Ein kleiner Rückblick am Beispiel des damaligen deutschen Spitzenläufers Hans Gerlach

gerlach-intRegensburg, 14. März 2010 (ring) – Derzeit wird viel diskutiert in deutschen Läuferkreisen über Qualität und Quantität, über Leistungen und das internationale „standing“ der deutschen Läufer. Damals, vor beinahe 45 Jahren, war alles noch viel anders. Da strömten 45.000 Zuschauer ins Augsburger Rosenaustadion, teilweise nur, um Langstreckenheroe Ludwig Müller beim Kampf gegen die Russen zu unterstützen. Man kannte keine Laktatmessung, die großen Vorbilder hießen Jim Ryun, Emil Zatopek, Peter Snell, Ron Clarke oder Harald Norpoth. Das neuseeländische Trainingsmodell von Arthur Lydiard hatte gerade Hochkonjunktur und sein wöchentlicher „longjog" über 35 Kilometer – auch für Mittelstreckler – war zu einem Laufbegriff geworden.

Vollprofitum kannte man nicht, viele Athleten studierten, nicht wenige gingen aber auch einem kompletten 45 Wochenstunden-Job nach. Ansätze über Höhentraining gab’s, genauere Ergebnisse darüber waren aber im Westen nicht bekannt. Lauftalente wurden in der Regel erst mit 17 oder 18 Jahren bei den deutschen Jugendmeisterschaften entdeckt, alles, was jünger war, lief lediglich 1000 m als Wettkampfstrecke und das nur auf Landesebene. Der damalige Top-Langstreckler Hans Gerlach (Bestzeit 13:42/1967) war einer dieser wilden Jungs, die sich beim Heranwachsen so ziemlich mit allem beschäftigten, was unter dem Deckmantel „Sport“ gehandelt wurde.

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Die sportliche Laufbahn entsprach den damaligen Verhältnissen. Auf die Jugendarbeit wurde großen Wert gelegt, in die Öffentlichkeit traten die Athleten aber meist erst mit Beginn des Juniorenalters (19. Lebensjahr). Anfang dreißig war dann in den meisten Fällen Schluss. Der Beruf, die Familie und alle weiteren wichtigen Dinge des Lebens hatten jetzt wieder Vorrang. Ein professionelles Training im modernen Sinne gab es nicht. Die Studenten unter den Läufern begannen aber bereits zwei Mal am Tag zu trainieren. Es war die Vorstufe zu den Jahren mit hohen Kilometerumfängen bis zum Kulminationspunkt der Generation Bedford, die 400 und mehr Kilometer pro Woche zurücklegten.

Arthur Lydiard, der Ziehvater des modernen Langstreckentrainings

Seine Athletenkarriere: Arthur Lydiard nahm ab Mitte der 1940er Jahre an kleineren Langstreckenläufen teil. Von 1949 bis 1955 war er ein bekannter Marathonläufer in Neuseeland, danach beendete er seine Sportlerlaufbahn. Mit seinem ersten Marathonlauf 1949 (3:30:07 Std.) gewann er die Meisterschaft der Region Auckland, zweimal wurde er neuseeländischer Meister, 1953 (2:41:29 Std.) und 1955 (2:42:34 Std.). Seinen schnellsten Marathon lief er in 2:39:05 Stunden. Da er während seiner späteren Tätigkeit als Trainer oft mit seinen Läufern zusammen trainierte, gelang ihm noch im Alter von 61 Jahren bei einem Marathonlauf eine Zeit unter drei Stunden (2:58:58).

Seine Trainerkarriere: Lydiard wurde schlagartig berühmt, als während der Olympischen Sommerspiele 1960 von ihm betreute Sportler innerhalb einer halben Stunde zweimal Gold für Neuseeland holten: Zunächst Peter Snell über 800 m und im unmittelbar darauf folgenden Wettbewerb Murray Halberg über 5000 m. Ein weiterer Sportler aus der Läufergruppe von Arthur Lydiard, Barry Magee, wurde Dritter im Marathonlauf.
Bei den Olympischen Sommerspielen 1964 gewannen von ihm trainierte Sportler weitere drei Medaillen - Peter Snell zweimal Gold (800 m, 1500 m) und John Davies Bronze über 1500 m.
In späteren Jahren trainierte Lydiard nicht mehr einzelne Sportler, sondern gab seine Methode in Trainerseminaren weiter. Auf seine 19monatige Tätigkeit 1967 bis 1969 in Finnland zurückgeführt werden die vier Medaillen der Finnen Lasse Viren, Pekka Vasala und Tapio Kantanen bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München (dreimal Gold, einmal Bronze).
Arthur Lydiard war Olympiatrainer Dänemarks 1972 sowie Nationaltrainer Venezuelas 1970 und 1972 und Mexikos 1965.

Seine Methode: Seine Erkenntnisse gewann Lydiard vorwiegend in Selbstversuchen, bei denen er mit extrem langen Strecken experimentierte - 80 bis 400 Kilometer wöchentlich.
Daraus entwickelte er den Kern seiner Methode - ein mehrere Monate langes aufbauendes Ausdauertraining in einem hohen Lauftempo im sogenannten Steady State, dem Tempo, das der Läufer gerade noch längere Zeit ohne Erschöpfung durchhalten kann. Für optimal hält Lydiard einen Wochenumfang von 160 Kilometern. Zweck dieses Training ist eine radikale Steigerung der Sauerstoffversorgung in den Muskeln durch Bildung neuer feinster Ader-Verzweigungen Kapillarisierung. Damit schafft er die Grundlage für eine hohe Sauerstoffschuld im Wettkampf, d. h. schnelleres Laufen, als die bloße Sauerstoffversorgung in den Muskeln erwarten lässt.
Im Trainings-System folgt den langen Ausdauerläufen ein vier- bis sechswöchiges Hügeltraining und schließlich eine ca. zwölfwöchige Wettkampfvorbereitung durch Tempoläufe und Sprintserien. In allen Phasen wird das Ausdauertraining, also Laufen langer Strecken, nie ganz aufgegeben.
Die bis in die Gegenwart anerkannte Ausdauermethode von Lydiard überraschte in den 60er Jahren die Sportwelt, denn bis dahin beherrschte die Intervallmethode den Mittel- und Langstreckenlauf, die durch den tschechoslowakischen Läufer Emil Zatopek in den 1940er und 1950er Jahren berühmt wurde.

Einmal am Tag trainieren hieß nicht „wenig trainieren“

Vieles vom „neuseeländischen Meister“ war bereits in der Trainingslehre des damaligen bundesdeutschen Bundestrainers Friedrich Dörsing enthalten. Hügelläufe gehörten zum Standardprogramm, ebenso der longjog. Die Qualitätszuweisung für den Dauerlauf war zwar noch zurückhaltend, aber dennoch erkennbar. Hans Gerlach trainierte in der Regel ein Mal am Tag, weil er voll berufstätig war. In den schriftlichen Anweisungen des Bundestrainers kam jedoch öfter die Bitte nach einem zusätzlichen morgentlichen Dauerlauf vor.

Hier ein Trainingsvorschlag für den April:

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Dies ist auch nach modernen Gesichtspunkten ein durchaus durchdachter Plan mit hoher Quantität, aber auch hoher Qualität, der so manchem aufstrebenden jungen Langstreckler der Jetztzeit gehörig einheizen würde. Leistungsverbesserungen wurden auch schon damals über die Erhöhung von Qualität und Quantität gesucht. Hans Gerlach legte in diesem 14-Tage-Block immerhin in der ersten Woche 150 Kilometer zurück, um dann am Ende der 2. Woche nach weiteren 60 Kilometern einen ersten Wettkampf über 3000 m draufzupacken.

Das Bahntraining zwischen den Wettkämpfen hatte dagegen noch weniger Struktur und bewegte sich meist auf einem schmalen Grad zwischen hoher Belastung und erholsamen Läufen. Hier ein Beispiel aus dem Juni 1967:

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Signifikant für das Training in der Wettkampfphase war der Ruhetag am vorletzten Tag vor dem Rennen und eine wie auch immer schon gestaltete Rennanpassung, die man freilich noch in einen stark regenerativen kurzen DL und einem nachfolgenden Auslaufen einpackte.

An der Schwelle zum modernen Langstreckentraining

Man ahnte vieles, wusste noch wenig, trainierte an der Schwellengeschwindigkeit, ohne zu wissen, wo denn diese individuell genau lag. Hier noch die alte Intervallmethode nach Gerscler, da schon der Ansatz von Tempolaufprogrammen, aber auch die Dauerlaufphilosophie eines Dr. van Aaken aus Waldniel, der Tempoläufe, als auch intervalltraining ablehnte und auf „Kilometerfressen“ setzte. Ein komplexes System aus allen Ansätzen gab es noch nicht, die Methoden polarisierten stark. Die Australier und Neuseeländer waren dann vorgeprescht, die Finnen sollten bald folgen, wenn auch später bekannt wurde, dass sie sich der inzwischen verbotenen Form des Blutdopings bedienten, Briten, Italiener und Spanier zogen nach, die deutsche Langstreckenszene erlebte in Ost und West Ende der 70er Jahre Hochzeiten und vor allem eins wurde überdeutlich – der schwarze Kontinent war nicht mehr aufzuhalten. Kenia und Äthiopien sollte die übrige Laufwelt bis zum nächsten Jahrtausend überrennen. Die derzeit gültige Form modernen Langstreckentrainings war gefunden worden und musste nicht alle Jahre wieder neu erfunden werden. Von der deutschen Langstreckenlaufherrlichkeit blieb nach der Wende zunächst nur noch der „weiße Kenianer“ Dieter Baumann übrig und in seinem Sog ein nicht unumstrittener Stephane Franke. Carsten Eich und André Pollmächer blieben in der Folge zwar auch noch unter 28 Minuten, international festsetzen konnten sich aber beide nicht mehr. Dies gelang zumindest Jan Fitschen als Europameister 2006 mit einer niedrigen 28er Zeit nochmals. Sein Trainingssystem ist öffentlich (siehe www.la-coaching-academy.de) und zeigt deutliche Strukturen aus alten, glänzenden Zeiten. Inzwischen wird man aber mit 29:45 Deutscher Meister auf der längsten Bahndistanz. Allein die von fast allen in Frage kommenden deutschen Läufern angebotenen 5000 m/10.000 m Relationen zeigen, dass die früher einmal gültige Faustregel „doppelte 5000 m Zeit plus eine Minute für die 10.000 m“ in den meisten Fällen klar verfehlt wird, ein deutliches Indiz dafür, dass Qualität und Quantität schon lange nicht mehr einer Option für ein Annähern zumindest an die europäische Spitze entsprechen.