Im Twinset zum Rekord

München, 29. April 2009 (Michael Gernandt/Olympische Flamme 2/09) - Dass der Mensch mit seinem immanenten Drang zur Erfindung den Spitzensport gleichsam als Spielwiese für seine Experimentierfreudigkeit erkannt hat - und die Sportler als seine weißen Mäuse -, ist hinlänglich bekannt. Dabei geht es ihm, auch das ist Allgemeingut, immer nur um die eine Frage: Wie lassen sich die natürlichen Grenzen der Leistungsfähigkeit sprengen. Wohl bemerkt, es muss ja nicht immer Doping sein. Andererseits: Gerade Doping vermag den Erfindergeist aufs Trefflichste anregen – wenn mal wieder eine neue Ausrede gebraucht wird, den Positivtest zu erklären. Die Ex oder die Schwiegermutter als Giftmischerinnen sind zu empfehlen. Köstlich, köstlich.

Ein goldener Schmetterling 2009 für die originellste Ausrede gebührt aber nun erstmal der schwedischen Nixe Alshammar. Dazu sei zunächst erläutert, dass irgendein Einstein des Schwimmsports herausgefunden hatte, je mehr elastische Ganzkörperbadeanzüge jemand beim Sprung ins Wasser trage, desto besser der Auftrieb im nassen Element und das Resultat der Bemühung um dessen Verdrängung. Aus dem Klamauk um die Klamotten resultierten: 108 Weltrekorde anno 2008 und Ge-wissensbisse beim Weltverband. Der hat deshalb jetzt die Doppelt- und Dreifachbeschichtung der Athletenkörper verboten, aber offenbar vergessen, Frau Alshammar darauf aufmerksam zu machen; schwamm die Schwedin doch drei Tage nach dem Verdikt Weltrekord – mit Twinset auf der nackter Haut. Die Maskerade hat sie damit begründet, sie trage im Wasser immer doppelt auf, aus Sorge, es könnte ein Teil reißen. Jugendgefährdend dem Pool zu entsteigen sei schließlich nicht ihr Ding.

Mit Fragen wie der nach der Kleiderordnung der Schwim-mer hat sich der Spitzensport schon immer beschäftigen müssen, seine Geschichte ist voll von Versuchen, die Natur zu überlisten. Um den perfekten Auftrieb im Was-ser war es bereits 1976 gegangen, als sich deutsche Schwimmer bei den Spielen in Montreal Luft in den Darm pumpen ließen, um höher im Wasser zu liegen. Oder: Wer kennt noch Juri Stepanow und die Sache mit dem Kata-pultschuh? Der Sowjetsportler trug 1957 (nur) am Sprungbein einen Schuh mit fünf Zentimeter dicker Sohle und erreichte mit dessen Hebelwirkung Weltrekord (2,16 m). Das Hilfsmittel des Hüpfers wurde später verboten, der Rekord dennoch anerkannt. Anders endete 1968 die Angelegenheit eines weiteren Schuhwerks: Des Bürstenschuhs zur besseren Standfestigkeit auf den ge-rade eingeführten Kunststoffbelägen. Ihn trugen die amerikanischen Läufer Evans und Matthews bei ihren Rekordrennen über 400 m. Die Zeiten und die Treter landeten auf dem Index. Keine lange Lebenszeit war auch den Anzügen der Tiroler Skispringer um den Trainer/Tüftler Preiml beschieden. Ihre Montur saugte sich beim Sprung voll und trug die Protagonisten wie auf einem Luftkissen zu Tal und Sieg. Letztes Beispiel: Bei den 68er-Winterspielen erhitzten die DDR-Rodler die Kufen ihrer Schlitten mit Lötkolben. Daraus wurde ein Politikum. Es war halt Kalter Krieg.

Wie erwähnt, es muss nicht immer Doping im Spiel sein, auch wenn jetzt der Begriff Anzug-Doping die Runde macht. Und es sind die Experimente mit der Sporttech-nik nicht grundsätzlich Betrug, der liegt ja bekanntlich erst dann vor, wenn eine Regel missachtet wurde. Nein, die Befürworter ständigen Leistungsaufschwungs im Sport handeln nur nach der Devise: Erlaubt ist, was nicht verboten ist. Ob sie damit auf einem Weg der Vernunft sind, heutzutage, da jede Rekordverbesserung Argwohn auslöst, steht auf einem anderen Blatt.

mit freundlicher Genehmigung des Autors Michael Gernandt, erschienen in der Zeitschrift "Olympische Flamme" 2/09