Die Strukturprobleme der deutschen Leichtathletik sind unübersehbar

Regensburg, 21. Dezember 2009 (orv) –  Der Leichtathletik-Süden Deutschlands ist in Bewegung geraten. „Die Leichtathletik in Württemberg blutet aus“ schlug in einer der zurückliegenden Wochen nach Ende der Wechselfrist die „Stuttgarter Zeitung“ Alarm. Weiter östlich nahm die LG Stadtwerke München für sich in Anspruch, „erfolgreich auf Expansionskurs“ zu sein. Auf einer Strecke von 230 Kilometern haben sich die Kräfteverhältnisse verschoben. Der Grund ist ganz einfach: Die Münchner Stadtwerke haben für die Leichtathletik den Säckel geöffnet und die Macher der LG haben für die Münchner Szene genau das Richtige gemacht: Sie haben einige Athleten der deutschen Spitzenklasse geholt, alle mit einem relativ sicheren Anspruch auf internationale Einsätze.

Württemberg braucht aber nicht in Schutt und Asche fallen. Das Ländle hat immer noch die besten Ressourcen der gesamten Republik. Ihr Nachwuchs ist der beste Deutschlands und er sprudelt wie eh und je. Der ist in Bayern auch nicht der schlechteste. In aller Regel mischen die Jugendlichen hierzulande bei ihren nationalen Meisterschaften im Spitzenfeld mit. Trotzdem zeigt der Bayerische Landesverband schon seit über zehn Jahren Mangelerscheinungen im Erwachsenenbereich, was die Spitzenleistungen anbelangt. Der Grund dafür wurde in den meisten Fällen an die Basis weitergegeben: „Wir haben keine leistungsstarken Vereine.“ Gemeint war im Klartext die vermeintlich fehlende finanzielle Kompetenz. Die zum Teil inzwischen völlig unbrauchbar gewordenen Strukturen blieben indessen immer die alten.

G8, Bachelorstudiengänge, Akademikerarbeitslosigkeit, Trainermangel, marode Sportstätten eine unübersehbare Geldnot der Kommunen, dazu ein völlig verändertes Verhalten im Freizeitbereich von Jugendlichen werden der alten Dame Leichtathletik in den nächsten Jahren schwer zusetzen. Anstatt sich vermehrt um den Verschiebebahnhof der Altstars zu sorgen, wäre es längst an der Zeit, neue Strukturen zu entwickeln, die wirksam helfen, den harten Aufprall bei den oben angesprochenen Problemzonen so weich wie möglich zu gestalten.

Da ist zwar ein DLV-Präsident, der absolut gute Denkansätze hat, diese im Falle der saisonalen Anstellung von WM-Kandidaten in Unternehmen auch schon temporär umgesetzt hat, aber dies noch nicht zu einer dauerhaften Struktur bündeln kann, weil die nicht zu Unrecht genannten Landesfürsten auf ihren immerwährenden Verbandstagen viel zu langsam entscheiden, dem Hochleistungssport wenig dienlich sind oder gar nicht zu Potte kommen. Da sind aber auch andere, weit erfolgreichere Sportfachverbände, die die Zeichen der Zeit erkannt haben, alte Zöpfe längst abgeschnitten haben und mit Recht frohgemut in die Zukunft schauen.

Was macht die Leichtathletik? Die dümpelt bisweilen mit einem einmal wöchentlich stattfindenden Stützpunktsystem im Leistungsnimmerland herum und muss nicht selten schon nach der U20 den Offenbarungseid leisten. Selbst ein großer Landesverband wie Bayern verfügt über keine einzige echte Veranstaltungshalle und auch die vorzeigbaren Stadien sind Mangelware. Viele Kommunen haben an ihren Leichtathletikanlagen – vor vierzig Jahren als Bezirkssportanlagen konzipiert – seit Jahren nichts mehr getan. Die so bitter benötigten Sportzentren mit Freianlagen, Hallen, Schwimmbad und Krafträumen in einem Komplex gibt es defacto immer weniger. Da fehlt außerdem Trainer-Fachpersonal an allen Ecken und Enden und die Quereinsteiger bis zur obersten Ebene (Bundestrainer) aus allen artfremden Berufen kommend, sind schon längst nicht mehr die Ausnahme. Ein gängiges Kooperationskonzept mit den an Schulen arbeitenden akademisch ausgebildeten Sportlehrern – im vergangenen Jahrhundert die natürlichste und erfolgreichste Übungsleiterquelle – wurde noch nicht richtig angedacht.

All dies erfordert in den nächsten Jahren eine Kärnerarbeit in den leichtathletischen Sportorganisationen, unmöglich lösbar durch Freizeitfunktionäre. Hauptamtlichkeit ist gefragt – nur, wer bringt sie auf den Weg? Eigentlich steckt der Karren schon ganz tief im Dreck. Anstatt ihn mühsam frei zu schaufeln, versenkt man ihn derzeit wohl eher mehr.