Frauen in der Leichtathletik: Nach und nach zur Gleichberechtigung

München, 30. April 2009 (Michael Gernandt/Olympische Flamme 2/2009) - Was wohl Pierre de Coubertin, der erste Chauvinist des Olympismus, zu der Nachricht zu sagen gehabt hät-te, die im März die Runde machte: Die Russin Yelena Isinbayeva, Allesgewinnerin im Stabhochsprung und Weltrekordler daselbst, unterzeichnete einen Fünfjah-resvertrag mit dem chinesischen Sportartikelunter-nehmen Li Ning über insgesamt 7,5 Millionen Dollar. Ein solcher Kontrakt war bisher nicht im Besitz einer Sportlerin, zumindest nicht in der Leichtathletik, und auch nur ganz wenige Herren des leichtathle-tischen Daseins durften ob so viel garantierten Geldes aus einem Vertrag frohlocken. Auch wäre Coubertins Reaktion interessant gewesen auf das jüngste Vorhaben des Leichtathletik-Weltverbands IAAF, den Frauen im Vorstand (Council) künftig nicht mehr nur vier, sondern sechs Positionen einzuräumen.

Es sei hier dem Begründer der neuzeitlichen Olympischen Spiele nicht unterstellt, weiland zur Fraktion jener Geschlechtsgenossen gehört zu haben, welche die Frau ausschließlich am Herd zu Gange sehen wollte; verbürgt ist indes, dass er sie zumindest im aktiven Wettstreit auf dem Sportplatz nicht duldete, gleichwohl auf der Tribüne der Körperertüchtigungsstätte - als Spender möglichst ehrerbietigen Beifalls für den um den Lorbeer ringenden: Mann.

Wenn wir nun einen Blick werfen voraus auf die XII. Leichtathletik-WM im August im Berliner Olympia-stadion und uns das (tatsächlich mögliche) Szenario ausmalen, wie Frau Isinbayeva aus Wolgograd ihren vielleicht 30. Weltrekord erzielt und mit mehr Applaus bedacht wird als alle männlichen Sieger, inklusive des angeblichen Wunderläufers Bolt - ja dann wird klar, dass die Zeit des Ringens um Gleichstellung längst hinter den Leichtathletinnen liegt. Im Gegensatz zur Berufswelt und anderen Gesellschaftsbereichen der zivilisierten Welt steht in der Leichtathletik die Frau auf Augenhöhe mit dem Mann: Gleiche Erfolgsprämien bei der Weltmeisterschaft sowie im Grandprix – beim Tennis zum Beispiel erhalten Männer nach wie vor höhere Gagen – und seit der WM 2005 auch gleiche Disziplinen; lediglich das 50 km Gehen hat man den Athletinnen nicht zumuten wollen. Worüber die Damen wohl kein bisschen traurig sind.

Bis die Gleichberechtigung hergestellt war, ist es allerdings ein langer und steiniger Weg gewesen. Als zu den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam die IAAF leicht widerwillig erstmals fünf Wettbewerbe (100 m, 800 m, Hochsprung, Diskus, 4x100 m) zuließ, war die Männer-Leichtathletik schon 32 und der allein Männern vorbehaltene Weltverband IAAF 16 Jahre alt. Vor 1928 galt: Olympia, ein Fest von Männern für Männer. Die Sporthistorikerin Gertrud Pfister fand heraus, dass „die damalige Diskussion um die Zulassung (der Frau) im Zusammenhang steht mit verbreiteten stereotypen Vorstellungen (der Männer) über das Wesen der Frauen und dem Mythos von der weiblichen Schwäche“. Der Multifunktionär und spätere NS-Reichssportführer Karl Ritter von Halt postulierte damals, der Kampf gebühre „dem Mann, der Natur des Weibes ist er wesensfremd“. Und verriet so früh seine braune Gesinnung. Noch 1931 warnte der Leipziger Gynäkologe Hugo Sellheim: „Durch zu viel Sport nach männlichem Muster“ werde der Frau-enkörper „direkt vermännlicht, die weiblichen Unter-leibsorgane verwelken“. Der diplomierte Frauenkenner aus dem Sächsischen sprach vom „künstlich gezüchteten Mannweib“.

Vermutlich war die Sorge um das Wohl der Frau nur ein vorgeschobenes Argument und die Sorge um die Aufrechterhaltung der herrschenden Ge-schlechterordnung das eigentliche Problem. So ähnlich muss es die Suffragette Alice Millat empfunden und degoutiert haben. Folglich gründete sie 1921 in Monte Carlo den Internationalen Frauensportverband FSFI und veranstaltete ein Jahr später die „1. Jeux Olympiques Feminins“. Was dann geschah, es war typisch Mann. Den Erfolg der Millat-Spiele zähneknirschend zur Kenntnis nehmend beanspruchte die Männergesellschaft der IAAF die Frauenleichtathletik nun doch für sich und meldete 1926 beim IOC fünf Wettbewerbe für Olympia in Amsterdam an. Das IOC stellte freilich eine Bedingung: Die nach wie vor neben der IAAF existierende FSFI muss bei ihren Frauenspielen auf den Zusatz „olym-pisch“ verzichten. Fortan firmierte die FSFI-Veranstaltung als World Games für Frauen. Erst 1936 ging Millats Verband in der IAAF auf.

Es zählt nun zu den Skurrilitäten der Frauenleichtathletik, dass Amsterdam 1928 sowohl hoffnungsvoller Start der Bemühungen um Emanzipation war als auch Dämpfer für sie. Die Männer wollten das Haar in der Suppe und sie fanden es: im 800-m-Finale, das von der Breslauerin Karoline („Li“) Radke in Weltrekordzeit gewonnen wurde (Radkes Sieg bedeutete das erste Olympiagold für die deutsche Leichtathletik überhaupt). Es ging um die Szenen, die sich hinter der taktisch klug verhaltenden Siegerin aus Deutschland abspielten. Kaum im Ziel legten sich gleich drei geschlagene Läuferinnen flach. Vor Erschöpfung, wie all die meinten, die schon immer vor der olympischen Zulassung von Leichtathletinnen gewarnt hatten. Aus Enttäuschung ob der entgangenen Goldmedaille, wie jene argumentierten, die es einfach nur besser wissen wollten. Gleich wie, die angeb-lichen Schreckensbilder von auf den Rasen niedergesunkenen Sportlerinnen waren den IOC- und IAAF-Männern Indiz genug für die Gefährlichkeit der Frauen-Leichtathletik. Also: Raus mit der Mittelstrecke aus dem Programm.

Es hat dann noch einmal 32 Jahre gedauert, bis die Machos vom Olymp ihren Widerstand gegen die Mit-telstrecke der Frauen aufgegeben haben - und die verstaubte Meinung der deutschen Sportbehörde ad acta gelegt werden konnte: „Der Laufsport gehört nicht zu den Sportzweigen, in denen die Frauen Aussicht auf Erfolg haben. Ihr Laufstil steht im Vergleich zu dem des männlichen wie das Watscheln der Ente zum stolzen Schritt des Rennpferds“.

Was der Frauenleichtathletik jetzt noch fehlt, das ist eine Weltmeisterschaft, deren Wiedererkennungs-wert zuvorderst vom Namen einer Athletin bestimmt wird. Olympische Spiele dagegen wurden schon von Sportlerinnen aus der Leichtathletik geprägt: 1948 von Fanny Blanckers-Koen, 1960 von Wilma Rudolph, 1972 von Ulrike Meyfarth und 2000 von Cathy Freeman. Gewiss, Merlene Ottey, Jackie Joyner-Kersee, Gail De-vers und Astrid Kumbernuss haben WM-Geschichte ge-schrieben, aber vor allem aufgrund ihrer Siege bei mehreren Weltmeisterschaften. Vielleicht ist es ja Berlin 2009 vorbehalten, eine Weltmeisterin zu prä-sentieren, die die Erinnerung an die Taten der Männer verblassen lässt und selbst dem alten Coubertin dessen Voreingenommenheit gegen Frauen im Leistungssport ausgetrieben hätte. Mit Leistung und einem Lächeln.

mit freundlicher Genehmigung des Autors Michael Gernandt, erschienen in der Zeitschrift "Olympische Flamme" 2/09