Wer zum Gipfel will, muss viele Täler durchschreiten

Susi Lutz beim internationalen Meeting in Luzern (Lutz-Foto)Regensburg, 28. Dezember 2008 (orv) – Ich würde es mir zu einfach machen, die Entwicklung junger Läuferinnen immer nur dann zu beschreiben, wenn es eine Erfolgsstory ist. Im Falle Harrer ist derzeit keine Fortsetzung möglich, weil sie sich noch immer auf den sattgrünen leichten Anstiegen zum Gipfel befindet, angetrieben von einem sich noch stark entwickelnden eigenen Organismus. Um nun mit der Geschichte weiterfahren zu können, will ich ganz einfach die Athletin wechseln, die Zukunft mit der erlebten Gegenwart einer anderen Person austauschen. Wer würde sich da besser eignen als Corinna Harrers derzeit beste Freundin Susi Lutz, deren B-Jugendjahre fast identisch verliefen: national fast ohne Konkurrenz, in jungen Jahren schon den Etablierten die Stirn bietend, schnell im internationalen Geschäft.

Fortschritte, die nicht mehr wahrgenommen werden

Der Grad des Misserfolges oder auch des Erfolges wird immer festgelegt von den Wünschen und Vorstellungen der periphär betrachtenden Öffentlichkeit mit geringer Rücksichtnahme auf die individuellen Möglichkeiten des jeweiligen Athleten

U20 EM 2005 (Lutz-Foto)Noch vor einer Woche hatte sie bei den Junioren-Europameisterschaften in Kaunas für Deutschland die einzige Laufmedaille geholt, über die 3000 m Hindernis in einem beherzten Rennen bis auf eineinhalb Sekunden auf Gold heranlaufend und jetzt war alles schon wieder Makulatur. Die Schwierigkeit, einen Titel zu verteidigen, meisterte sie bereits in der B-Jugend bestens, mit der Favoritenrolle leicht und locker umgehend. Spätestens dann ist man mit Silber in der Hand ein Looser. Und doch war an jenen Meisterschaftstagen in Braunschweig bei den Deutschen Jugendmeisterschaften 2005 für Susi Lutz alles ganz anders. An der Leere nach einem großen Erfolg lag es nicht, vor der erfahrene Trainer immer warnen und sich deshalb auch vor nationalen Titelkämpfen nach dem internationalen Höhepunkt stattfindend fürchten. Die Regensburgerin war topfit und hatte auch im Rennen über die 2000 m Hindernis (fast) alles richtig gemacht. Ein forscher Angang, eine gute zweite Runde, der kleine Abstand zur Dauergegnerin Julia Hiller war da – dann der klitzekleine mentale Aussetzer, die Geschwindigkeit unmerklich zu drosseln. Die Verfolgerin konnte den Rückstand gleich halten, aufholbar mit wenigen schnellen Metern im finalen Spurt. Dass am Ende die geschlagene Susi Lutz auch noch vier Sekunden schneller war, als der bisherige deutsche Jugendrekord, interessierte da schon niemand mehr. Der Erfolg kennt keine Zweite. Was aber viel fataler war: Wettkämpferin Lutz verspürte erstmals ihre sportliche Verwundbarkeit und jene immer deutlicher werdende Wahrheit, dass ihre Rennen eben nicht ein lustiges Spiel mit Gegnerinnen sind, denen man in den letzten Runden nur davonlaufen muss. Sie hatte den echten Wettkampf kennengelernt mit einer Siegern und vielen Verlierern. Zu den letzteren gehörte sie an diesem Tag auch. Und das sollte noch lange in ihrem Hinterkopf herumschwirren, obwohl sie in den nächsten drei Jahren weiterhin erfolgreich blieb, bei nationalen Titelkämpfen jedes Jahr auf dem Treppchen stand und ihre sportliche Leistungsfähigkeit zwar nicht mehr so schnell, aber ständig weiterentwickelte.

Den sich entwickelnden Körper unterstützen, den entwickelten Körper fordern

Wenn der Körper wächst, Lunge und Herz immer kräftiger werden, macht es wenig Mühe, das ständig von selbst größer Leistungsvermögen durch behutsames Trainer zum jeweiligen Höhepunkt zu führen. Irgendwann geht aber jede Entwicklung zu Ende. Jene bisher angewandten eher sanften Reizgrade verlaufen nun im Sand. Um weiter zu kommen, muss der Körper nun gefordert werden, streng genommen sogar immer leicht überfordert werden, um jene gewünschten Reaktionen nach immer größerer Leistungsfähigkeit erzielen zu können. Die Konsequenz, dass dies alles aber zunächst einmal große Müdigkeit mit einem unmittelbaren Leistungstief nachzieht, wird für den Athleten jetzt zur neuen Erfahrung.

DM Jugend 2005Die bisher so unbeschwert laufende Regensburgerin war jedenfalls nach dem Braunschweiger Meisterschaftserlebnis nicht mehr die alte. Sie war auf dem Weg vom Talent zur Athletin, sozusagen im Steilstück zum Gipfel. Die Abschnitte wurden schwerer, steiniger mit so manchem Fehltritt gepflastert. Zudem verlangte ihr noch junges Leben nach Entscheidungen: zu Hause bleiben oder eine eigene Wohnung suchen – der höhere Schulabschluss – was soll ich studieren – die erste große Liebe und alle Enttäuschungen, die dazu gehören. Das nahm Zeit und Raum ein, mehr als der immer noch sehr zarte Körper in Verbindung mit einem harten Leistungstraining wegzustecken vermochte. Nichts war mehr beständig wie in den zurückliegenden Jahren, nur die regelmäßig auftretenden Infekte, die ein Leistungssportler so überhaupt nicht brauchen kann. Erinnert sei da nur an die letzten beiden des Jahres 2006. In den Tagen vor den Deutschen Männer- und Fraunemeisterschaften zu Ulm befand sich Susi in der Form ihres Lebens, am Vorabend des Meisterschaftslaufes lag sie dann mit fast 40 Grad fiebernd im Bett. Die vierzehn Tage später stattfindenden Deutschen Jugendmeisterschaften erlebten eine Läuferin, deren Kräfte mal eben reichten, um der erneut Rekord laufenden Julia Hiller in der Anfangsphase die Pace zu machen. Ihr Ergebnis: ein ehrenwerter zweiter Platz mit inakzeptabler Leistung, die eher einer persönlichen Demütigung gleich kam. Die Fahrt zu den U20-Weltmeisterschaften nach Peking, ein Trip mit unzähligen Unbekannten. Dass für viele die Traumreise zum Trauma wurde, daran war der Verband nicht ganz unschuldig. Fahrlässig hatte man ein Vorquartier gebucht, das eben nicht den hygienischen Maßstäben von Mitteleuropäern entsprach. Die Folge: Montezumas Rache schlug bei zwei Drittel der deutschen Nachwuchsmannschaft gnadenlos zu und mittendrin die Regensburgerin. Im Gespräch mit der verantwortlichen Verbandsärztin bewies sie dann erstmals menschliche Größe: Sie entschied sich als einzige für ihre Gesundheit und gegen einen Einsatz für ihr Vaterland. Sie hatte in diesem Moment ganz einfach ihre eigene Meinung zu ihrem angeschlagenen Körper, die sie laut und deutlich artikulierte, was sie in der Folgezeit noch öfters tat und ihr fast nie zum Vorteil gereichte.

Der Einstieg in die All-Kategorie der Frauen – vom Jäger zur Gejagten

Als Jugendliche kämpfst du immer gegen Gleichaltrige. In der Erwachsenenklasse triffst du auf das geballte Potential, das Lauf-Deutschland eben zu diesem Zeitpunkt zu bieten hat: die Frühentwickler aus den Jugendjahrgängen, zu denen du selbst einmal gehört hast, die Etablierten mit konstanter Leistungsfähigkeit, die Quereinsteiger, die vor einem Jahr noch keiner kannte, die Comebackler nach Was- auch-immer-für-Pausen, die wackeren Seniorinnen im x-ten Lauffrühling und auch leider diejenigen, die ihrem natürlichen Leistungsvermögen ein wenig unerlaubt nachhelfen

DM Cross 2007 (Kiefner-Foto)Wenn eine Athletin in den Jugendjahrgängen vier Jahre lang vorne mitbestimmt, bisweilen schon in der Frauenklasse aufmischt, wird sie bei dem Mangel an hochwertigen Nachwuchsläuferinnen, sehr bald als Hoffnungsträgerin gehandelt, intensiv beobachtet und auch so gewertet. Wenn der Einstieg in der Frauenklasse dann so gelingt, wie es Susi Lutz bei der Cross-DM 07 in Ohrdruf gelang, wo sie im Erwachsenenfeld sofort auf Platz sechs einlief, wird ganz schnell aus einer Jägerin eine Gejagte. Die noch vor ihr postierten Läuferinnen sind meist zu hochkalibrig, um für sie selbst als echte Beute in Betracht zu kommen. Das Ziel für den Sommer war klar formuliert: Die Teilnahme an den U23-Europameisterschaften in Debrecen, eine 10:08 war dazu notwendig, dazu natürlich auch eine Steigerung ihrer Hindernisbestzeit um fast sieben Sekunden. Ursprünglich als internationales Auftaktrennen tituliert, mutierte der Lauf in Dommelhof dann zur eigentlichen Qualifikation. Die dort erzielten 10:05,93 hätten von der Zeit her locker gereicht, die Tatsache aber, dass Caro Lang sie praktisch im Ziel überspurtete, erforderte einen Zweitanlauf, eine Woche später bei der heimischen Gala in Regensburg, dem eigentlich für die Qualifikation vorgesehenen Rennen. Caro Lang, traute sich innerhalb einer Woche kein zweites starkes Rennen zu, und trat nicht an. Die Regensburgerin lag wieder bis 150 Meter vor dem Ziel auf Kurs, am Ende fehlten bei 10:07,06 lumpige eineinhalb Sekunden bei weit schlechteren Verhältnissen wie zuvor in Belgien. Die Ziele wurden nun umformuliert, die DM in Erfurt stand im Vordergrund, alles andere spielte keine Rolle mehr. So ist auch ihr Defizit an weiteren persönlichen Bestleistungen zu dieser Zeitphase zu erklären. Bestens gerüstet fuhr die Sinzingerin ins Thüringische, um hinter den beiden hohen Favoritinnen Verena Dreier und Julia Hiller erneut zur Jagd nach Edelmetall zu blasen. Dreier und auch Hiller preschten wie die Feuerwehr, mit der WM-Normzeit vor Augen, los, um sich dann auf der zweiten Hälfte gewaltig zu verpokern. Die 10:11,47 der späteren Siegerin Hiller sind nur ein kleines Indiz für ein an Dramatik kaum zu übertreffendes Rennen. Für Susi Lutz hätte es ein zweites Kaunas werden können. Anfangs klug auf Position vier laufend, setzte sie wie zwei Jahre vorher im Baltikum bei Streckenmitte zur großen Aufholjagd an. Aus hundert Meter Rückstand auf die Führenden wurden ganz schnell achtzig, dann siebzig und sechzig. Doch Erfurt war eben nicht Kaunas, obwohl auch dort die Hindernisse nur 76 Zentimeter maßen. Eines davon, genau jenes nach dem Ziel, konnte die Regensburgerin wohl nicht leiden. Deren linkes Knie krachte voll auf die harte Holzkante, und führte zum unmittelbaren Sturz und zum Ausscheiden. Nichts war es aus der Jagd nach vorne geworden, die restliche Saison nur noch ein Einmerkerl bei den Ende in August stattfindenden Deutschen Juniorenmeisterschaften in Hannover. Das Trostpflaster: wenigstens noch einmal Bronze über die 3000 m Hindernis mit unbedeutender Zeit, aber eben Bronze. Am Vortag der Medaille hatte sie auch wieder einmal die 5000 m unter die Beine genommen. Doch auch dort blieb ihr das Pech treu. Nach starker Schlussrunde fehlten ihr als Fünfte bei 16:56 gerade mal eine Sekunde für’s Trepperl. Ihren internationalen Einsatz hatte Susi Lutz dann doch noch: Als zweitbeste deutsche U23-Athletin schlüpfte sie ins Nationaltrikot bei der Mitte Dezember im spanischen Toro stattfindenden Cross-EM, wo die Trauben aber besonders hoch hingen. Mehr als ein 54. Platz war nicht drin.

Es war weitergegangen bei Susi Lutz, ihr Körper inzwischen ausgewachsen, die fehlende Schubleistung des eigenen Körpers durchaus selbst bemerkend. In den entscheidenden Rennen fehlte aber dann immer das nötige Quäntchen Glück zum Erfolg. Der Athlet/die Athletin läuft im Misserfolg – und dazu reicht oft schon ein verpatztes Rennen im falschen Moment – eben nicht für ihren Landesverband, für den DLV oder eben Deutschland – er/sie rennt plötzlich gegen seinen eigenen Körper an. Rolf Ragnick, der derzeitige Erfolgstrainer des Senkrechtstarters TSG Hoffenheim hat dazu Bemerkenswertes gesagt, als vor Jahren sein erstes Bundesliga-Team, der VfB Stuttgart, eine Krise durchlebte. Seine Aussage war schlicht und glasklar – eine Absage an all die seriösen und unseriösen, wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Ansätze, mit denen man im Sport bestimmte Entwicklungen zu erklären versucht. Seine Botschaft: Manche Dinge kann man nicht erklären; wenn es nicht läuft hilft einfach nur warten. Eine zweimalige Olympiasiegerin Ulrike Meyfahrt musste dies nach ihrem ersten Höhenflug, 1972 in München, ein ganzen Jahrzehnt tun.

Weiterhin auf der Suche nach dem, was sie wirklich kann

Es ist ein Kunststück, sechs lange Leistungsjahre ohne ernsthafte Verletzung zu überstehen. Diese Aussage ist aber auch als klare Ansage für jene zu verstehen, die von sich glauben alles selbst im Griff zu haben. Im stets defizitären Hochleistungssport muss man jedem Umfeldzulieferer auf Knien danken, für den Service, den dieser - meist kostenlos - zur Verfügung stellt. Das oben beschriebene Kunststück konnte nur gelingen, weil der Olympiastützpunkt mit den Herren Dr. Frank Möckel und Philipp Weishaupt mit ihrem Therapie- und Diagnosezentrum im Regensburger Gewerbepark Susi Lutz stets mit Rat und Tat zur Seite standen, nicht erst dann, wenn es irgendwo gezwickt hat.

DM 2008 Nürnberg (Kiefner-Foto)Irgendwann erwischt es dann aber jede einmal. Die vierteljährige Hatz über Normwettkämpfe zu den nationalen und internationalen Einsätzen ist eine Gratwanderung. Und Susi Lutz hat immer ihre Frau gestanden. Auch in der Saison 2008, mit großen gesundheitlichen Schwierigkeiten, nach außen fast unbemerkt, intern zur nervigen Dauerproblematik werdend. Doch auch hier schaffte die medizinische Abteilung das Unmögliche: Dem System die Sicherheit gebend „sie kann weitertrainieren und auch weiter starten“ und der Athletin fast täglich bei der Reha helfend. Die Lieblingsstrecke aber musste, nach einem schönen 5000 m Auftakt in Koblenz mit neuer Bestzeit von 16:29, geopfert werden, zumindest in großen Teilen der Saison. Kein DM-Einsatz über die Böcke, dafür ein nicht ganz befriedigener sechster Platz über die zwölfeinhalb Runden, kein U23-Länderkampfeinsatz und ein völlig daneben liegender Heimeinsatz im Uni-Stadion mit schrecklich schlechten 10:25. Am Ende folgte ein furioser Wettkampfendspurt: Silber bei der Junioren-DM über die Hindernisse mit 10:12, wobei keiner der Betrachter bei schlechten äußeren Bedingungen das Gefühl hatte, dass sie auch nur annähernd im Grenzbereich gelaufen war und Bestzeit über 3000 m in 9:30,35. Das Saisonanhängsel wieder typisch für die Susi Lutz der letzten drei Jahre: beim Ausscheidungsrennen für die Cross-DM läuft sie auf dem sechsten Rang der U23-Wertung, nur wenige Sekunden hinter der Vierten und Fünften, ein. Eigentlich nach den Nominierungsrichtlinien des DLV’s ausreichend. Doch ausgerechnet in ihrer Altersklasse verzichtet der Bundestrainer wegen des schlechten Vorjahresergebnisses auf das Ausschöpfen des vollen Athletinnen-Kontingents. Ironie des Schicksals: ausgerechnet jene U23 Mannschaft sorgt in Brüssel mit Bronze für das beste deutsche Ergebnis. Gut möglich, dass auch Susi Lutz auf Grund der Unwägbarkeiten des Crosslaufs bei einem Einsatz im Medaillenteam gestanden wäre. Dass der DLV sie im kommenden Jahr für das U23-Cross-Team braucht, wurde inzwischen bestätigt: Susi Lutz wurde zur Cross-Challenge nach Lausanne eingeladen.

Rückschlüsse und Aussichten

Das individuelle Leistungsvermögen entwickelt sich jetzt nicht mehr von selbst. Trainingsreize führen zunächst einmal zur Ermüdung. Die Leistungssteigerung erfolgt verzögert, nicht mehr unmittelbar einhergehend mit den immer noch guten Fortschritten im Training. Die AthletIn befindet sich nun im schwierigsten Stück ihrer sportlichen Karriere, Fehltritte und Umwege über kleine Täler nicht ausgeschlossen. Größerer Aufwand führt nur zu kleineren Fortschritten. Der hohe Aufwand ist nun nicht mehr so einfach mit dem täglichen Leben vereinbar. Persönliche Einschränkungen für den Hochleistungssport sind unverzichtbar. Die Planung des Sportler/Innen-Lebens ist recht kompliziert und deren Optimierung kann dauern.

Bayer-Meeting 2008 (Gantenberg-Foto)Die Ziele für die kommende Saison sind schnell gefasst: Der Start bei den U23-Europameisterschaften in Kaunas. Auf Grund der etwas verwunderlichen, nicht leistungsadäquaten DLV Qualifikationszeiten (3000 m Hindernis 10:00,0 – 5000 m 16:30,00) rückt plötzlich auch die Flachstrecke in den Fokus des Interesses. Die Qualifikationsrennen werden sich unter Umständen auf jeweils nur ein Rennen minimieren. Auf Grund einer mündlichen Abmachung mit Hindernis-Bundestrainer Werner Kleiner mit dem Heimtrainer wird der dritte Dommelhof-Startplatz zwischen Verena Dreier und Susi Lutz beim 5000 m Rennen in Koblenz ausgelaufen, im übrigen auch die einzige Option für die Flachdistanz. Klappt Dommelhof nicht, geht’s erneut zur Gala in Regensburg – wieder einmal. Ausgerechnet mit dem Heimrennen hat die Regensburgerin noch nie gute Erfahrungen gemacht. Aber wie sagte so schön Ralf Rangnick: Je länger so eine Serie dauert, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie endet.

Motivation ist so eine Sache. Je enger die Kiste mit dem Erfolg, desto geringer das Selbstbewusstsein und desto größer die Selbstzweifel. Alles Dinge, die man zum Siegen nicht brauchen kann. Auch der Druck, den die die sehr hoch angesetzten 10:00 wohl ausüben sollen, hilft da wenig. Wie sagte schon mein alter Philosophie-Professor: Die, denen du was lehren willst, musst du vor allem lieben, sie nicht strafen, sondern sanft führen. Ich möchte diese Philosophie auf meine Weise erweitern. Bei allem, was wir als Trainer oder auch Verein/Verband leisten, sollten wir nie vergessen, die Athleten in den Mittelpunkt zu stellen, ihnen zu dienen. Die eigene Stellung gegenüber der Öffentlichkeit und der Medien hat da nur untergeordnete Bedeutung zu haben. Letztendlich ist eine Athletin nur dann auf Dauer erfolgreich, wenn sie hundertprozentig für sich läuft. Wie sagte so schön die zweimalige Olympiateilnehmerin Claudia Gesell sinngemäß: Ich würde es in dieser bizarren Welt des internationalen Hochleistungssport aushalten, wo du manchmal zweifeln musst, ob du gegen einen Mann oder ein Frau läufst, gegen eine saubere Konkurrentin oder eine gedopte, wenn ich den Blick nicht immer ausschließlich nur auf mein eigenes Weiterkommen richten würde. Allein das treibt mich an, weiter zu laufen.

So hoffe ich denn, dass meine Athletin Susi Lutz ihren schwierigen „Steilhang“ möglichst bald verlässt und auf ihrem ganz persönlichen Leistungshochplateau ankommt, auf dem sie ihre reichlich vorhandenen Talente auf hohem Niveau zeigen kann. Wenn es ihr gelingt à la Claudia Gesell ihre ganzen Gedanken ohne Seitenblicke auf die Konkurrenz ganz auf ihr Tun zu richten, ist sie angekommen in ihrer ganz eigenen „Bundesliga“. Ich denke, sie steht unmittelbar davor.

Kurt Ring