Aus der Süddeutschen Zeitung vom 16. Dezember: Erfolge der LG Telis Finanz

harrer-kick-ziegler2_u20_em09_vorher_koechlfotoMünchen, 16. Dezember 2009 (sz/schneider) - Die größte Kunst eines guten Trainers besteht wohl darin, einen jungen Sportler im Moment des unerwarteten Erfolgs glauben zu lassen, er sei ebenfalls überrascht. „Lauf' doch einfach mal in der Spitze mit, du hast ja nichts zu verlieren", hatte Kurt Ring dem selbsterklärten Spezialisten Philipp Pflieger über 5000 Meter geraten, noch kurz vor dem Start bei den deutschen Meisterschaften über 10 km auf der Straße. Und Philipp Pflieger lief. Er lief so schnell, dass von der Spitzengruppe schon bald nichts mehr zu sehen war, er lief nur noch für sich, und vielleicht lief er ja aus reiner Verwunderung darüber, dass es so gut lief. 29 Minuten und 35 Sekunden später war Pflieger U23-Meister. Über eine Distanz, die ihm eigentlich nicht so liegt. wie Pflieger noch. heute, ganze drei Monate später, sagt.

Dabei ist Pflieger nicht einmal der einzige Starter für Regensburg, der in jüngster Zeit relativ unerwartete Erfolge erzielte. Fragt man Kurt Ring, der die LG Telis Finanz auch als Organisator führt, nach seinen hoffnungsvollsten. Talenten, würde er am liebsten eine Liste anfertigen. Manuel Ziegler etwa, der deutsche Juniorenmeister im Dreisprung und Siebte bei der U20-EM. Oder Susanne Lutz, die deutsche Juniorenmeisterin über 10 000 Meter und 3000 m Hindernis, bereits mit zweimal EM-Nachwuchs-Bronze dekoriert. Allen voran Corinna Harren deren Erfolge in diesem Jahr eine eigene Liste erfordern: Zweite bei der U20-EM über 800 m und deutsche Jugend- bzw. Juniorenmeisterin über die gleiche Distanz, Vierte bei den deutschen Hallenmeisterschaften der Frauen über 1500 Meter und Zweite im Freien, deutsche Crosslauf-Jugendmeisterin seit Sonntag auch Vierte bei der U20-Cross-EM in Dublin -  nur um eine Auswahl zu treffen.

Fertige Athleten sind zu teuer

Dass die LG Telis Finanz Regensburg inzwischen einst renommiertere Klubs wie LAC Quelle Fürth München und LAC Berlin im Laufbereich hinter sich gelassen hat, liegt vor allem daran. dass man sich in Regensburg auf das spezialisiert hat, was möglich ist. „Die Floskel „Geht nicht, gibt's nicht“ ist Unfug, sagt Ring. „jeder Standort hat Stärken. Aber man muss sehen, was überhaupt machbar ist." Eine Halle mit Rundbahn gibt es nicht, nur die der Universitätsanalagen sind bestens in Schuss, aber für’s Training nicht verwendbar, und da ist noch eine 50 Jahre alte Halle, in der immerhin Stabhochsprung trainiert werden kann. Professionelle Trainingsbedingungen für Sprint gibt es ebenso wenige, also konzentrierte man sich auf das, was eben ging: Langstrecke, ein bisschen Mehrkampf und Sprung und eben Stabhochsprung. „Die zweite Einsicht war: Fertige Athleten wie Tobias Unger oder Christian Blum sind zu teuer. „Wir können denen nicht dabei helfen, ihre Häuschen abzubezahlen."...

Die fixe Idee vom Athletenhaus

Der Verein investierte lieber in etwas, das es bis vor zwei Jahren in Deutschland nur selten gegeben hat und das nun offensichtlich die ersten Erfolge zeitigt: ein Athletenhaus. Die Idee von einem Haus, in dem fünf junge Sportler gemeinsam wohnen, sich über ihre Erfahrungen austauschen können und es gleichzeitig nicht weit bis zur Universität oder zum Trainingsgelände haben, mag profan klingen. Die Wahrheit ist, dass Pflieger ohne dieses Konzept nicht in Regensburg wäre und noch immer für seinen alten Verein, den VfL Sindelfingen, starten würde. „Sindelfingen ist der renommiertere Verein, inzwischen ist das Trainings¬umfeld in Regensburg aber besser. Es tut sich einiges in der Szene". sagt Pflieger.

Immer auf dem Punkt topfit

Vielleicht ist der Regensburger Formanstieg auch auf gute, psychologische Trainerarbeit zurückzuführen. Es ist jedenfalls auffällig, dass fast alle Athleten ihre Bestleistungen in den Momenten abrufen, wenn es zählt. Pflieger etwa auf den ungewohnten zehn Kilometern. „Philipp ist eigentlich prädestiniert für die ganz große Distanz, eigentlich müsste er einmal Marathon laufen. Er weiß das nur noch nicht", sagt Ring. Irgendwann wird er es ihm wohl verraten müssen.

Philipp Schneider