Hochleistungssport ist bisweilen auch ein Akt auf Messers Schneide

Regensburg, 3. März 2010 (orv) – Hätte es in Karlsruher Eurohalle ein Mauseloch gegeben, es wäre am Samstag gegen vier Uhr nachmittags besetzt gewesen. Da hatte Deutschlands derzeitiger läuferische Nachwuchs-Fixstern Corinna Harrer gerade im 3000 m Frauen-Finale der Deutschen Indoor-Meisterschaften ihr ganz persönliches Debakel erlebt. Als selbstbewusster Senkrechtstarter, inzwischen dekoriert mit einigen Zusatzattributen wie „Regensburger Nachwuchssportlerin des Jahres“ oder bundesweites „Ass des Monats Dezember“, war sie angereist, als durchgereichte Neunte trat sie den Rückweg an.

Dass „bekannt“ sein dann auch seine Schattenseiten hat, merkt die Sportlerin spätestens dann, wenn nach so einem Fauxpas die unangenehmen Fragen kommen. „Bist du krank gewesen“ ist da noch eine der harmlosesten. Die Häme der überall vorhandenen Neider bekommt man zwar nicht zu Ohren, am „verständnisvollen“ Lächeln beim Vorbeigehen ist sie jedoch leicht auszumachen. „Tanzt auf allen Hochzeiten – Gott sei Dank ist sie mal auf die Schnauze gefallen.“ Die Hilflosigkeit ist in solchen Fällen dein Athleten-vis-à-vis. Warum alles so blöd gelaufen ist, würdest du sicher auch gerne wissen, findest spontan aber keine Antwort.

Sicher, einiges ist nicht so gelaufen, wie vorgenommen. Mutig wollte sie sein, vielleicht sogar den Windschatten der großen Mocki“ aufnehmen, um sich mit einer durchaus möglichen 3:05 vom übrigen Feld abzusetzen. Ein Vorsatz, für den sie noch Tage später von Altbundestrainer Lothar Pöhlitz ein ausdrückliches Lob erhielt. Doch jene Überfrau aus dem Siegerland ließ sie am Start alleine und schaute sich zunächst an, was die übrigen so vorhatten. Nun total verwirrt, verstrickte sich Corinna Harrer dermaßen im Mittelfeld, dass an ein Nachsetzen der zum Absetzen ansetzenden Sabrina Mockenhaupt nicht zu denken war.

Was dann folgte, war einfach eine Kettenreaktion von Fehlern: Lokomotive spielen für’s übrige Feld, Aufholversuche im schweren mittleren Tausender, Festwerden nach Ablösung in der Führungsarbeit und letztendlich mentale Verabschiedung in der Schlussphase. Das Kind war in den Brunnen gefallen und selbst der eigene Trainer, der immer wieder vor solchen Situationen warnt, den „worst case“ nie ausschließt, ist dann meist ebenso am Boden wie die Athletin selbst. Fassungslosigkeit macht sich breit, Schuldzuweisungen sind unangebracht und Fragen unerwünscht. Schmallippig kommt dann der Satz: „Diese Erfahrungen muss sie ganz einfach machen.“

Genau da liegt des Pudels Kern. Dafür wurde die Himmelsstürmerin ins Abenteuer 3000 m geschickt, um zu lernen, aber auch etwas falsch zu machen. Doch Trainer sind auch nur Menschen. Bei allem hohen Risiko, das sie oft eingehen, bleibt immer auch der Wunsch als Vater des Gedankens, das Unternehmen möge doch erfolgreich zu gestalten sein. Erfahrungen beim Erfolgreichsein hat Corinna Harrer im Verlauf des letzten Jahres genug gemacht, jene des Misserfolges lagen schon fast zwei Jahre zurück, als sie sich nach einem ihrer ersten 800 m Rennen beim MiniInternationalen in Koblenz nach unerwartet mäßigen 2:10 mit feuchten Augen und zornigem Herzen in die hinterste Ecke des Einlaufplatzes verdrückte.

„Ich bin eine Zockerin“ hatte sie noch selbstbewusst vor Wochen in einem Interview im Leichtathletik Magazin kundgetan. So ein Satz geht dir leicht von der Zunge, wenn Gold oder EM-Silber am Halse baumelt. Wer zockt, fällt auch hin und wer hinfällt, muss möglichst schnell auch wieder aufstehen. Das kann die kleine quirrliche Regensburgerin schon sieben Tage später bei den Deutschen Crossmeisterschaften als Titelverteidigerin bei der weiblichen Jugend A beweisen. Eine scheinbar ungleich leichtere Aufgabe wie jene in Karlsruhe.

Meint man und doch, die Zweifel, die jeden Geschlagenen nach Niederlagen betreffs seiner eigenen Stärke nun wieder urplötzlich plagen, sind da. Jene Höllenqualen auf dem Weg zum Laufhimmel. Darum sind sie aber auch gut, jene sich ins Mauseloch verkriechen fordernde sportlichen Unwetterlagen, erst recht, wenn es dafür keine vordergründigen Erklärungen gibt. Der Nimbus ist angekratzt, jener makellos weiße  Mantel des Himmelstürmers. Damit umzugehen ist die wahre Kunst einer später mal großen Meisterin. Je früher sie es lernt, desto besser - auch wenn es jedes Mal furchtbar weh tut, wenn man unsanft auf dem läuferischen Hosenboden landet.