geschlagene Zweite ganz am Ende beugen, immerhin aber war sie genauso schnell wie die Spitzengruppe der weiblichen Jugend A.

Corinna HarrerWas die 17-Jährige dann in der Sommersaison auf allen Strecken zwischen 200 m und 3000 m auf die Bahn zauberte, war vom Feinsten und auch das Ziel, den Titel über 400 m zu verteidigen, wurde mit Jahresbestzeit erreicht. Nun aber zunächst einmal der Reihe nach. Die Saison begann Mitte Mai mit einem Ausdauertest über 3000 m und der recht beachtlichen Debütantinnenzeit von 10:05,73, wobei sie immerhin die spätere deutsche B-Jugendmeisterin über diese Distanz, Regina Högl aus Ergoldsbach, deutlich schlug. Der erste klare Fingerzeig auf eine eklatante Steigerung über 800 m folgte dann bei der heimischen Gala Anfang Juni im Uni-Stadion. Als Zweite des Frauenrennens überquerte sie mit 2:07,48 den Zielstrich, um dann kurze Zeit darauf das Junioren-WM-Ausscheidungsrennen in Mannheim mit einer 2:09,09 deutlich zu versemmeln. Eine mögliche Qualifikation war aber schon im Vorfeld ausgeschlossen worden, egal, wie schnell das Rennen auch ausfallen würde. Dem Umfeld-System Harrer erschien ein WM-Einsatz, noch dazu in der noch älteren U20, zu früh. Nach einem Intermezzo bei den Bayerischen Jugendmeisterschaften mit den Titelgewinnen (U18) über 200 m – da mit Jahresbestleistung bei Gegenwind mit 25,14 – und 400 m, wurde ihr nächstes Highlight praktisch aus der Not geboren. Nachdem der Jugendstaffeleinsatz bei der DM in Nürnberg durch die WM-Nachnominierung ihrer Teamkollegin Julia Kick geplatzt war, entschloss man sich zum Einzelrennen bei den Frauen. Unter nicht gerade günstigen Bedingungen blieb die Regensburgerin zum ersten Mal unter 2:07 und erreichte mit ihren 2:06,95 den Endlauf. Dort belegte sie mit einer fast identischen Leistung – handgestoppte 2:06,9, weil die offizielle Zeitnahme ausgefallen war – den siebten Platz.

Den Saisonhöhepunkt gestaltete sie dann wie im Vorjahr souverän und überlegen: Erfolgreiche Titelverteidigung im Berlin über die 400 m in 55,18, ein toller Staffeleinsatz bei den Deutschen Juniorenmeisterschaften in Recklinghausen mit einer „fliegenden“ Zeit unter 54 Sekunden in der auf Platz vier einlaufenden Telis-4x400m-Staffel und ein überlegener U18-Länderkampfsieg (Polen-Deutschland) auf der Stadionrunde. Zwischen Staffeleinsatz und Länderkampf erfolgte dann auch noch das von langer Hand geplante Debüt über 1500 m in Neustadt/WN. In einem gleichmäßig geführten Rennen erzielte Corinna Harrer mit 4:28,08 auf Anhieb eine neue deutsche Jahresbestleistung (U18) und lag damit urplötzlich über vier Sekunden vor dem gleichaltrigen Rest Deutschlands.

Weiterhin Langsprint-Kader, aber auch Crossambitionen

Jede Jahreszeit hat seine Trainingsziele. Wenn man keine Hallensaison laufen will, steht im Herbst eben die Grundlagenausdauerausbildung im Vordergrung. Es besteht grundsätzlich kein Verbot bei entsprechendem Können hier auch die Spezialistinnen herauszufordern, zumal der Cross verpatzte Rennen nicht mit schlechten Zeiten abstraft.

Corinna HarrerDie Weichen für die Kaderzugehörigkeit wurden schon bei der DJM gestellt. Angesichts der dringenden Notwendigkeit, auch in den nächsten Jahren noch sprintschneller zu werden, fiel der Entschluss für den Langsprint-C-Kader relativ schnell, was die Gymnasiastin aber nicht hinderte sich zu Beginn des Wintertrainings zunächst einmal der Grundlagenausdauer zu widmen, wie in den Jahren zuvor auch schon. Inzwischen kann festgehalten werden, dass es auch hier kräftig vorwärts ging. Jene ominöse vL3, die sogenannte Schwellengeschwindigkeit, war wieder einmal ins Blickfeld ihrer Trainer gerückt und die Regensburgerin nahm die Herausforderung an. Deutliche Fortschritte im Training konnte sie bei ihren ersten beiden Crossläufen in Pforzheim bzw. Darmstadt in zwei Siege in der U18 umsetzen. Was aber noch viel wertvoller war: Corinna Harrer war auf Augenhöhe der besten deutschen U20-Langstrecklerinnen angekommen. So war denn ihr vierter Gesamtplatz von Darmstadt gleichbedeutend mit der Qualifikation für die Cross-Europameisterschaften Mitte Dezember in Brüssel. Für eine, die eigentlich Kandidatin für einen 4x400 m Start bei den nächsten U20-Europameisterschaften sein soll, ist das ein absolut ungewöhnlicher Einstieg ins internationale Geschäft. Mit einem 23. Platz bestand sie die Feuertaufe glänzend, wobei die Regensburgerin wie immer schon traditionell mit der Startphase Probleme hatte (nach dem ersten Kilometer lag sie an Position 58). Die darauffolgende Leistungsdiagnostik über 6x2000 m auf dem Laufband entsprach sowohl den Trainingseindrücken als auch den bisher gezeigten Leistungen. Ein kurz daraufolgender Leistungstest beim Langsprintkaderlehrgang in Erfurt über 6x800 m bestätigte das Ergebnisse und fiel nur im vL3-Bereich erwartungsgemäß ein wenig besser aus. Ohne Schwerpunkt in der Schnelligkeitsarbeit konnte sie mit ihren Kaderkolleginnen auch hier bestens mithalten. Mit dem Titelgewinn bei den Deutschen Crosslaufmeisterschaften im März 2009 über 3,1 km der weiblichen Jugend A wurde die erste Vorbereitungsphase erfolgreich abgeschlossen. Drei Wochen vorher gelang ihr ohne spezielle Vorbereitung bei den Deutschen Hallenmeisterschaften als Vierte bei den Frauen schon eine Steigerung ihrer Sommerbestzeit auf 4:27,71.

Rückschlüsse und Folgerungen

Den individuellen Werdegang der Corinna Harrer exemplarisch zu verallgemeinern würde nicht unserer Philosophie entsprechen. Auf dem Weg vom Schüler- bis zum Leistungstraining stehen für uns immer die individuellen Eigenheiten eines Athleten/einer Athletin im Vordergrund. Ein Idealbild gibt es nicht, vielmehr steht die optimale Auslastung der individuellen Begabungsressourcen im Vordergrund.

Um dies zu verwirklichen ist Grundsätzliches einzuhalten:

- eine rechtzeitige, sich immer in Abständen wiederholende Leistungsdiagnostik aller konditioneller Grundfaktoren (Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und deren Mischformen)
- die allgemeine Weiterförderung bis zum Ende des Jugendaufbautrainings aller dieser Grundfaktoren
- das Hinausschieben einer Disziplinspezialisierung bis zum gleichen Zeitpunkt, wobei im Jugendaufbautraining den Begabungsschwerpunkten vermehrte Förderung zukommt und der Disziplinblock hier in der Regel schon vorliegt.

So hat sich bei uns auch mancher Jugendliche von „lang ausdauernd“ zu „schnell ausdauernd“ entwickelt (vom Crosslauf zu den 400 m hin) und unser derzeit größtes Nachwuchssprinttalent wurde innerhalb eines Schulcrosslaufes im Alter von 11 Jahren entdeckt. Regional gesehen reibt sich natürlich jeder Sprinttrainer die Hände, wenn er eine 15-Jährige mit nicht speziell vorbereiteten 12,33 über die 100 m in die Hände bekommt. International reicht dies allerdings spätestens anfangs der Jugendjahre nicht mehr, um mitmischen zu können. Bedient jener Trainer nun die konditionelle Vielfalt nicht, bleiben „Ausdauertalente“ der sogenannten Schnellen ganz schnell auf der Strecke.

Man sollte sich nichts vormachen: Ausdauer entwickelt sich auch bei Ausdauerbegabten nur, wenn qualitativ (also bei den entsprechend hohen Geschwindigkeiten im Bereich von Laktat 3-6) und quantitativ mit entsprechenden Umfängen gearbeitet wird. Spätere internationale Klasse heißt auch, den international hohen Trainingsstandard bedienen zu können.

Wenn die Trainingsquantität nicht rechtzeitig und regelmäßig über viele Jahre kontinuierlich weiterentwickelt wird, wird der Körper die späteren Anforderungen schlecht tolerieren, das heißt im Normalregelfall mit endlosen Verletzungsserien antworten. Allein im Aufbautraining innerhalb unserer Gruppe zeigt sich das immer wieder überdeutlich. Die im eigenen Stall großgewordenen Talente überstehen die alljährlichen Trainingssteigerungen in der Regel ohne große Verletzungen. Die oft sogar höher talentierten Neuzugänge (also Quereinsteiger im System), tun sich mit Qualität als auch Quantität desselben Trainings enorm schwer, Verletzungen jeder Art treten immer wieder auf, Physios und Ärzte haben alle Hände voll zu tun. Mit 21-23 Jahren müssen aber beide Gruppen dort ankommen, wo Leistungs- bzw. vielleicht Hochleistungstraining erst beginnt. Auch eine Corinna Harrer ist dort noch nicht angekommen, wir wissen nicht, wieviel genetisches Potential welche Entwicklungen in den nächsten drei Jahren noch möglich macht. Welchen Leistungsstatus sie dann haben wird, kann derzeit noch keiner voraussagen. Nachdem sich aber deutliche Anzeichen einer hohen Talentierung gezeigt hat, hoffen wir, wenigsten bei ihr die Basis für ein späteres Hochleistungstraining auf hohem Niveau geschaffen zu haben. Grundsätzlich glauben wir, dass in so mancher mittelmäßig begabten „Schnellen“ durchaus eine hochbegabte Langstrecklerin stecken kann. Die Antwort ist nur über komplexes Training zu erhalten, weil alle Grundlagen zu ihrer Weiterentwicklung die entsprechenden Reize brauchen.

Wer nicht schnell trainiert, wird am Ende seine Schnelligkeit verspielen, wer die Ausdauer nicht immer wieder fördert, dem wird recht bald die Luft ausgehen und wer sich nicht mit der Kraft beschäftigt, wird schon bald kraftlos am Rande sitzen. Letzendlich müssen in allen Bereichen Reize riskiert werden, die immer wieder über das Bestehende hinausgehen, um am Ende siegreich zu sein. Trotz all den guten Perspektivansätzen darf aber eines nicht vergessen werden: Der/die jeweilige Athlet/In kann nur das leisten, was die Spannweite zwischen absoluter Grundschnelligkeit und maximaler Grundlagenausdauer ausmacht.

von Kurt Ring