Ein Leserbrief von Loni Schroll, Langstreckenkenner aus dem Fränkischen

pfliegerphilipp1_dm09_kiefnerfotoRoth, 21. März 2010 (Schroll) - Nicht nur in London, sondern noch viele Jahre werden Deutschlands Läufer hinterher laufen, wenn nicht die notwendigen strukturellen Veränderungen erfolgen. Seit 30 Jahren sind ständig rückläufige Zahlen im leistungsorientierten Lauf-Sport zu verzeichnen im Gegensatz zu den Steigerungen im Hobby-Läufer-Bereich bei den Stadtmarathons. Auf regionaler Ebene gibt es kaum noch Bezirks- oder Kreis-Meisterschaften und die kürzlichen acht Meldungen zur deutschen Hallen-Meisterschaft über 800 Meter der Männer lassen Schlimmstes befürchten. Die Zahl junger Athleten der Hauptklasse bei Laufveranstaltungen fällt stetig. Der Anteil der Senioren liegt heute schon teilweise bei  90%.

Wer soll oder kann in unserem Bildungs- und Gesellschaftssystem unter den derzeitigen Bedingungen noch zeitintensiven Hochleistungssport mit langjährigem Aufbau betreiben? Eine bewegungsarme Gesellschaft – Deutschland bewegt sich?? -  ins Diabetes-Zeitalter?!! - mit PC - gestörten Kindern, gestressten G8-Schülern und unter knebelnden Studien- und Prüfungsbedingungen leidenden Studenten entzieht den wenigen potentiellen Zukunftshoffnungen jegliche Basis. Bei uns sind Spitzenathleten bzgl. Prüfungsbestimmungen und Studiendauer weitgehend vom Wohlwollen der Hochschule bzw. der Dozenten abhängig. Für eine dauerhafte hochleistungsorientierte Entwicklung wären grundsätzliche Änderungen mit deutlich flexibleren Bestimmungen in allen Bildungsebenen nötig.

Wer mehr oder weniger stark geschädigt unser „Bildungs-Programm“ überstanden hat, wird anschließend beim Einstieg in die profitorientierte Arbeitswelt seiner letzten Motivation beraubt. Erstaunlich nur, dass trotz misslichster Voraussetzungen immer wieder Ausnahmeathleten mit Perspektiven für absolute Höchstleistungen auftauchen. Nicht selten wird dann jedoch der letzte Akt eingeleitet, wenn unqualifizierte Trainer im Verbund mit beratungsresistenten Athleten den Absturz ins jahrelange Mittelmaß bzw. gleich den totalen Ausstieg einleiten. Beispiele hierfür findet man genügend, wenn man die Jugend-Besten der letzten 10 Jahre betrachtet.

Ein nicht geringer Teil unserer Athleten scheint darüber hinaus den organisatorischen Anforderungen im Leistungssport nicht gewachsen zu sein. Mangelnde Motivation und gravierendes Fehlverhalten in elementarsten Angelegenheiten sind an der Tagesordnung und werden sowohl von Trainern als auch Athleten entweder nicht erkannt oder nicht beachtet. Ernährung scheint für viele ein Fremdwort zu sein. Auch die Bereitschaft den notwendigen Trainingsumfang zu bewältigen, scheint sich negativ entwickelt zu haben. Für viele Läufer der Jahre 1970 – 1990, auch auf Landes- und Bezirksebene, waren 200 und mehr Wochenkilometer das übliche Programm.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel des 27-jährigen Spaniers Sergio Sanchez (s. LA Nr.7, S. 6). Er hatte sich nach seiner enttäuschenden Leistung bei der LA-Weltmeisterschaft im August 2009 in Berlin (ausgeschieden als einer der Letzten im 5000 Meter-Vorlauf) Gedanken gemacht und erkannt, dass eine Weiterführung seiner Karriere in der bisherigen Art keine Aussicht auf Erfolg versprach. Ab September 2009 begann er nach afrikanischem Muster zu trainieren und seine Ernährung völlig umzustellen. Anstelle üppiger Fleischportionen bevorzugte er nun noch mehr Obst, Gemüse und Fisch  und versuchte Ernährungsfehler zu vermeiden.

Nach nur 5 Monaten pulverisierte der junge Spanier seine persönlichen Bestleistungen und ist mit zwei Europa-Rekorden in den Leistungsbereich der Afrikaner vorgedrungen. In Doha legte er nun noch mal drauf: Vizeweltmeister über 3000 Meter in der Halle! Dass diese Grundsätze nicht nur für die Athleten in der Weltspitze, sondern in allen Leistungsbereichen gelten, belegt die Leistungsentwicklung konsequent arbeitender Läufer auch auf Landes- und Bezirksebene.