20 Jahre nach dem Mauerfall: nur noch 4 Läufer aus den neuen Bundesländern Spitze – was tun?

schlangencarsten1_gala06Kürten, 7. Dezember 2009 (Pöhlitz) - Eigentlich hatte man im Rahmen der Feierlichkeiten 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, der Wende oder auch der Wiedervereinigung Deutschlands auch auf  Hinweise zur Verwaltung des Sport - Erbes „Ost“ und zu unserer aktuellen internationalen Konkurrenzfähigkeit oder den Sportzielen für demnächst gehofft. Ob ich es überhört oder übersehen habe? Ob die Medien den Sport in der ehemaligen DDR wegen der derzeitigen Krise des Fußballs dort als nicht so bedeutend für das deutsche Renommee betrachten oder ob sie einfach ihre Verantwortung gegenüber der nicht fußball- und trotzdem sportinteressierten Bevölkerung ignorieren. Eine rasante Talfahrt begann mit der Wende und sie scheint noch nicht beendet. Die Erben haben nicht verhindert dass der Ruhm verwelkt. Es fehlt an Talenten und denen die sie an den Sportstätten entwickeln. Fühlt sich denn niemand verantwortlich? Der Rückblick um den 9.November im Prinzip ohne Sport weist auf den Bedeutungsverlust vor allem innerhalb des Territoriums der einstigen Sportgroßmacht DDR hin, aber auch für ganz Deutschland. Es wäre an der Zeit die Sprachlosigkeit zu beenden?

So schnell geht das in der Moderne

Heute könnte man auf den Gedanken kommen, dass Hochleistungssport in der DDR nur ein Märchen war. Die Menschen staunten, feierten, freuten sich 1989 / 90, waren sprachlos ob der nicht für möglich gehaltenen Gewaltlosigkeit, sie waren überwältigt, eine ganze Nation hielt den Atem an und war lange Zeit kaum handlungsfähig an der Schwelle zu den 90igern. Aber es zeigte sich schnell, dass damit auch Probleme verbunden waren: einmal bewegte sich der Strom noch lange fast nur in eine Richtung, wie die letzten Jahre zuvor schon: von Ost nach West. Dazu gab ab sofort keiner mehr vor, was sie jetzt zu tun hätten, wie sie es 40 Jahre gewöhnt waren. Nicht nur die Stasi und die Grenzer waren verwirrt weil die Befehle ausblieben, offensichtlich war der Mehrzahl auch der Zurückgebliebenen, vor allem den Funktionären die Parteidisziplin abhanden gekommen. Also duckten sie sich erst einmal ab, bildeten die bekannten Seilschaften gegen das Neue, gegen die, die ihnen die Macht genommen hatten. Es gibt sie noch heute und wenn sie nur immer mal vor großen Events eine Medienkampagne gegen die ehemals erfolgreichen Trainer aus der DDR lostreten, oder in der gerade installierten Regierung in Brandenburg ertappt wurden, die ehemaligen IM´s – wie aus der Presse zu entnehmen war. Die einen leben verklärt mit dem Niedergang ihres ehemals geliebten Kindes Hochleistungssport in den neuen Ländern, die anderen als wären sie froh, dass es damit vorbei sei. Die Begeisterung der Massen bei der Leichtathletik – WM in Berlin zeugt aber von Freude an der Leistung. Sie hätten bestimmt gern mehr Deutsche auf dem Podium gesehen. Dabei können sie es doch nicht verlernt haben in der kurzen Zeit, die vielen ehemals erfolgreichen Trainer, Sportlehrer, Diplom-Sportlehrer, Sportwissenschaftler, Doktoren und Professoren in den Vereinen und Instituten. Sie haben doch die Trainingsmethodik in der Mehrzahl der leichtathletischen Disziplinen beherrscht !

Ist die Kompetenz im Sport wirklich schon aufgebraucht?

Die Sportführung der DDR wollte an ihrem Ende noch lange diesen Einheits-Weg nicht mitgehen, das Wunder nicht wahrhaben, hat weiter Pläne und Sitzungen gemacht, die streng geheimen Akten in der DTSB - Zentrale in der Berliner Storkower Strasse zur Vorsicht aber erst einmal vernichtet. Dabei in der Hektik die Dissertationen zu den Erfahrungen mit unterstützenden Mitteln (uM) in Bad Saarow offensichtlich übersehen. Auf einer Sitzung des DTSB - Bundesvorstandes wurden noch am 25.2.1990 „Leitlinien zur Erneuerung des DTSB der DDR“ beschlossen. Dort findet man ein Bekenntnis zum geförderten Leistungssport aller Sportarten, ein Bekenntnis zum Breitensport, den man sich ob der Leistungssport-Millionen bis dahin nicht leisten konnte, die arbeitsrechtliche Sicherung hauptamtlicher Trainer nach dem Leistungsprinzip, auf dem Wege zur Bildung einer Konföderation als Vorstufe zur deutschen Einheit der Förderung und Ausgestaltung der Beziehungen zum DSB (West)     und die Durchführung Olympischer Spiele 2000 / 2004 in Berlin. In der Schriftenreihe des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISP) Band 96, die sich mit der historischen Aufarbeitung der DDR-Sportgeschichte beschäftigt, wird auf S. 605 ausgeführt, dass die veröffentlichte, um 42 Millionen gesenkte Investitionssumme für den Sport auf 348,2 Millionen Mark Ende der 80iger Jahre offensichtlich aller Welt die katastrophale Lage der DDR-Volkswirtschaft  verschleiern sollte. Dort kann man weiter lesen: „Die Fortsetzung der Politik der Illusionen und des Vortäuschens einer intakten Wirtschaft, deren Höhepunkt zweifelsohne die von Honecker lancierte Olympiabewerbung Leipzigs im Sommer 1989 mit einem geschätzten Investitionsvolumens von 25 – 30 Mrd. Mark, war…. mochte vielleicht noch das Ausland täuschen, nicht aber mehr die eigene Bevölkerung“.

Aufwachen und anpacken beim Wiederaufbau Ost im Laufen und Gehen

Umdenken, anpacken, auch im Sport, an der Laufbahn oder im Wald den jungen Talenten vorwärts helfen, Verantwortung übernehmen auch einmal ohne Anweisung von oben wäre doch eine Devise.
Für Deutschland wäre sicher hilfreich, wenn alle noch Sportinteressierten aus den neuen Ländern beim „Sport - Wiederaufbau Ost“ zeigen würden, was sie einmal gelernt haben. Da sollte nicht zuerst die Frage nach neuen Sportstätten oder nach dem Geld gestellt werden. Das war doch früher auch nicht Thema  Nr. 1 und seien sie versichert, dass sehr viele Ehrenamtliche im Westen viele Stunden meist „umsonst“ an der Bahn oder im Wald stehen. Läufer brauchen keine Anlagen, sie brauchen vor allem motivierende Trainer oder Übungsleiter in den Vereinen.

Liebe Präsidenten der LA - Landesverbände in den neuen Ländern!

Nach dem allmählichen Verbrauch des Sport-Erbes in den letzten 20 Jahren scheint es an der Zeit nun endlich einmal das STOP - Schild aufzustellen. In 12 zuschauerfreundlichen Laufdisziplinen (800 m – Marathon) der Männer und Frauen beispielsweise kann man gerade einmal 4 Läufer aus den neuen Ländern benennen die 2012 bei den Olympischen Spielen in London erfolgreich, d.h. in den Finals sein könnten. Nur Sebastian Keiner (Erfurt), Carsten Schlangen (Berlin), Stefan Eberhardt (Erfurt) und Antje Möldner (Potsdam) scheinen nach der Saison 2009 für die Olympiaaufgabe prädestiniert. Erfurt, Berlin, Potsdam und vielleicht noch Chemnitz sind wohl auch die wenigen Vereine in denen noch professionell im Lauf gearbeitet wird. Ein umfangreiches trainingsmethodisches Know how und langjährige Erfahrungen in der Führung und Organisation des Trainings- und der Wettkampfleistungen scheinen zwischenzeitlich verloren gegangen, die früher staatlich organisierte Talentsuche wird mehr oder weniger dem Zufall überlassen, die Ausbildung in den erhaltenen ehemaligen Kinder- und Jugendsportschulen entspricht vielerorts kaum mehr leistungssportlichen Ansprüchen, die Fachkompetenz des im Zentrum der neuen Länder liegenden IAT Leipzig wird wohl kaum genutzt und es ist auch in den Jahren immer weniger gelungen von den vielen gut ausgebildeten Trainern wenigsten den notwendigsten Bedarf neu zu organisieren und „bei der Stange zu halten“.
Das Lauf-Beispiel zeigt, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Warten Sie nicht auf Hilfe von außen, was 20 Jahre nicht funktioniert hat wird auch demnächst nicht funktionieren. Organisieren sie sich in den neuen Ländern, erwarten sie dabei keine Anweisungen oder Befehle von „oben“, die Glückwünsche, Aufmerksamkeiten und Hilfen kommen erst wenn sie die Medaillen bereits errungen haben. So ist das in demokratischen Staaten.

Es gilt nicht nur den Läufer - Niedergang zu beenden, die Resignation zu stoppen. Sie sollten nicht länger auf Hilfen aus dem Westen warten. Seit 20 Jahren ist die Tür der Sehnsucht weit auf, hoffentlich haben sie zwischenzeitlich gelernt, dass sie sich im neuen Deutschland vor allem  selbst organisieren müssen. Viele die wissen wie es geht sind doch nicht tot. Führungslosigkeit ist nicht das Ergebnis nicht vorhandener zentraler Weisungen sondern wird in der Kulturhoheit der Länder vor allem von regionaler Untätigkeit bestimmt. Wer stellt sich an die Spitze und wagt den Aufbruch? Die Besten sind doch gar nicht weit weg. Scouts suchen Talente und Trainer bilden sie aus, wäre die Alternative. Die Sport-Fans aus den neuen und alten Ländern werden es ihnen danken. Vielleicht orientieren Sie sich mit ihren Leistungssportabteilungen  an einem Motto der canadischen Wintersportler bei den Olympischen Spiele im eigenen Land, in Vancouver, es lautet: „ON THE PODIUM“. Es muss ja nicht gleich um Olympische Spiele gehen.