Lesenswerte Statements von Karl Rauh und Ludwig Schütz im BLV-Jahrbuch

Regensburg, 11. Januar 2010 –  Ein Jahrbuch ist nicht nur die gesammelte Aufstellung der Erfolge, Rekorde und Leistungen eines Jahres. Ein Jahrbuch ist auch der Spiegel des Jahresablaufs mit allen seinen Geschichtchen, Anektoden, Tragödien und Triumphen – und manchmal auch die Bühne für Abschiedsreden, wenn langgediente Führungsfunktionäre das Schiff verlassen. Schon deshalb widerfährt dem BLV-Jahrbuch 2009 eine besondere Bedeutung. Karl Rauh, der Präsident des Bayerischen Leichtathletik-Verbandes und sein Sportwart und Vizepräsident Ludwig Schütz werden sich nach fast zwei Jahrzehnten aufreibender ehrenamtlicher Tätigkeit beim im Frühjahr stattfindenden Verbandstag nicht mehr zur Wahl stellen.

So sieht denn der scheidende Präsident die dezeitige Leichtathletik in einem sehr realistischen Licht und ist sich durchaus bewusst, dass vieles, was man theoretisch im Kopf manifestiert, in der Praxis eben dann doch nicht umsetzbar ist. Alles in allem betrachtet er dennoch den Landesverband in einem positiven Schein, erst recht dann, wenn man die derzeit schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse mit einrechnet. Das ist auch an den Top-Clubs in Bayern nicht spurlos vorbeigegangen und die „Quelle“ in Fürth hat es aus den bekannten Gründen hier ganz übel erwischt. „Erstaunlich ist, dass wir bei einem wesentlich kleineren Budgetvolumen unserer Großvereine LAC Quelle Fürth, LG Stadtwerke München und LG Telis Finanz Regensburg gegenüber den Großvereinen im Westen, Berlin und im Osten unserer Republik trotzdem mit 137 Punkten (red. Hinweis: 8 Punkte für einen DM-Titel … 1 Punkt für einen 8. Platz) bei den Männern und 149 Punkten bei den Frauen jeweils den zweiten Platz (im Bundesländervergleich) belegen konnten“, so sein Schlussresumée.

Präsidentenansicht und die Sicht der Dinge unseres langjährigen Sportwarts sind in diesem Jahr wie das Jin und Jang der chinesischen Weltanschauung. Begleitet man Luggi Schütz auf den fünf Seiten seines „Abschiedsbriefes“ in die die Weiten der leichtathletischen Galaxien, erfährt man wenig von der sportlichen Realität des BLV hier und heute und schon gar nichts von den letztjährigen erfolgreichen Athleten/Innen. Während BLV Pressewart Reinhard Köchl erst unlängst die LG Telis Finanz ob ihres sechsten Platzes im bundesdeutschen Vereinsrankings als „bayerischen Vorzeigeclub“ tituliert hat und die Süddeutsche Zeitung sich nicht zu schade war, über das „Machbare wagen“ der Regensburger Leichtathletik zu berichten, tendiert der scheidende Vizepräsident eher zu einer Philosophie des „Unmöglichen bejammerns“ .

So ist es einfach in einer Jahresreplique der bayerischen Leichtathletik nicht angebracht, immer wieder auf den in Amerika studierenden und für Wattenscheid startenden gebürtigen Bayern Moritz Cleve zu verweisen, der zudem zu seinem WM-Einsatz wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind kam, oder eben auf jene Allgäuerin Verena Sailer, die aus bekannten Gründen derzeit für Mannheim startet. Genauso viele Leute wie gehen, kommen auch jedes Jahr wieder herein. Tim Lobinger und Oliver Koenig lassen grüßen – sie hatten in der WM-Saison einfach nicht das Glück des Tüchtigen.

Oder auch jene kleine Passage über Langhürden-U23-Europameister Tobias Giehl, der nicht einmal von Ludwig Schütz namentlich genannt wird, derzeit um eine erfolgreiches duales Tätigkeitsfeld Studium/Hochleistungssport sucht und nicht wie WM-Teilnehmerin Fabienne Kohlmann mit ihrer Lösung des Problems das Ei des Kolumbus gefunden hat. Da sei spontan an die Worte des ehemaligen Marathonläufers Steffen Kosuch erinnert: „Wer über Nacht gut wird, hat zuvor viele Tage lang hart gearbeitet.“ Übertragen mag dann gelten: „ Wer über Nacht in die Katastrophe schliddert, mag wohl viele Tage vorher geschlafen haben.“ Manchmal müssen einfach Entscheidungen im Leben eines jungen Hochleistungssportlers langfristig geplant werden, oft auch mit einem Vereinswechsel außerhalb Bayerns verbunden. Diese, jene Antwort hat Sportwart Schütz eigentlich selbst gefunden, wenn er von Profifußballer Steinhöfer erzählt, der seine fränkische Heimat beizeiten Richtung FC-Bayern-Internat verlassen hat, um dann auf Umwegen jetzt bei der Eintracht Frankfurt gelandet zu sein.

So widerspricht sich denn einiges in dem Jahrbuchbeitrag von Ludwig Schütz und seine Angst, „jemanden in diesen Jahren zu nahe getreten zu sein“ braucht ihn nicht zu quälen. In den Sphären, in denen sich der scheidende Vizepräsident bei seinem letzten Brief an seine „Schäflein“ bewegt hat, wird er nur wenige Bayern getroffen haben.