Quo vadis Deutsche Hallenmeisterschaften

Regensburg, 1. März 2010 –  Als ich am Sonntag gegen vier Uhr nachmittags die Karlsruher Europahalle verlassen durfte, war ich sprichwörtlich geschafft und freute mich auf die hoffentlich ruhig verlaufende dreistündige Heimfahrt im Kleinbus. Wie aberwitzig – hatte ich doch soeben das Spektakel „Deutsche Leichtathletik-Hallenmeisterschaften 2010“ verlassen, übrigens bevor die Hochspringerin ihren Angriff auf die zwei Meter aufgenommen hatten.

Zirka jeweils acht Stunden an beiden Tagen mit vielleicht einmal zwei Stunden echter Leichtathletik in einer völlig überhitzten und deshalb auch sauerstoffarmen Halle bei Spitzenlautstärken von weit über 130 Dezibel, einem ewigen Musikgedudel und den wohl unvermeidbaren Situationsinterviews, bei denen ein Athlet noch völlig erschöpft vom Geleisteten, völlig Belangloses, aber auch Unverständliches - weil die Tontechnik nicht stimmte - ins Mikro brüllte, waren einfach zu viel des Guten.

Irgend wie hatte ich schon am Samstag vor den mit viel Aufwand betriebenen Sprintfinals, die für zweimal sieben Sekunden immerhin eine Zeitspanne von mehr als einer halben Stunde beanspruchten, den Nachbarn auf der Tribüne beneidet, der zwei kleine, aber hilfreiche Ohrstöpsel im bereits überstrapazierten Organ stecken hatte. Laut genug war’s anscheinend auch noch mit diesen Gehördämpfern.
Logisch, man muss sich den neuen Zeiten anpassen und eine Veranstaltung flott und modern darbieten. Ob jene an vielen Stellen übertriebene Effekthascherei mit teilweise amateurhaften Ansätzen einer Lightshow bei tagheller Halle, zum Ziel führt, mag dahingestellt sein. Die Hallen-DM hat wohl weniger von diesen Dingen als vom WM-Rückenwind im leichtathletikverrückten und absolut publikumstreuen Südwesten Deutschlands profitiert.

Die einfachen Dinge der Leichtathletik gilt es zu vorderst zu bereinigen. Da wäre einmal ein Zeitplan, der schon seit Jahren nach Erneuerung schreit. Warum lässt man nicht alle Vorkämpfe, Vorläufe und sonstige Qualifikationen am Vormittag bis frühen Nachmittag ablaufen und konzentriert sich am Samstagabend bzw. Sonntagnachmittag auf dreistündige, schnell ablaufende Finalteile? Warum muss man mit hallenproblematischen 200 m Vorläufen eine Stunde des Sonntagnachmittags blockieren? Warum schafft man ein Regelwerk (siehe Fehlstartregelung), das am Ende nur noch die Schiedsrichter verstehen und zu Entscheidungsarmut führt? Warum verschlankt man nicht jene Organisationsstruktur, gewachsen aus dem typisch deutschen Hierarchiedenken, und wird damit flexibler und entscheidungsschneller?

Jene Arroganz der Show, die es nur noch gestattet, die absoluten Stars eines Finales in den Mittelpunkt zu stellen, braucht das immer noch zahlreich vorhandene, fachkundige Leichtathletikpublikum nicht und die Moderatoren sollten beim Vorstellen wenigsten die aktuellen Deutschen Meister/innen (siehe 1500 m Lauf Frauen) kennen und nicht in die zweite Startreihe stellen. Jene Denise Krebs hat sich dann auch publikumswirksam gerächt und das Rennen gewonnen.

Schließendlich neige ich zur Ansicht meiner Frau: „Das Wichtigste können wir auch innerhalb weniger Minuten im livestream anschauen und den Tag ansonsten kräfteschonender und sinnvoller verbringen.“ Eigentlich werden wir als Leichtathletikfans nicht mehr gebraucht, weil eine ständig mit den unvermeidlich gewordenen Kartonklatschen skandierende junge Zuschauerschar wichtig geworden ist.

von Kurt Ring