Bayerns Leichtathleten ragen bei den Junioren heraus, bei den Erwachsenen machen sie sich rar
von Michael Gernandt, erschienen auch in der SZ vom 1. April - mit freundlicher Genehmigung des Autors

München, 6. April 2009 (gernandt) - „Aufbruch" ist in diesem Jahr, da in Berlin die Weltmeisterschaft stattfindet, unter deutschen Leichtathleten das geflügelte Wort schlechthin. Dass es auch die Bayern gern in den Mund nehmen - eine Selbstverständlichkeit. Nur, wie die von der Stimmung im Lande profitieren können, bedarf noch der Klärung. Bayerns aktiven Beitrag zu den Ereignissen im August muss man derzeit eher schmal bemessen, bestenfalls auf dem Niveau von 2008, als lediglich zwei Athleten aus bayerischen Klubs, die Sprinterin Verena Sailer (inzwischen in Mannheim) und der Stabhochspringer Tim Lobinger, bei den Spielen in Peking starteten; und nur fünf in die Medaillenränge bei der deutschen Meisterschaft 2008 vorrückten.

Dass sich die bayerische Leichtathletik in der Klasse der Erwachsenen bundesweit derart rar macht, ist fast ein Phänomen, zumindest aber ungewöhnlich angesichts ihrer herausragenden Stellung im Bereich der Nachwuchsathleten. Mit ihnen rangierte der Bayerische Verband BLV - 150.000 Mitglieder, darunter 60.000 Jugendliche/Nr. 2. im deutschen Verband DLV - 2008 auf Platz eins im Bundesgebiet. Welche Zukunftsperspektiven sich aus dieser seit einigen Jahren zu registrierenden Diskrepanz ergeben und wie sie zu begründen und zu beheben ist, hat der BLV jetzt unter anderem bei einer Regionalkonferenz in München herausfinden wollen.

Um es vorweg zu nehmen: Die Ursachen für ihr „Luxusproblem" (BLV-Online) wurden erkannt, Lösungen indes nicht mitgeliefert; zu komplex die Gemengelage - und zu gering das Interesse an dieser Problematik? Nur zwölf von 130 Teilnehmern der sonst beifällig aufgenommenen Konferenz wollten in einem Workshop das Dilemma hinterfragen. Derlei belegt, was BLV-Präsident Karl Rauh an anderer Stelle so formuliert hat: „Der BLV fühlt sich nicht zuständig für die Weiterförderung der Athleten". Soll heißen: Laut Fördervertrag muss sich der Verband nur um die Fortbildung der Jugend kümmern, nicht um deren Anschluss an die Erwachsenenklasse. Das sei Aufgabe des DLV, sofern es sich um Kaderathleten handelt, und der Vereine. Von Zentren in München, Regensburg und Fürth abgesehen verfügen die Klubs aber meist nicht über die notwendige Infrastruktur (Geld, hauptamtliche Trainer, Sportstätten). Ihre Ambitionen reichen deshalb nur bis zur Landesmeisterschaft. Vereinsübergreifende Trainingsangebote des BLV an Stützpunkten werden nicht immer angenommen.

Handicap Nummer eins für ein erfolgreiches Andocken Jugendlicher an die Sportwelt der Erwachsenen, fand der beim leitenden Landestrainer Dietmar Günther diskutierende Zwölferkreis heraus, ist die Vereinbarkeit von Berufsausbildung/Studium und Leistungssport - ein bundesweit und nicht nur in der Leichtathletik existierendes Problem. Referent Eike Emrich, Vizepräsident im DLV, forderte gar, dem Athleten ein „Lifetime-Spektrum" anzubieten. Weil die so genannte duale Karriereplanung vielen jedoch zu riskant ist, fällt die Dropout-Quote hoch aus. „Es darf aber nicht sein, dass nach der A-Jugend Schluss ist", wetterte Andreas Krämer vom Team Wendelstein. Dietmar Günther vermutete, 18-Jährige könnten, da zu früh auf Leistung getrimmt, bereits satt sein, wenn sie die Jugendklasse verlassen.

Im Kummerkasten der bayerischen Leichtathletik noch entdeckt: Klagen über eifersüchtige Vereine (Krämer: „Schubladendenken") und die Zusammenarbeit zwischen Heim- und Landestrainern. BLV-Athletensprecherin Simone Langhirt bestätigte einen „Spalt" zwischen den Trainergruppen. Es sei, war allenthalben zu hören, in der bayerischen Leichtathletik zu viel Egoismus im Spiel. Den aber will DLV-Sportdirektor Jürgen Mallow nur jungen Sportlern zugestehen: bei der Verfolgung ihrer sportlichen Ziele.

von Michael Gernandt