Wie Eis und Schnee Gewohntes oft unmöglich machen

crossorg03_strecke2Regensburg, 21. Januar 2010 - Leise rieselt der Schnee- des einen Freud, des anderen Leid. In Läuferkreisen werden jene Winterfreuden oft zur echten Qual, jeder gut konstruierte Trainingsplan zur Makulatur, wenn Schnee und Eis die gewohnten Wege und Strecken zum Abenteuerunternehmen machen. Heuer hat es nicht nur den Süden erwischt, ganz Deutschland versinkt unter der weißen Pracht, mal hart gefroren, mal ruppig marmoriert, mal körnig wie der Badesand und mal pampig wie der schlimmste Sumpf. Das ist alles nichts für zarte Läuferbeine, schon gar nicht, wenn kaum andere Alternativen vorhanden sind. Da wird der fünfhundert Meter lang geräumte Bürgersteig zum Laufparadies auch wenn der eiskalte Ostwind dir mit zehn Grad minus ins Gesicht bläst.

Wo andere mit dem Luxus einer Leichtathletikhalle von der Indoorsaison reden, stellst du bisweilen die läuferische Überlebensfrage. Dem Eichhörnchen folgend, sich demgemäß Fett anzufressen und im warmen Kobel zu ruhen, ist indessen auch keine Lösung. Jetzt ist Kreativität und Flexibilität gefragt. Das konditionelle und kordinative Beiwerk in der Sporthalle, das kontinuierliche Athletiktraining im Kraftstudio ist Gott sei Dank witterungsunabhängig, über die regenerativen Einheiten helfen dir das Hallenbad mit Aquajogging und Schwimmen, der Hometrainer und auch manchmal eine Skitour hinweg.

Für die mittleren und längeren aeroben Einheiten, die du sonst auf gepflegten Parkwegen oder im Wald geniest, müssen halt jetzt Straßenränder und Bürgersteige herhalten und so mancher Bergsprint wird an Brückenauffahrten erledigt. Es geht einfach nicht anders. Oder man gehört ein wenig zu den läuferisch Priviligierten, die an ein gutes Laufband herankommen. Mit der Seriosität einer zeitnahen Leistungsdiagnostik lassen sich hier prima aerobe Qualitätseinheiten bis zu fünfzehn Kilometer abschrubben und sind so nebenbei auf Grund der hohen Steuerungsgenauigkeit absolut effektiv. Für die Seele ist dies natürlich auf die Dauer nichts. Wer es sich leisten kann, sollte gerade in der mit grippalen Infekten geschwängerten Faschingszeit um den Februar für acht bis vierzehn Tage ins südländische Trainingslager düsen.

So ist denn auch das saisonale Winter-Getöse von tollen Hallensteigerungen für Leute, die warten können, wie Schall und Rauch. So mancher Winter-Champion hat in der Folge im Sommer nur noch wenig Brauchbares auf die Kunststoffbahn gezaubert. Das sollte dennoch nicht davon abhalten, passende Hallenstarts, Cross-Wettkämpfe oder Straßenläufe einfach als Trainingsspitze im Aufbau-Einerlei mitzunehmen. Doppelperiodisierung, das ist alles schön und gut, wenn dazu die Möglichkeiten in Form einer Halle mit Rundbahn oder das freie strukturierte Gelände für die Crossvorbereitung fehlt, bleibt alles nur Stückwerk. Ist solchen Fällen gilt es, Ruhe zu bewahren, es ist eh die beste Zeit für die Grundlagenarbeit, die ich gerne in zwei Blöcke staffle: einmal die Zeit vor Weihnachten und einmal die Zeit bis Mitte April. Wer dort unseriös arbeitet, erntet zwar gute Teilerfolge zeitnah, wird aber beim Saisonhöhepunkt Richtung Juli/August vielleicht so manch böse Überraschung erleben.

Zum großen Sieg führt der Weg bisweilen über viele kleinere Niederlagen im Vorfeld und manche Steigerung junger Talente ist mehr auf deren Entwicklungsfähigkeit als auf ein sinnvoll abgestimmtes Training zurückzuführen. Abgerechnet wird immer noch im Sommer. Wohl dem/der Trainerin, die schon so abgezockt und erfahren ist und sich vom winterlichen Überholversuch der Konkurrenz nicht aus der Ruhe bringen lässt. Nicht jeder Hallenstart ist gleich eine Hallensaison und nicht jeder Crosslauf mit einer Crosssaison gleichzusetzen und auch jede Leistungsdiagnostik muss mit den davor abgeleisteten Trainingseinheiten auf die Waagschale geworfen werden. Ein Vergleich zwischen diagnostischen Werten und Rennergebnissen zur Gewinnung einer wirklichkeitsnahen Formbeschreibung ist eher ein Vergleich wie Äpfel mit Birnen.

So soll sich die ernannte oder auch selbst ernannte Presse jetzt die Finger über Formkrisen oder Leistungsexplosionen wund schreiben. Der Fokus der von mir betreuten Leute liegt seit Trainingsbeginn im Herbst auf jene alles entscheidenden Wochen von Ende Juni bis Mitte August. Der Erfolg der letzten Jahre gibt uns einfach recht – also packen wir es an!

von Kurt Ring